Fahrbericht Renault Scénic Energy TCe 130 Anders geht so

Mit dem Scénic ist Renault der Beweis gelungen, dass Vans nicht langweilig sein müssen. Leider wirkt seine Andersartigkeit aber an vielen Stellen zu bemüht: Es wimmelt von guten Ideen mit mäßiger Umsetzung.

Jürgen Pander

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In einer Folge der Autosendung "Top Gear" aus dem Jahr 2008 entdeckt Moderator Jeremy Clarkson im Vauxhall Signum zwei Staufächer für Sellerie. Sie befinden sich am Dach, direkt über der Mittelkonsole: schmale, längliche Behältnisse. Mit großer Wahrscheinlichkeit hatten die Designer bei der Konstruktion nicht explizit an einen Aufbewahrungsort für Selleriestengel gedacht - aber Clarkson verdeutlicht die seltsame Nutzlosigkeit der Fächer mit dem passenden Gemüse.

"Top Gear": Jeremy Clarkson und das Selleriefach

Fast zehn Jahre später wiederholt sich Automobilgeschichte: Auch der Renault Scénic hat zwei Aussparungen, deren Sinn sich nicht so richtig erschließen möchte. Sie befinden sich im Boden, unter den Füßen des Fahrers und des Beifahrers. Versenkungen mit einer Klappe, verdeckt von den Matten. Bestimmt lässt sich darin gut eine Dose Cola schmuggeln.

Diese beiden Fächer stören nicht weiter, sie sind ja gut versteckt. Aber sie stehen stellvertretend für ein Problem des Scénic: Dieses Auto will unbedingt anders sein als der Durchschnittsvan. Cleverer und poppiger als die "Pampersbomber" der Konkurrenz, bei denen jeder Esprit dem Pragmatismus geopfert wird. Eigentlich ein guter Vorsatz von Renault. Doch die Umsetzung hat nicht in jeder Hinsicht geklappt.

Das Geheimfach unter der Fußmatte
Jürgen Pander

Das Geheimfach unter der Fußmatte

Richtig gelungen beim Scénic ist das Design. Beim Anblick von VW Touran, Opel Zafira oder BMW 2er Active Tourer benötigt man anschließend einen doppelten Espresso, um wieder wach zu werden. Beim Renault herrscht dagegen Mut statt Müdigkeit. Die vielen Falten an dem Auto, das große Emblem im Kühler und der krasse Knick kurz nach der B-Säule ergeben ein stimmiges Bild, und trotz der der verspielten Linien wirkt der Wagen nicht barock, sondern kompakt. Hinzu kommen auffällige Details: Wann hatte man bei einem Van zuletzt das Bedürfnis, die Räder anzufassen? Beim Scénic möchte man jedenfalls sofort über die Schraffur an den Felgen streicheln.

"Der Scénic ist ein Auto für Eltern, die noch immer verliebt sind", sagte Renault-Designchef Laurens van den Acker über sein Werk. Wenn es nicht seine eigenen Worte waren, dann hat sich die Marketingabteilung eine Gehaltserhöhung verdient, denn schöner lässt sich die Form nicht in Worte kleiden.

Außen sorgt der Scénic also erst einmal für Herzklopfen. Innen aber leider mitunter für Pulsrasen.

Türe auf, schon erklingt eine Melodie. Die Willkommensfanfare erträgt man genau ein Mal. Die Displaybeleuchtung ist je nach Fahrmodus unterschiedlich penetrant, im neutralen Comfort-Modus schimmert sie in erträglichem Blau, im Eco-Modus aber in grellem Grün und im Sport-Modus in kreischendem Rot. Durch die sogenannte Ambientbeleuchtung mit großer Farbpalette lässt es sich noch bunter treiben. Doch wer möchte schon auf Dauer in einer Disco durch die Gegend fahren? Um Gebimmel und Lichtshow dann auf ein erträgliches Maß zu dimmen, muss erst einmal das Handbuch studiert werden. Das sind die Momente, in denen man sich nach der gepflegten Langeweile eines Touran sehnt.

Liebe Spracherkennung: Das muss ein Missverständnis sein

Für einen kurzen Moment der Beruhigung sorgt ein Blick auf die Mittelkonsole: Sie wirkt aufgeräumt und mit dem großzügig abgemessenen Bildschirm im Hochformat sehr übersichtlich. Leider wird es aber auch hier schnell unpraktisch, wo dreht man denn zum Beispiel die Musik leiser, hier vielleicht, ach nein, das ist der Klimaregler. Vielleicht am Lenkrad? Dort gibt es eine Menge Knöpfe, aber keinen für die Lautstärke. Der Hebel steckt, wie bei Renault üblich, hinter dem Volant. An diese Bedienung gewöhnt man sich schnell - wahlweise kann man auch quer über den Touchscreen greifen und am Bildschirmrand lauter und leiser drücken, aber das ist umständlich.

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Fahrbericht Renault Scénic: Familienauto mit Geheimfach

Das Navigationssystem spielte ab und zu ein seltsames Verwirrspiel, in Hamburg jedenfalls schien es sich nicht richtig auszukennen. Und die Spracherkennung und ich, wir redeten aneinander vorbei: Wenn ich "Nina" sagte, wählte das Auto die Nummer von "Lena". Nicht gut für die Beziehung von Eltern, die noch immer verliebt sind, Herr van den Acker!

Noch zwei Beispiele für gute Ansätze im Scénic, die nicht konsequent zu Ende gedacht wurden: Die hintere Sitzreihe lässt sich per Knopfdruck bequem umklappen in eine große, fast ebene Ladefläche verwandeln. Doch dann entpuppt sich das Entfernen der Kofferraumabdeckung als fummelig.

Und der Schlüssel ist leicht und flach, aber im Dunkeln kann man die Knöpfchen für die Ent- oder Verriegelung nicht auseinanderhalten, weil die Symbole schwarz auf schwarz sind. Letzteres ist nicht so schlimm, weil es ein gut funktionierendes Funkverbindungsystem zum automatischen Öffnen und Schließen der Türen gibt und man den Schlüssel gar nicht mehr aus Tasche holen muss.

Was die Fahreigenschaften betrifft: Abgesehen von einer etwas schwammigen Lenkung rollt der Testwagen, ein Benziner mit 132 PS, ganz okay und unaufgeregt - wie man es von einem Van eben nicht anders erwartet. Der offizielle Normverbrauch ist mit 5,8 Litern pro 100 Kilometer angegeben. 8,5 Liter kommen der Wahrheit näher. Auf einer längeren Autobahnfahrt wünscht man sich einen Geschwindigkeitsregler, der automatisch beschleunigt oder verzögert, um einen bestimmten Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug zu halten - aber diese Funktion wird für den Scénic nicht angeboten.

Wenn Schubladen-Denken Sinn macht

Das Platzangebot ist in Ordnung. Um den Kinderwagen im Gepäckabteil unterzukriegen, braucht man allerdings schon ein faltbares Exemplar, und weil diese teuer sind, kann man auch gleich für 1300 Euro Mehrpreis einen Renault Grand Scénic kaufen, der ist 20 Zentimeter länger als die normale Variante.

Neben dem Coladosenfach unter den Fußmatten gibt es übrigens auch Staumöglichkeiten, die wirklich Sinn machen: Die große Luke im Kofferraumboden, oder die tiefe und verschiebbare Mittelkonsole. Am meisten Freude macht aber die Schublade auf der Beifahrerseite - sie ist das bessere Handschuhfach. Zum einen bietet sie mehr Platz und zum anderen erspart man sich das nervige Zuhämmern der Klappe. Jeremy Clarkson könnte bequem eine kleine Gemüseabteilung darin unterbringen.

Schade bloß, dass auch das Schubladenkonzept an Grenzen stößt. In diesem Fall an die Knie des Beifahrers.

Fahrzeugschein
Hersteller: Renault
Typ: Scénic Energy TCe 130
Karosserie: Van
Motor: Reihenvierzylinder
Getriebe: Sechsgang-Schaltgetriebe
Antrieb: Front
Hubraum: 1.197 ccm
Leistung: 132 PS (97 kW)
Drehmoment: 205 Nm
Von 0 auf 100: 11,4 s
Höchstgeschw.: 195 km/h
Verbrauch (ECE): 5,8 Liter
CO2-Ausstoß: 130 g/km
Kraftstoff: Benzin
Kofferraum: 506 Liter
umgebaut: 1.554 Liter
Gewicht: 1.505 kg
Maße: 4407 / 1866 / 1645
Preis: 28.350 EUR
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insgesamt 89 Beiträge
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Seite 1
chukwumeze 16.02.2017
1. Redaktion, bitte korrigieren:
"Es wimmelt von gute Ideen mit mäßiger Umsetzung." Plural mit Endung -n. Oder soll die Grammatik den Inhalt illustrieren?
rabenzucht 16.02.2017
2. Französische Autos waren schon immer anders
neuer Fahrbericht über einen Renault, ich probiere es immer wieder, mal sehen, ob die Redaktion heute mal ausnahmsweise einen Clown gefrühstückt hat: Der Herr schütze uns vor Sturm und Wind uns Autos die aus Frankreich sind. Das war schon bei den Renaults zu R4 Zeiten so, unterm Hintern weggegammelt, fürs Schrauben waren Hände mit extra Gelenken notwendig, bei einem Citroen waren nach ca. 220.000 km die Zylinderwände osmotisch, d.h. Kühlwasser ist in den Verbrennungsraum eingedrungen, Totalschaden. Nachhaltigkeit sieht anders aus. Da ist mir dann ein langweiliger Auftritt lieber als eine Form "für Verliebte"
hannasagmalzopf 16.02.2017
3. Mir wird schlecht!
Dieses Design verursacht ja Augenkrebs. Wo sind die schönen Limousinenformen der 80er und 90er hin!? Nein, ein neues Auto kommt mir nie wieder ins Haus. Bis ich zum Elektroautokauf gezwungen werde. Aber, das wird ja auch nicht mehr lange dauern...
vrdeutschland 16.02.2017
4. Eigentlich
sollte man diese Autotests ja nicht mehr durchlesen, weil man sich eh immer nur über den Autor aufregt. Die Radiobedienung ist hinter dem Lenkrad, ja. War schon immer so bei Renault und bleibt hoffentlich auch. So wie bei Mercedes der Tempomat seit 100 Jahren immer oben war. Und nur bei ein paar Amis damit nicht zurecht kamen, hat man den jetzt schwachsinnigerweise nach unten gelegt. Und wie sich die Testverbräuche immer erschließen ist mir ein Rätsel. Dass der Normverbrauch nicht eingehalten werden kann: ok. Aber der Vorgänger läßt sich bequem mit 7 - 7,5 l fahren. Aber wenn man sieht, wie die Leute heutzutage fahren, da ja anscheinend 90 % der Autos Flotten- bzw. Dienstfahrzeuge mit Tankkarte sind, braucht man sich über solche Verbräuche nicht mehr wundern. Wenn die Regierung was gegen den Co2-Ausstoß tun möchte, sollte sie als erstes die Bezuschussung bzw. Tankkarten für Kraftstoff verbieten.
herm16 16.02.2017
5. der
Verbrauch weicht um 3 Liter ab. Kein Aufschrei! Wäre es ein VW, was wäre los. Dies zeigt, dass wir verlässliche Verbrauchsmessungen brauchen.
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