Autogramm Rolls-Royce Dawn Heißer offen

Eine Fahrt mit dem Dawn ist eine der exklusivsten Arten, sich die Frisur zu zersausen. Passend dazu reden sie bei Rolls-Royce im Zusammenhang mit dem neuen Cabrio gleich über Sex.

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Rolls-Royce

Der erste Eindruck: Limousinen von Rolls-Royce wirken generell wie rollende Burgen - das Cabriomodell Dawn ist dementsprechend ein Luftschloss.

Das sagt der Hersteller: "Ein Prickeln auf der Haut, das die Lebensgeister für den aufziehenden Tag weckt" - wenn Torsten Müller-Ötvös erklärt, weshalb das Cabrio ausgerechnet nach der morgendlichen Dämmerung benannt ist, wird der Rolls-Royce-Chef zum Poeten.

Überhaupt scheinen sich bei der Luxusmarke plötzlich Bohème und Big Business zu vermischen: Im Management lassen sie jetzt manchmal ganz leger das Hemd aus der Hose hängen. Und man kann froh sein, wenn es nur beim Hemd bleibt. Denn als der Pressesprecher über das für einen Rolls-Royce fast filigrane Heck des Dawn streicht und die Wölbung der Kotflügel nachzeichnet, sagt er tatsächlich "Let's talk about Sex, Baby."

TOM GRÜNWEG
Das ist uns aufgefallen: So aufdringlich wie der neue Rolls-Royce-Sprech vermuten lässt, ist der Wagen eigentlich gar nicht. Ganz im Gegenteil - er ist ein wahrer Leisetreter, jedenfalls mit geschlossenem Dach. Dann sieht das Auto aus wie ein elegantes Coupé, und kein Rauschen oder Pfeifen dringt durch die sechs Lagen des Softtops. Dessen Ränder legen sich wie Klauen über die rahmenlosen Scheiben, und die Stoffbahnen sind eigens mit sogenannten französischen Nähten nach innen gesäumt. So fühlt man sich im Innern wie abgekapselt von der Welt.

Lautlos und effizient wie ein guter Butler arbeiten auch die Hydraulik und die Elektromotoren des Verdecksystems. Binnen 22 Sekunden faltet sich das Dach, das mit einer Fläche von 4,7 Quadratmetern zu den größten am Markt zählt, unter die Holzvertäfelung auf dem Achterdeck des Luxusliners ein.

Selbst entblößt bewahrt der Dawn eine Aura der Unnahbarkeit. Ist das Dach unten und man selbst an der frischen Luft, fühlt man sich immer noch von der Außenwelt entrückt. Unter freiem Himmel und trotzdem weit weg von den anderen, ein bisschen vielleicht wie die Royals auf vom Balkon des Buckingham Palace, wenn sie dem Volk zuwinken. So ein Gefühl gibt es sonst in keinem anderen Cabrio. Genauso einzigartig ist das üppige Platzangebot. Denn der Dawn ist der erste offene Viersitzer, der tatsächlich für vier Personen taugt. Kein Wunder, bei 3,11 Meter Radstand.

Mutter Natur zeigt sich dagegen wenig beeindruckt von einem teuren Auto - und bei Rolls-Royce haben sie überraschend wenig dafür getan, die Umwelteinflüsse auszuschließen. Weht plötzlich eine steife Brise durch den Wagen, fragt man sich unweigerlich, ob man jetzt tatsächlich von Hand ein Windschott aufstellen muss oder warum nicht wenigstens auf Knopfdruck ein kleiner Luftfang zwischen den hinteren Kopfstützen hochsurrt. Und während mittlerweile sogar in Sportwagen ein Heißluftgebläse zum Zweck des immerwährenden Sommers in den Kopfstützen installiert ist, bieten die Briten so einen Nackenfön nicht an.

Allerdings kommt man auch nicht in Versuchung, den Fahrtwind zu stürmisch blasen zu lassen: Das Fahren wird in diesem Auto nämlich zur Nebensache. Denn bei aller Opulenz, die mit einem Zwölfzylinder mit 570 PS und 780 Nm einhergeht, zählt bei Rolls-Royce mehr der Genuss als die Geschwindigkeit. "Waftability" nennen die Briten dieses Gefühl der Mühelosigkeit, dem jede Aufregung und Anstrengung fremd ist. Dieses Cabrio federt wunderbar weich, die Automatik schaltet sanft und behutsam und der Motor ist perfekt gedämmt. Passend zu diesem filirganen Fahrgefühl ist das Lenkrad superdünn und steht steiler als bei den meisten anderen Autos. Mag sein, dass man mit einem Bentley Continental schneller am Ziel ist - aber in einem Rolls-Royce hat man dafür länger Spaß.

Das muss man wissen. Rot wird man im Dawn nicht nur wegen der UV-Strahlung, sondern auch wegen des Preises. Fast genau 330.000 Euro verlangen die Briten für das Cabrio. Ein Rolls-Royce ist nach Lesart des Herstellers nun mal ein Luxusgut, das man eher mit einem Appartement oder einer Yacht statt mit anderen Autos vergleichen müsse.

Man kann sich diesen Betrag aber auch mit markeninternen Maßstäben schönrechnen - schließlich ist der Dawn gut 130.000 Euro billiger als das Rolls-Royce Phantom Drophead Coupé. Weil dessen Produktion aber in den nächsten Wochen eingestellt und nach dem für 2018 geplanten Generationswechsel des Phantom nicht wieder aufgenommen wird, ist der Dawn trotzdem bald weltweit der teuerste Viersitzer mit freiem Blick zum Himmel.

Für viele Kunden scheint dieser Superlativ mehr Anreiz als Abtörner zu sein: Die ersten 800 Autos sind laut Hersteller bereits verkauft und werden ab April ausgeliefert.

Das werden wir nicht vergessen: Das Verdeck. Trotz des riesigen Formats öffnet und schließt sich die Anlage so flüsterleise, dass der Vorgang wie eine Ballettaufzeichnung aus der Stummfilmzeit wirkt.

Eigentlich ziemlich viel Aufwand für einen Wagen, dessen Besitzer kaum in Verlegenheit kommen, bei schlechtem Wetter und geschlossenem Dach fahren zu müssen. Denn erstens ist die Klientel doch sowieso meistens auf der Sonnenseite des Lebens unterwegs. Und sollten wirklich mal Wolken aufziehen, dürfte es dem durchnittlichen Rolls-Royce-Kunden kaum an Alternativen mangeln. Laut Marktforschung hat er nänmlich mehr als ein Dutzend anderer Fahrzeuge in der Garage.



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insgesamt 32 Beiträge
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Seite 1
upalatus 23.03.2016
1.
Anstatt dieser Badewanne auf Rädern kann man sich auch die noch plunsigere, aber günstigere evoque-Cabriowanne zulegen. Ist hier Sex deshalb ein Thema? Weil`s sich in ner Wanne gut treiben läßt? Dazu fehlen im Dawn aber die ausfahrbaren Sterling-Kerzenhalter. Welch faux pas....
hgri 23.03.2016
2. Tolles Auto
Warum das? Es sind die ausgewogenen Proportionen. Das wirkt in sich schlüssig. Dass dieses Trumm von Auto ein durchaus diskutierbares "Fortbewegungsmittel" ist steht außer Frage aber hat mit der gelungenen Linienführung erstmal nichts tun. Man würde sich diese Geradlinigkeit auch für Autos der Mittelklasse wünschen. (Den Grill natürlich nicht).
vulcan 23.03.2016
3. Nett
Hübscher Wagen...mal meinen Kontostand checken. Wenn der Autor dieses Lenkrad als 'superdünn' bezeichnet, hat er noch kein wirklich dünnes Lenkrad gesehen. Im Gegensatz zu den derzeit modernen, kaum umfassbaren Lenkrädern ist es allerdings eher zierlich. Gut so.
Tante_Frieda 23.03.2016
4. Vorstellung
Ich stelle mir gerade vor,wie ein paar freche Lausbuben sich an einem abseits geparkten Rolls mit geschlossenem Dach zu schaffen machen und diese Abdeckung beherzt mit einem Taschenmesser durchschneiden...Ich weiß:Ist natürlich der pure Sozialneid ;-)
patrick6 23.03.2016
5. Deutlich netter...
...als der Phantom (mit den hässlichen Deflektoren). Aber ich finde immer noch, richtige Stossfänger (Chrom!!) stünden dem Auto gut. Irgendwie wirkt es jetzt so, als hätte da wer was abgebaut, vor allem vorn.
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