Fahrbericht S 63 AMG 4 Matic+ Familienduell

612 PS im Alltagsfahrzeug: Vollkommen überflüssig, findet der Autor. "Geil!", sagen die Kinder. Wer überzeugt wen? Zwei Wochen im S 63 AMG sollen die Entscheidung bringen.

Daimler

Von


Am Anfang dieses Textes muss der Fairness halber ein Geständnis stehen: Ich bin kein Fan der Marke AMG. Der Haustuner von Daimler-Benz verwandelt - in meinen Augen - Modelle aus allen Baureihen der Marke in Muckibuden auf Rädern. Wenig an diesen Autos ist elegant. Die Optik ist aufgepumpt. Der Sound ist, anders als zum Beispiel bei italienischen Sportwagen und Limousinen, keine feine Zylinder-Arie, die sich mit der Drehzahl in die Höhe schraubt. Wenn ein AMG vorbeifährt und der Fahrer latscht aufs Gas (und das tun AMG-Fahrer oft und gern), klingt das, als hätte jemand sehr laut gerülpst.

Ich muss allerdings auch einsehen, dass ich mit meiner Abneigung ziemlich allein dastehe. Vor allem aus dem Kreis der Familie bekomme ich Gegenwind der Stärke 9 Beaufort. Wann immer sich ein AMG im Straßenverkehr an uns vorbeibewegt, provoziert das Begeisterungsschreie bei meinen Söhnen. "Guck mal da, ein AMG!" Die von mir als unanständig empfundene Geräuschentwicklung dieser Fahrzeuge löst bei ihnen verlässlich Jubel aus. Desinteresse am Automobil, wie es von Medien der nachwachsenden Generation zugeschrieben wird, kann ich bei meinen Kindern jedenfalls nicht beobachten.

Fotostrecke

13  Bilder
Fahrbericht S 63 AMG 4 Matic+: Und hinten schreien die Kinder: "Lauter!"

Aus diesem Gegensatz heraus entstand die Idee für ein Experiment. Ein AMG-Testwagen musste her. Und dann sollte geklärt werden, wer wen überzeugt: Würde ich der Faszination roher Gewalt erliegen, meine Kinder also mich mit ihrer Begeisterung anstecken? Oder könnte ich mit meiner Stimme der Vernunft in ihr unzweifelhaft von Abgasen und Testosteron vernebeltes Gehirn vordringen?

Warum so leise?

Und so steht eines Tages ein schneeweißer S63 AMG bei uns vor der Haustür. Wobei schneeweiß nicht ganz richtig ist: Das "Carbon-Paket" mit schwarzen Außenspiegeln, schwarzen Felgen und vor allem gigantischen, schwarz eingefassten Lufteinlässen in der vorderen Stoßstange machen deutlich, dass diese S-Klasse keine Sänfte, sondern ein mühsam gezügeltes Kraftpaket ist: 612 PS, 900 Newtonmeter Drehmoment warten darauf, mit dem rechten Fuß entfesselt zu werden.

Umso erstaunlicher ist, was der Druck auf den Startknopf auslöst. Kein Brüllen, kein Rülpsen, stattdessen ein fast friedliches Anspringen des von zwei Turbos beatmeten Aggregats. Zumindest im sogenannten "Comfort"-Modus. Denn natürlich lässt sich der Charakter des Wagens, wie fast bei allen Autos dieser Gattung, durch entsprechende Einstellungen verändern: Comfort, Sport und Sport Plus stehen als vorkonfigurierte Programme zur Auswahl. Bei "Individual" lassen sich Parameter wie Getriebeabstimmung, Fahrwerkshärte und Auspuffgeräusch frei zusammenstellen.

Bei der Charakterfrage wird in den zwei Wochen, in denen der Wagen bei uns ist, keine Einigkeit hergestellt. Während ich mich im zurückhaltenden Comfort-Modus am wohlsten fühle, erschallen vom Rück- und Beifahrersitz ständig Rufe nach der Sport-Plus-Einstellung. In dieser straffen sich die Dämpfer, das Automatikgetriebe zieht die Gänge länger hoch und schaltet beim Gasgeben williger runter, die Parameter der Motorsteuerung verändern sich. Vor allem aber öffnen sich die Schallklappen am Auspuff. Der Wagen röhrt dann wie ein waidwunder Hirsch.

Peinliche Situationen an der Ampel

Am unangenehmsten ist dieser Modus beim Heranrollen an die Ampel. Bei jedem Runterschalten spritzt die Motorsteuerung Benzin ein, das nicht gezündet wird und dann lautstark im heißen Auspuff abfackelt - im Volksmund "Fehlzündungen" genannt. Dann spratzelt und knallt es beim Ausrollen bei jedem Gangwechsel so laut, dass alle Passanten an der Ampel entgeistert herüberschauen. Ich wünsche mir in diesen Momenten Rollos rundum und nicht nur vor den hinteren Scheiben. Meine Kinder quittieren die akustische Zeigefreudigkeit jedes Mal mit Johlen.

Apropos Gangwechsel: Das Automatikgetriebe ist leider nicht immer Herr der Lage, bei abrupten Gaswechseln wirkt es so, als hätte es Probleme, den richtigen Gang herauszusuchen und/oder genehmigt sich längere Gedenkpausen. Überhaupt gibt es einige Dinge, die - vollkommen abgesehen von Tuningaspekten - etwas anstrengend sind bei dem Wagen: Er ist ja nicht gerade klein, die Fenster sind es aber umso mehr. Übersichtlich ist er also nicht. Es dauert eine Weile, bis man sich daran gewöhnt hat, was auch an den Rollos liegen mag, die an der Heckscheibe und den hinteren Seitenscheiben angebracht sind. Sie lassen natürlich Blicke nach außen zu, beim peripheren Sehen schränken sie aber trotzdem das Blickfeld ein.

Diese Aspekte interessieren meine Kinder natürlich überhaupt nicht. Sie spielen stattdessen mit größter Begeisterung an der Bedienung der Rollos herum. Rauf, runter, rauf, runter. Wie überhaupt permanent herumgefummelt wird, der Wagen bietet dazu ja auch endlose Möglichkeiten. Über den großen Drück-Drehknopf auf der Mittelkonsole und über den XXL-Bildschirm im Armaturenbrett lässt sich nahezu alles am Auto individualisieren und verändern. Beide Sprösslinge entwickeln beim Erschließen der einzelnen Features (zum Beispiel der Massagefunktion der Sitze) eine Detailversessenheit, die ich bei der Erledigung der Hausaufgaben noch nie festgestellt habe.

Ok, ich gebe auf

Gegen diese Begeisterung sehe ich leider bei meinen Missionierungsversuchen keinen Stich. Ob ihnen klar sei, dass man auch mit einem wesentlich kleineren und schwächeren Auto vorankomme und die Umwelt erheblich weniger belasten würde als mit diesem Trumm? Dass die 612 PS nur entstehen, weil man in den 4,0 Liter großen V-8-Motor entsprechend viel Benzin reinschüttet, das hinten in Form von CO2 wieder austritt, das Klima schädigt und ihnen und ihren Kindern womöglich das Leben stark erschwert?

Innenraumbeleuchtung im Mercedes-AMG S 63 4MATIC+
Daimler

Innenraumbeleuchtung im Mercedes-AMG S 63 4MATIC+

Die von mir erhoffte darauffolgende Debatte ist ziemlich kurz. Genau genommen besteht sie aus: "Jaja". Stattdessen diskutieren beide mit zermürbender Ausdauer, welche Farbnuance der stufenlos einstellbaren Innenraumbeleuchtung die optimale ist. Ich wundere mich. Sind das die gleichen Kinder, die mich gern mal runtermachen, weil ich kein Bio-Fleisch kaufe und mir Vorträge über nachhaltige Landwirtschaft halten, bevorzugt im Discounter an der Kasse? Frustrierend auch, wie mich mein Neffe auskontert, der Anfang zwanzig ist und auch unbedingt mal mitfahren will, nachdem er gehört hatte, dass der AMG da ist: "Klar ist der nicht gut für die Umwelt", sagt er. Für einen kurzen Moment schöpfe ich Hoffnung. "Aber ich kann mir den wahrscheinlich eh nie leisten", sagt er.

Je länger die Testfahrt dauert, desto mehr schwindet meine Hoffnung, den Kampf zu gewinnen. Im Gegenteil: Ich merke, wie ich mich mit dem Wagen anfreunde. Ist doch gar nicht so schlimm! Im Comfort-Modus lässt er sich immerhin vergleichsweise unauffällig bewegen! Und ab und zu mal 612 PS mobilisieren macht irgendwie auch Spaß. Wobei unauffällig natürlich relativ ist. In der Nachbarschaft ruft der Wagen Erregung hervor. Positive: "Geil, wo hast Du den denn her?" fragen mich plötzlich Leute, von denen ich immer dachte, dass sie mit dem Begriff "Geile Karre" einen U-Bahn-Waggon verbinden.

Pubertier für immer

Aber obwohl meine Toleranzschwelle steigt - restlos entzündet bin ich nicht. Und kann die Begeisterung auch immer noch nicht verstehen. Bis ich eines Abends den Wagen auf der anderen Straßenseite abstelle, zu meiner Haustüre gehe und zusammen mit den Jungs den Wagen von dort aus beobachte. Die Scheinwerfer leuchten noch eine Weile nach und gehen dann aus. Bei den Rückleuchten erinnern einzelne, quer verlaufende LED-Streifen an die alten Mercedes-Rücklampen mit dem geriffelten Leuchtengehäuse. Von oben nach unten geht ein Streifen nach dem anderen aus. "Wow, guck mal!", rufen meine Kinder, und ich muss ihnen recht geben: Eine irre Inszenierung. Was für eine Show!

Und plötzlich verstehe ich. Es ist die Begeisterung für ein gigantisches, sehr, sehr teures Spielzeug. An dem man beinahe endlos herumdaddeln kann. Ein Auto für Kunden, die im Körper eines Erwachsenen stecken, aber eigentlich noch Kind oder Jugendlicher sind. Menschen, die in gewisser Weise noch weniger von der Vernunft geleitet sind und ruhig geworden, sondern wie Pubertierende immer einen Tick zu laut, immer auf der Suche nach Aufmerksamkeit, aber auch auf eine gewisse Weise noch unbeschwert. Das kann man verachtenswert finden oder beneidenswert - ich zumindest bin froh, endlich zu verstehen, was Menschen an diesen Autos reizt.

Und ich weiß jetzt auch, warum kaum ein AMG, dem man auf der Straße begegnet, im Komfort-Modus fährt. Zumindest unter männlichen Jugendlichen ist es in der Pubertät nämlich nicht unüblich, dass sich die soziale Stellung daraus ableitet, wer am lautesten Rülpsen kann.

Fahrzeugschein
Hersteller: Mercedes
Typ: AMG S 63 4Matic+
Karosserie: Limousine
Motor: Biturbo-V8-Direkteinspritzer
Getriebe: Automatik
Antrieb: Allrad
Hubraum: 3.982 ccm
Leistung: 612 PS (450 kW)
Drehmoment: 900 Nm
Von 0 auf 100: 3,5 s
Höchstgeschw.: 250 km/h
Verbrauch (ECE): 8,9 Liter
CO2-Ausstoß: 203 g/km
Kofferraum: 510 Liter
Gewicht: 1.995 kg
Maße: 5287/1915/1499
Preis: 160.293 EUR


insgesamt 138 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
spon_3711034 08.06.2018
1. Rückständig
ist dieses PS-Geprotze in meinen Augen einfach und passt nicht mehr in die Zeit. Ich fahre gerne schnell (wenn der Verkehr das noch zulässt), erreiche aber 190km/h mit 105 PS und ohne unnötigen Lärm. Früher entstanden Fehlzündungen weil die Motoren technisch nicht so ausgereift waren, heute muß man die Umwelt mit unnötigem Krach künstlich belästigen. Einfach nur überflüssig solche Autos
na.tr 08.06.2018
2. Machen Sie den selben Versuch mal mit einem Tesla
Ich bin sicher, dass Ihre Kinder von der Fahrt in einem Tesla Model S (es muss gar kein Performance Modell sein) mindestens ebenso begeistert wären wie in einem AMG. Die lautlose unmittelbare Beschleunigung ohne Getrieberuckeln kommt bei meinen Teenagern besser an als die Fahrt in unserem damaligen AMG C55 - der ist rückwirkend nur noch als peinlich in Erinnerung...
lila72 08.06.2018
3. 2 Wochen testen
klar, kann ja auch jeder Ottonormalautofahrer machen. Ich werde mal zum Händler fahren. Aber wahrscheinlich fehlt mir da ein kleines Papierchen mit der Aufschrift "Presse" ... Dass eine S-Klasse so verhunzt wird, finde ich zumindest nicht schön. es hätten auch 1000 PS sein können, aber optisch und akustisch so verpackt, dass es von aussen nicht zu erkennen ist. Bei allen aktuellen S-Klassen finde ich übrigens das Armaturen"brett" schlimm
fehleinschätzung 08.06.2018
4. schön wäre es
wenn Sie sich mit maximaler Lautstärke in Ihrem unmittelbaren Wohnumfeld bewegen könnten und in der Stadt auf lautlos umschalten würden. So kommt die Message auch bei denen an, die Sie und Ihre Familie beeindrucken können. Alle anderen Bewohner der Stadt finden Straßenlärm, besonders auf dem Balkon im Sommer nervig. Vom sinnlosen Knall an der Ampel bis zu reißen der Gänge bis zur nächsten roten Ampel. Ich gehe jetzt mal davon aus, das der Wagen extra gut gedämmt ist und die Lautstärke des Auspuffs extra hoch sein muss, um im Fahrzeug überhaupt etwas zu hören. Also Fenster zu und versuchen, mindestens einen Kilometer vor Ihrer Haustür Ihr baldiges Erscheinen versuchen anzukündigen. Sie schaffen das und man wird Sie begeistert empfangen, besonders in den Mittagsstunden oder in der Nacht, wenn alle Lichter in Ihrer Nachbarschaft angehen. Eine zusätzliche Lichtshow, die Sie sicher mögen werden....
thobar 08.06.2018
5. 4 matic +
allein die Tatsache, dass der Autor schreibt die PS liegen an der Hinterachse an obwohl schon die Modellbezeichnung auf 4Matic+ endet, zeigt wie wenig er sich mit dem Auto auseinandergesetzt hat. er will es halt nicht mögen oder respektieren, was für eine Ingenieursleistung es ist einem 2,3 Tonnengefährt solch eine Dynamik zu entlocken.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.