Saab 9-5 Der Durst fährt mit

Fast ein Jahr dauerte das Hickhack um Saab - jetzt gehört die ehemalige GM-Marke dem holländischen Sportwagenhersteller Spyker. Die Schweden können sich also wieder auf Wesentliches konzentrieren. Das Ergebnis ist der leider etwas enttäuschende Saab 9-5.

Jürgen Pander

Von Jürgen Pander


Sieben Wochen standen die Produktionsbänder im schwedischen Trollhättan still, weil gar nicht klar war, ob es überhaupt noch eine Zukunft für Saab geben würde. Im März dieses Jahres ging die Arbeit dann unter Führung des neuen Eigentümers Spyker weiter. Das erste Modell, das produziert wurde, ist die Neuauflage des Saab 9-5. Symbolträchtiger hätte der Neustart kaum ausfallen können.

Denn der Saab 9-5 war praktisch fertig entwickelt, als die Finanz- und Absatzkrise GM in die Knie zwang. Der Start des neuen Modells wurde auf Eis gelegt. Dabei war die Neuauflage des Wagens überfällig, denn seit 1997 wurde das Auto nahezu unverändert gebaut. Industrieweit ist inzwischen ein Generationswechsel nach spätestens acht Jahren üblich. Zudem ist die Mittelklasse-Baureihe mit dem merkwürdig verkanteten Design das Rückgrat der Marke.

Der Saab 9-5 der zweiten Generation, soll die Marke in eine bessere Zukunft führen. Technisch gesehen stammt das Auto allerdings von gestern, will heißen: die Limousine basiert auf der sogenannten Epsilon-II-Plattform des GM-Konzerns, die beispielsweise auch in den Modellen Opel Insignia oder Cadillac CTS zum Einsatz kommt. Allerdings ist der Saab deutlich länger: Mit 5,01 Meter ist er lediglich sieben Zentimeter kürzer als eine Mercedes S-Klasse.

Das macht sich im Innenraum aber leider nur bedingt bemerkbar. Während auf den Rücksitzen ein formidables Platzangebot herrscht, ist man vorne ziemlich eingebaut zwischen Armaturen und Mittelkonsole. Das beengte Gefühl wird noch verstärkt durch mangelhafte Übersichtlichkeit. Den bescheidenen Ausblick nach hinten ist man von vielen modernen Autos gewohnt. Beim Saab 9-5 ist aber auch die Windschutzscheibe eher Sehschlitz als Panoramafenster - man muss sich an der Ampel weit übers Lenkrad beugen, um mitzukriegen, wann es grün wird.

Saab pflegt weiterhin einen besonderen Stil

Ansonsten haben die Saab-Einrichter auf die Erwartungen ihrer Stammklientel Rücksicht genommen. Der Startknopf sitzt, wie früher das Zündschloss, auf der Konsole zwischen den Vordersitzen. Es gibt nach wie vor die Taste "Night Panel", mit der das Cockpit abgeblendet werden kann, sodass der Fahrer nur noch die wichtigsten Informationen serviert bekommt. Und es gibt eine grüne Instrumentenbeleuchtung, grüne Zeiger und grün schimmernde Zahlen und Symbole auf der Frontscheibe, sofern ein Head-Up-Display (Aufpreis 1000 Euro) an Bord ist.

Unser Testauto war mit dem Zweiliter-Vierzylinder-Turbomotor mit 220 PS bestückt, außerdem mit einem Sechsgang-Schaltgetriebe; eine Sechsstufen-Automatik ist ebenfalls erhältlich, kostet aber 2200 Euro Aufpreis. 220 PS, das hört sich nach ausreichend Schmalz an. Doch in Kombination mit rund 1,8 Tonnen Gewicht relativiert sich dies. Das große Aha-Erlebnis findet jedenfalls nicht statt, wenn man aufs Gaspedal stampft. Fulminante Beschleunigung gibt es nicht, lediglich der Verbrauchswert schießt nach oben.

Nach mehreren hundert Kilometern Testfahrt, davon der überwiegende Teil mit Richtgeschwindigkeit auf der Autobahn, meldete der Bordcomputer einen Durchschnittsverbrauch von 9,7 Liter je 100 Kilometer. Ein vergleichbarer BMW oder Mercedes käme mit zwei bis drei Litern weniger aus.

Ein klassischer Reisewagen - der allerdings zu viel Sprit schluckt

Beim flotten Dahinheilen über lange Distanzen erweist sich der Saab 9-5 als Könner - wenn man vom hohen Verbrauch einmal absieht. Das Auto strahlt eine große Ruhe aus, fährt sich entspannt und bietet, vor allem im höchsten Ausstattungsniveau namens Aero, allerlei Annehmlichkeiten. Sechsfach verstellbare und beheizbare Ledersitze zum Beispiel, Regensensor, zweifach verstellbares Lederlenkrad, Bordcomputer sowie eine Verkehrszeichenerkennung. Letztere verpasste leider ab und zu ein Tempolimit-Schild, insgesamt aber ist es hilfreich, wenn im Cockpit die aktuelle Geschwindigkeitsbegrenzung aufleuchtet.

Der neue Saab 9-5 überzeugt als Lebenszeichen der schwedischen Marke, weil er einige Traditionen der Marke modern interpretiert und weil er ein eigenständig gestaltetes Auto abseits des Mainstream ist. Technisch jedoch ist der Wagen kein großer Wurf. Dem Auto fehlen Spritsparsysteme, wie sie eigentlich in dieser Klasse und auf diesem Preisniveau selbstverständlich sein sollten. Immerhin kostet der 9-5 Aero mit 220-PS-Turbomotor 46.700 Euro (Einstiegspreis des Basismodells mit 180 PS: 33.700 Euro). Ein BMW 523i etwa, mit 3-Liter-Sechszylindermotor und 204 PS, kostet 42.100 Euro. Für echte Saab-Fans kommt es wohl auf den Preis gar nicht so sehr an. Wichtiger ist, dass es überhaupt mal wieder ein neues Auto gibt.

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