Von Tom Grünweg
Optische Offenbarungen sind die Elektroautos, die in den kommenden Monaten auf den Markt kommen, ganz sicher nicht. Das gilt gleichermaßen für Mitsubishi iMiEV, Citroën C-Zero, Peugeot iOn oder Renault Rapide Kangoo ZE. Santi Castellà Daga, Entwicklungsleiter für elektrische Mobilität bei der spanischen VW-Tochter Seat, hält genau das für eine Chance. Denn Seat hat einen kompakten Zweitürer namens IBE entwickelt, der elektrisch angetrieben wird und überaus rassig aussieht. Das 3,83 Meter lange Modell sei ein Elektroauto der "zweiten Generation" sagt Daga.
Bereits im Frühjahr stellte Seat das Auto erstmals vor, für den Autosalon in Paris wurde es außen und vor allem innen gründlich weiterentwickelt - und es fährt nun auch. SPIEGEL ONLINE saß bereits hinterm Steuer, musste allerdings ein paar Regeln beachten. Weil die neue Studie makellos auf der Messe in Frankreich erscheinen sollte, waren bei den ersten Testrunden in den Tagen davor nicht nur die Sitze mit Schutzhüllen bezogen. Sondern ins Auto durfte auch nur mit nagelneuen Schuhen eingestiegen werden - und zwar solchen mit abriebfesten weißen Sohlen.
Gebaut wurde der IBE in der technischen Entwicklung in Martorell. Beteiligt war nicht nur die zehnköpfige Elektroauto-Task-Force von Señor Daga, sondern auch "Antriebs- oder Elektronikspezialisten aus der normalen Entwicklung", wie er sagt. Woher die Komponenten genau stammen, bleibt Betriebsgeheimnis. Nur so viel wird verraten: Der Elektromotor stamme aus dem Konzernregal und die Lithium-Ionen-Akkus kämen von einem europäischen Hersteller.
In Spanien wird der Elektroautokauf bezuschusst
Seat arbeitet am IBE nicht nur, weil Elektroautos bei Designern und Entwicklern gerade zum guten Ton gehören, sondern vor allem deshalb, weil Strom als Antriebsenergie in Spanien ein großes Thema ist. Anders als in Deutschland gibt es dort ein breit aufgestelltes Förderprogramm. "Von den 500 Millionen Euro Beihilfen des Staates profitieren Universitäten, Stromkonzerne, Zulieferer und Seat - sowie die Käufer", sagt Daga. Im Schnitt werde jedes Elektroauto mit 6000 Euro bezuschusst.
Bis auch Seat-Kunden die Beihilfe beantragen können, werden allerdings noch Jahre vergehen. Daga: "Das ist ein reines Forschungsauto." Zumindest die äußere Form jedoch habe eine Zukunft, sagt Designer Amin Sadek. Mit etwas Phantasie kann man in der Studie IBE schon die Skizze für das kommenden Kompaktmodell Leon erkennen, das 2012 an den Start geht.
Hoffentlich können die Designer für das Serienmodell auch etwas aus dem Innenleben retten: Details wie das neue Cockpit, die Sensorfelder am Lenkrad, mit denen man durch die Menüs streicht wie auf einem Computer-Touchpad oder die spindeldürre Mittelkonsole, die wie ein Rückgrat durchs Fahrzeug wächst, sind viel zu gut gelungen, um im Werksmuseum zu enden.
Die großen Elektropläne schrumpfen drastisch
Auch wenn der IBE ein Einzelstück bleibt, steht Seat durchaus unter Strom. In diesen Wochen werden die ersten Modelle des Kompaktwagens Leon mit Plug-In-Hybrid-Technik ausgeliefert. Zwar steckt unter der Haube immer noch ein Verbrenner, doch fahren die Versuchsträger mit einer Akkuladung wenigstens 50 Kilometer elektrisch. Vorerst wurde eine Testflotte von zehn Fahrzeugen gebaut, die bei Behörden in Madrid und Barcelona eingesetzt werden. Die Serienfertigung indes wird erst 2014 beginnen.
Das wird also nicht reichen, um die großspurigen Ankündigungen der Regierung zu erfüllen. "Bis 2014 sollten eine Million Elektroautos auf den Straßen sein", fasst Daga die politische Wunschvorstellung zusammen. Mittlerweile sei in der offiziellen Sprachregelung allerdings nur noch von 250.000 Autos die Rede. Daga: "Schon das könnte schwierig werden."
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Auto | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Tests | RSS |
| alles zum Thema Pariser Autosalon | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH