Ssangyong Chairman W S-Klasse süß-sauer

Mögen andere Mercedes oder BMW fahren, wer in Korea wirklich etwas auf sich und sein Land hält, rollt im Ssangyong Chairman durch den Tigerstaat. Der Wagen ist das dickste Ding, das die aufstrebende Auto-Nation hervorbringt und der Mercedes S-Klasse näher als vermutet.

Tom Grünweg

Korea ein Schwellenland? Zumindest auf der Straße hat der sogenannte Tigerstaat längst den Sprung zu Wohlstand und Hightech geschafft. Auf den breiten Prachtstraßen von Seoul sieht man beinahe mehr Luxuslimousinen als in Stuttgart oder San Francisco. Für europäische Betrachter bietet sich ein gänzlich ungewohntes Bild, denn die schneidigen Schlitten stammen nur in den seltensten Fällen aus dem Ausland. In Korea ist die Oberklasse noch fest in heimischer Hand.

Das dickste Ding in dieser Flotte ist der Chairman. Die fast ausnahmslos in Schwarz lackierte Limousine ist das Flaggschiff der Marke Ssangyong und hat in Korea einen fast so hohen Stellenwert wie ein Rolls-Royce in England. Zwar kennt man die Marke Ssangyong, die mittlerweile zum indischen Mahindra-Konzern gehört, in Deutschland vor allem nur für ihre billigen und bisweilen obskur gestylten Geländewagen und Vans wie den Actyon oder Rodius, doch weil unter den jährlich 130.000 produzierten Fahrzeugen immerhin rund 5000 Chairman-Exemplare sind, ist Ssangyong in Korea eine Art Haus- und Hoflieferant für Bosse und Bonzen.

Joon Kim aus der Exportabteilung von Ssangyong nennt das Modell Chairman gern die "S-Klasse von Seoul". Der Wagen ist 5,14 Meter lang, wurde gerade frisch überarbeitet und tritt genauso barock und prunkvoll auf wie die Gardesoldaten beim Wachwechsel am Daehanmun Tor. Dabei erinnert der dick verchromte Kühlergrill entfernt an den des Maybach, die Scheinwerfer könnten tatsächlich von der Mercedes S-Klasse stammen, und die Kühlerfigur gleicht weniger dem Zwillingsdrachen, der Ssangyong den Namen gegeben hat, als der Rolls-Royce-eigenen Spirit of Ecstasy.

Ganz so anmaßend wie der Vergleich mit der Mercedes S-Klasse in deutschen Ohren vielleicht klingen mag, ist die Formulierung gar nicht: Immerhin hat Ssangyong den Chairman W früher auf einer abgelegten Plattform aus Stuttgart gebaut. Das kleinere Modell Chairman H nutzt noch heute die Bodengruppe einer alten Mercedes E-Klasse. Und auch der fünf Liter große V8-Motor samt siebenstufiger Automatik hat schwäbische Wurzeln. "Nur die feinste Technik aus Deutschland", schwärmt Joon. Die kann sich in Korea normalerweise kaum einer leisten. Weil das Land horrende Importzölle erhebt, kostet ein aktueller Mercedes S 500 in Seoul fast 200 Millionen Won (etwa 140.000 Euro). Der Chairman dagegen kostet laut Joon nur knapp die Hälfte, obwohl er das teuerste Auto aus lokaler Produktion sei.

Massagesitz, Fernseher und Kuschel-Kopfstütze

Mit der Organspende aus Deutschland macht der Wagen eine überraschend gute Figur. Das adaptive Fahrwerk ist weich und die Lenkung leichtgängig wie man es von so einem Luxusdampfer erwartet. Es gibt moderne Assistenzsysteme wie eine Abstandsregelung und eine automatische Parkbremse. Die Klimaanlage fächelt kühle Luft durch eine perforierte Zierleiste, und die Automatik schaltet kaum spürbar. Während der Motor sanft und seidig hochdreht, nimmt der große Gleiter schneller Fahrt auf als die Polizei erlaubt.

In nur etwa sieben Sekunden erreicht das Auto Tempo 100. "Mehr ist in Korea nicht erlaubt ", sagt Joon und erzählt von den 100 Punkten, die jeder Fahrer auf dem Konto hat. Wenn schon das Überqueren einer gelben Linie 30 Punkte kostet, wird wohl kaum einer ausprobieren, ob der Chairman tatsächlich 240 km/h schafft. Außer vielleicht den koreanischen Parlamentsmitgliedern, von denen sich laut Joon fast jeder zweite im Chairman chauffieren lässt.

Zwar greifen die Besserverdiener in Korea, anders als etwa in China, meist selbst ins Steuer. Doch natürlich ist der beste Platz in so einer Limousine hinten rechts. Dann surrt auf Knopfdruck der Beifahrersitz nach vorn, man schlägt bequem die Beine übereinander, lehnt den Kopf in eine kuschelig gepolsterte Kopfstütze und lässt sich den Rücken von den klimatisierten Massagesitzen durchkneten. Deren Pneumatik klingt zwar verdächtig nach Verdauungsproblemen, wird aber von der verführerisch hauchenden Stimme aus dem poppig bunten Navigationssystem übertönt. Außerdem kann man sich auf dem Bildschirm aus der Mittelkonsole das eigene TV- oder Video-Programm anschauen.

Eine Prunklimousine, die in Europa wohl kaum eine Chance hätte

Der normalen Welt ist man in diesem Zustand längst entrückt. Elektrische Jalousien sperren zuverlässig neugierige Blicke aus, das butterweiche Fahrwerk mit adaptiven Dämpfern lässt die Insassen wie auf Wolken auch über schlechte Straßen gleiten, die Klimaanlage klärt den Dunst der Millionen-Metropole und weder vom steten Lärm der Stadt noch vom Motor ist etwas zu hören.

Nach Europa haben es die Chairman-Varianten dennoch bislang nur als Einzelzulassung geschafft. Ssangyong-Manager Joon sagt: "Bis 2008 durften wir den Chairman wegen der Lizenzvereinbarung mit Mercedes nicht exportieren." Aber seit Ssangyong eine eigene Bodengruppe nutze, habe man die Verkaufschancen auf zahlreichen Märkten sondiert und sogar eigens für Europa eine Version mit einem V6-Dieselmotor entwickelt. Doch so richtig punkten konnte das Prunkschiff offenbar nicht, wie Joon einräumt: "Immer, wenn wir unsere Importeure fragten, haben die freundlich abgewinkt."

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