Autogramm Suzuki Baleno Schlichtes Karma

Pep, Image, Sexappeal - für Kleinwagen wie Fiat 500 oder Mini sind das essenzielle Kategorien. Beim neuen Suzuki Baleno spielen derlei Faktoren gar keine Rolle. Das Auto wirkt wie eine fahrende Ausnüchterungszelle. Und überzeugt gerade deswegen.

Suzuki

Der erste Eindruck: Ein ganz normaler, unauffällig-schlichter Kleinwagen.

Das sagt der Hersteller: Es gebe schon genug überteuerte Autoknirpse, bei denen man vor allem für ideelle Werte zahle, sagt Suzuki-Marketing-Mann Christian Andersen. Beim Baleno gehe es dagegen eher um die Inhalte als ums Image. Suzuki hat sich mächtig ins Zeug gelegt, für den Wagen eine komplett neue Architektur entwickelt und die Motorenpalette ausgetauscht.

"Wir wollten den Kleinwagen zur höchsten Vollendung führen", sagt Chefingenieur Kunihiko Ito; dann zählt er die Disziplinen auf, in denen das gelungen sei: Design, Nutzwert, Komfort, Wendigkeit, Fahrleistungen und Effizienz.

Das ist uns aufgefallen: Außen klein, innen groß, dieses Versprechen machen viele Kleinwagenhersteller. Suzuki hält es auch ein. Obwohl der Baleno mit knapp vier Meter Außenlänge in einer Liga mit Opel Corsa & Co. spielt, entspricht das Raumangebot eher dem eines Kompaktklasseautos. Die dünnen Sitzlehnen sowie der Radstand von 2,52 Metern machen es möglich. Selbst der Kofferraum hat mit 355 Liter Fassungsvermögen Kompaktklasseformat.

Entsprechend gut fühlt man sich im Baleno aufgehoben. Nicht nur auf den Vordersitzen kann man sich lang machen, sondern auch im Fond finden zwei Erwachsene bequem Platz - und wenn es sein muss, können sich auch drei Leute reinzwängen. Während andere Kleinwagen vor allem für den Stadtverkehr zugeschnitten sind, sieht Suzuki den Baleno durchaus auch als Langstrecken- oder Autobahnauto. Deshalb erhält der Wagen als erster Suzuki einen Tempomat mit Abstandsregelung, mit dem man wunderbar entspannt auf lange Fahrten gehen kann.

Die Notbremsfunktion für die Stadt dagegen nervt. Selbst wenn man das System auf die zweite, etwas laxere Alarmstufe einstellt, ist es derart sensibel, dass einem vor lauter Gepiepe und Gefiepe im Feierabendverkehr die Ohren klingeln. Ach ja, und das von Bosch zugekaufte Touchscreen-Navigationsgerät mit Apple-Carplay-Integration sollten die Suzuki-Leute bis zur Markteinführung vielleicht noch einmal mit neuer Software bespielen. Denn mit einem derart miserablen Orientierungssinn und einer gähnend langsamen Routengrafik taugt es in der aktuellen Version allenfalls als buntes Leuchtobjekt in einem ansonsten eher schlichten Innenraum. Eine Orientierungshilfe ist es so jedenfalls nicht.

Das muss man wissen: Gebaut wird der Baleno in Indien, und in den Handel kommt der Wagen ab April 2016. Weil der Wettbewerb hart ist und die Konkurrenz wachsam, druckst Suzuki bei den Preisen noch herum - etwa 12.500 Euro gelten als recht brauchbare Schätzung.

Es wird den Baleno mit drei Motorisierungen geben, von denen zwei besonders interessant sind: Ein knatternder, dafür kräftiger Dreizylinder-Turbobenziner, der mit 112 PS Leistung auf beachtlich 200 km/h kommt und ein ziemlich cleverer Mild-Hybrid. Der tritt mit dem 90-PS-Benziner des Basismodells an, der anstelle des Anlassers mit einem Startergenerator bestückt ist und zudem einen Lithium-Ionen-Akku erhält. So kann deutlich mehr Energie rekuperiert werden als bei konventioneller Bauweise - und die steht dann beim Anfahren zusätzlich zur Kraft aus dem Benziner zur Verfügung. Das wiederum drückt den Verbrauch: Fast zehn Prozent Spritersparnis bringt das gut sechs Kilogramm schwere Technologiepaket, der Normwert liegt bei 4,0 Liter je 100 Kilometer. Kein Wunder, dass für den Baleno gar kein Dieselaggregat angeboten wird.

In Deutschland konkurriert der Neue vor allem mit Importmodellen wie Hyundai i20, Kia Rio oder Dacia Sandero. Zugleich ist der Suzuki eine Kampfansage an VW. Denn nachdem die Kooperation mit den Wolfsburgern gescheitert ist, zeigen die Japaner den Niedersachsen jetzt nicht nur, wie man ein billiges Weltauto baut, sie führen die VW-Truppe auch mit ihrer neuen Plattform vor. Der Suzuki Baleno verfügt nämlich über die leichteste Rohkarosse in dieser Klasse und wiegt in der einfachsten Variante 865 Kilo. Ein VW Polo dagegen bringt gut fünf Zentner mehr auf die Waage.

Das werden wir nicht vergessen: Aufgrund des schlichten Designs, des maßvollen Antriebs und des schmucklosen aber geräumigen Innenraums erlebt man den Baleno als erfrischend einfachen und ehrlichen Kleinwagen. Bis man die beiden langen Tasten für den Bordcomputer drückt, die weit aus dem Kombiinstrument ragen. Dann flammt der Monitor des Bordcomputers auf und zeigt neben Daten zu Reichweite und Verbrauch auch bunte Grafiken, die Fliehkraft, Leistung und Drehmoment darstellen, als ob man in einem Supersportwagen säße. Auch in einem Suzuki wird man ja wohl noch träumen dürfen.

Mehr zum Thema
Newsletter
Autotests: Die wichtigsten Modelle im Check


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 23 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
jrzz 19.11.2015
1. Schick!
Endlich mal ein Auto, dass - bis auf die Heckansicht - recht schick aussieht! Schön, dass es noch Hersteller gibt, die die aktuelle Mode mit riesigen Kühler-Schlünden nicht mitmachen. Der schönste Erkenntnis ist übrigens diese: "Das sind die Rücksitze des neuen Suzuki-Modells. Hier finden zwei Erwachsene bequem Platz, und auch drei Leute können locker einsteigen - allerdings wird es dann etwas enger." Ach nee... das kommt überraschend. ;-)
dr. kaos 19.11.2015
2. Schlichtes, einfaches Auto
Das ist genau das, was den für alle überraschenden Erfolg von Dacia ausgemacht hat. Gedacht für Leute, die bequem und trocken / warm / kühl von A nach B fahren wollen, ohne 10 T-€uro für unnützen Schnickschnack und Interieur-Design ausgeben zu wollen. Aber das wollte VW nicht wahrhaben, lieber LED-Dauerfernlicht, als günstige Fahrzeuge mit einigermaßen zeitgemäßen Verbrauchs- und Abgaswerten. Der 'Mild-hybrid' ist auch genau die richtige Richtung. Unnütz verglühende Bremsenergie umlenken und spritsparend wieder einsetzen, ohne Tonnen an Bleiakkus mit sich rumzuschleppen oder nach 40km an die Steckdose zu müssen. Wenn sie das Manko mit dem Navi in den Griff bekommen, dann könnte man sich in einigen Jahren überlegen, obs nicht mein Dacia-Nachfolger werden könnte....
werner-xyz 19.11.2015
3. Warum nicht?
Also das ist wenigstens mal ein ganz normales Auto Design. Kein Manga, Sicken, 1000 Kniffe Design der könnte auch in 10 Jahren noch nicht alt aussehen. Gefällt mir.
fatherted98 19.11.2015
4. Autos...
...sollen fahren und nicht schön sein...ich weiß mit der Meinung stehe ich ziemlich allein...aber auf diese Zielgruppe geht Suzuki wohl zu. Für mich wäre er trotzdem nix...da zu wenig Ladefläche...wenn schon Auto dann auch die Möglichkeit viel mitzunehmen.
and_over 19.11.2015
5. ob sich
bei Suzuki jemand Gedanken über den Namen gemacht hat? "Baleno" ist Esperanto und heisst auf deutsch "Wal" :-)
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.