Fahrbericht BMW 1 M Coupé: Klein, aber Schwein

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Fahrbericht BMW 1 M Coupé: Klein, aber Schwein Fotos
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Da haben sich die BMW-Ingenieure einen schönen Bubenstreich erlaubt: Die Techniker pressten einen 340-PS-Motor in das kleine 1er Coupé. Das Auto ist kompletter Irrsinn - und genau deswegen ein Knaller.

Kennen Sie diese Fotos von Bodybuilding-Wettbewerben? Die Bilder von Männern, deren Muskeln sich zu gigantischen Bergen auftürmen und die, so scheint es, vor Kraft kaum Laufen können? Sie fragen sich jetzt, warum Sie sich das vorstellen sollen? Ganz einfach. Weil es am besten veranschaulicht, wie es sich anfühlt, im BMW 1 M Coupé zu fahren. Sich da reinzusetzen ist nämlich, als würde man einen Anzug aus bis zum Zerreißen angespannten Muskeln überstreifen. Wie ein Superheldenkostüm, das Superkräfte verleiht.

Eine Ahnung davon erhält man bereits, wenn man nur vor dem Auto steht. Denn das ist nur auf den ersten Blick ein Coupé der kleinen 1er-Reihe - unter dem Blech steckt das Fahrwerk des größeren Sportlers von BMW - dem M 3. Und es hat die Designer offensichtlich große Anstrengungen gekostet, das Blechkleid des kleinen Coupés darüberzustülpen. Wie wulstige Verwerfungen wölben sich die Radhäuser über die breiten Reifen. Und als ob sie einen Ausgleich dafür schaffen wollten, irgendeine Form von angedeuteter Balance, wurde das 1 M Coupé auch mit einer reichlich zerklüfteten Front- und Heckschürze behängt - und aus der staken wie Fremdkörper die vier Auspuffendrohre.

Zurückhaltung ist wahrlich nicht die Paradedisziplin des 1 M Coupés. Kaum hat man den Startknopf auf dem Armaturenbrett gedrückt, lässt der Reihensechszylinder ein sonores "Grrrrrooooooooo" erklingen. In Zeiten, in denen die Motoren immer flüsterleiser werden, verursacht dieser Sound ein fast schon perverses Entzücken, vor allem, weil er von einer verheißungsvollen Vibration begleitet wird. Und so sitzt man da, das kleine Lenkrad in der Hand, fest umfangen von den Flanken der Sportsitze, lässt den Schaltstummel des Sechsganggetriebes zur Probe durch die kurzen Schaltwege gleiten und fühlt sich - jetzt bitte einmal ganz kurz alle Muskeln anspannen, ja, genau so.

Irrsinn auf Knopfdruck

Und das wird nicht weniger, wenn man aufs Gaspedal tritt. 340 PS schickt der von zwei Turboladern beatmete Motor an die Hinterachse, die ihre liebe Not hat, die Leistung auf die Straße zu bringen: Wenn man auf dem Beschleunigungsstreifen der Autobahn Vollgas gibt, drehen - zumindest mit Winterreifen - selbst im dritten Gang noch die Räder durch und das Elektronische Stabilitätsprogramm, das bei BMW DSC heißt, nimmt hektisch die Arbeit auf. Spätestens dann beschleicht einen das Gefühl, in einem völlig irren Auto zu sitzen. Aber eben jene Form von Irrsinn, von der man nicht genug bekommen kann.

Das Beste daran ist: Der Irrsinn lässt sich in verschiedenen Stufen auf Knopfdruck noch erhöhen. Stufe eins: Den mit einem "M" gekennzeichneten Knopf auf dem Lenkrad drücken. Der aktiviert eine schärfere Kennlinie der elektronischen Motorsteuerung. Will heißen: Die Maschine hängt noch gieriger am Gas und orgelt noch schneller durch das Drehzahlband.

Stufe zwei: Das Stabilitätsprogramm in den sogenannten MDM (M Dynamic-Modus) schalten. Während im Normalmodus die Elektronik durch heftige Eingriffe in die Motorsteuerung die Spaßbremse gibt und jegliches Durchdrehen der Räder vehement unterbindet, sind jetzt dezente Drifts möglich. Nur wenn sich das Heck allzu sehr querstellt, was schnell geht, greift das DSC ein.

Lenken? Mit dem Gaspedal!

Stufe drei: DSC ganz aus. Nun sind dem Wahnsinn Tor und Tür geöffnet, jetzt gibt es nichts mehr, was die Kraft des Triebwerks zügelt. Wer einen gefühlvollen Gasfuß hat, kann das kleine Coupé in 4,9 Sekunden von 0 auf 100 prügeln. Oder aber mit dem Gasfuß virtuos durch die Kurven lenken. Aber Obacht - wer mit so viel Kraft nicht umgehen kann, sollte Stufe drei lieber nicht ausprobieren.

Sie fragen sich jetzt sicher, ob dem Autoren dieses Textes durch das viele Beschleunigen und Bremsen im BMW 1 M Coupé ein Schaden entstanden ist, und zwar in dem Bereich im Gehirn, der für die Vernunft zuständig ist. Die Antwort ist ganz klar: Ja. Der Verstand wird ganz zwangsläufig in Mitleidenschaft gezogen durch das Fahren in diesem Auto. Der Wagen ist ein Bubenstreich der BMW-Ingenieure, ein Springteufel, der nur irre ablacht, sobald man die Schachtel geöffnet hat. Das Auto ist wie ein Silvesterböller: Der ist auch nicht schön, auch nicht vernünftig, sondern einfach nur laut - und macht trotzdem einen Riesenspaß.

Es dauert ein paar Tage nach der Testfahrt, bis zum ersten Mal Dinge ins Bewusstsein sickern, die objektiv betrachtet Murks sind bei dem Auto, die man aber vorher verdrängt hat. Sicher, anders als in Sportwagen mit vergleichbaren Fahrleistungen kann man in diesem Auto durchaus zu viert fahren, wobei nur Kinder so auf der Rückbank Platz finden, dass kein Blutstau droht. Gleichzeitig ist es fast verantwortungslos, so viele Menschen in Mitleidenschaft zu ziehen, denn das Fahrwerk verlangt Nehmerqualitäten. Es ist derartig sportlich-hart ausgelegt, dass man bei Autobahnfahrten im Wagen auf- und abhüpft wie ein Kaninchen.

Man kennt das Phänomen sonst nur als Betrachter, und zwar von jungen Männern in sehr, sehr tief gelegten VW Golfs. Begegnet man denen nun im BMW 1 M, nicken die nicht nur zwangsläufig mit dem Kopf, sondern recken zur Bekräftigung auch den Daumen in die Höhe. Aber will man das? Grund ist natürlich der Kriegsschmuck des kleinen Wuthockers, der das Coupé schon aus Kilometern Entfernung als den Spross der BMW-Kraftmeierabteilung M GmbH erkennbar macht. Es ist wahrscheinlich eine Glaubensfrage, aber wir genießen lieber im Stillen und unerkannt.

Legt man mit dem Wagen längere Strecken zurück, macht sich außerdem der Preis, den man für die Leistung bezahlen muss, im wahrsten Sinne des Wortes bemerkbar. Selbst bei moderaten 150 Sachen genehmigt sich der Kleine gute 10 Liter Sprit auf 100 Kilometer. Über Dinge wie Verbrauch darf man bei so einem Auto natürlich nicht nachdenken - aber da der Tank nur 53 Liter fasst, steht man gefühlt ständig an der Zapfsäule.

In einer sonst stark vernunftgeprägten Kategorie punktet der kleine Sportler dafür auf ganzer Linie. In den USA gibt es einen Ausdruck für das Preis-Leistungs-Verhältnis bei Autos, der sich nur schwer ins Deutsche übersetzen lässt: "Best Bang for the Buck" heißt so viel wie "viel Wumms fürs Geld" - und davon bietet das M-Coupé jede Menge. 50.500 Euro kostet der kleine Sportler - und wenn man sich so umguckt, welche Autos für welches Geld sonst so viel Leistung und Fahrspaß bieten, dann für einen Moment die Vernunft und das ökologische Gewissen abschaltet, kann man nur zu einem Schluss kommen: Der Wagen ist, wie schon gesagt, ein Knaller.

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insgesamt 98 Beiträge
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1. Oh, Gott...
count_zer0 22.03.2012
...was haben die mit dem Heck gemacht? Von nem alten 3er abgeflext und angeschweisst? Das ist doch kein Kompaktwagen-1er mehr, sondern ein 3er auf 1er-Basis. Somit eine schlechte Interpretation des Ausgangsautos wie ich finde.
2.
ctrlaltdel 22.03.2012
Zitat von sysopDa haben sich die BMW-Ingenieure einen schönen Bubenstreich erlaubt: Die Techniker pressten einen 340-PS-Motor in das kleine 1er Coupé. Das Auto ist kompletter Irrsinn - und genau deswegen ein Knaller. Fahrbericht BMW 1 M Coupé: Klein, aber Schwein - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Auto (http://www.spiegel.de/auto/fahrberichte/0,1518,822760,00.html)
Cooles Auto, cooler Artikel. I want one, please....
3. Zzzischhhhhh
axelkli 22.03.2012
Toller Wagen, leider etwas häßlich und ziemlich teuer, aber der Fahrspaß ist enorm.
4. PR für eine Dreckschleuder?
umweltstiftung 22.03.2012
Da beschleicht einen unversehens doch die Frage, ob man bestimmte Produkte nicht wie bisher schon aus Gesundheitsgründen sondern irgendwann auch aus ökologischen Gründen verbieten muss. Nicht alles scheint der Markt regeln zu können, denn sonst gäbe es solche Dreckschleudern nicht mehr https://www.facebook.com/deutscheumweltstiftung
5.
Rechtsanwalt_Luxemburg 22.03.2012
Zitat von sysopDa haben sich die BMW-Ingenieure einen schönen Bubenstreich erlaubt: Die Techniker pressten einen 340-PS-Motor in das kleine 1er Coupé. Das Auto ist kompletter Irrsinn - und genau deswegen ein Knaller. Fahrbericht BMW 1 M Coupé: Klein, aber Schwein - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Auto (http://www.spiegel.de/auto/fahrberichte/0,1518,822760,00.html)
Der Artikel sagt auch mal wieder nur die halbe Wahrheit. Die Techniker "pressten" da überhaupt keinen neuen Motor in den 1er - vielmehr wurde dieser Motor (interne Bezeichnung N54) schon jahrelang als 135i angeboten und verfügte in Kombination mit dem sogenannten Performance Paket auch schon über 326 PS. Daher sind die blossen Leistungsdaten mit 14 Mehr-PS auch eher enttäuschend und schon gar nicht sensationell, wie die Lektüre des Artikels dies glauben lässt. Der grösste Unterschied zwischen 135i und 1M liegt vielmehr im Fahrwerk, das in der Tat vom M3 übernommen wurde. Dass dieses tendenziell zu hart abgestimmt ist, hat auch die Spezialzeitschrift "sport auto" bereits vor mehreren Monaten konstatiert, als der 1M im Supertest auf der Nordschleife gefahren wurde. Es klingt sehr danach, als habe Herr Hengstenberg noch nie in etwas stärker motorisierten Fahrzeugen gesessen - Erstaunen über einen Traktionsverlust mit (vermutlich recht schmalen) Winterreifen bei 500 Nm Drehmoment auf der Hinterachse eingeschlossen. Nur am Rande sei erwähnt, dass sich der 1M mit wenigen Eingriffen in das Steuergerät auf gut 400 PS und 600 Nm Drehmoment leistungssteigern lässt, was das Fahrzeug dann auch längsdynamisch auf Augenhöhe mit dem M3 fahren lässt.
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Schnellcheck
BMW 1 M Coupé

Das begeistert: Die kompromisslose und kaum zu kontrollierende Kraftentfaltung.

Das fehlt: Ein größerer Tank.

Das nervt: Das übertriebene Spoilerwerk.

Was sonst? Dieses Auto ist wie eine Gehirnwäsche.
Fahrzeugschein
Hersteller: BMW
Typ: 1 M Coupé
Karosserie: Sportwagen/Coupé
Motor: Reihensechszylinder-Bi-Turbo
Getriebe: Sechsgangschaltgetriebe
Antrieb: Heck
Hubraum: 2.979 ccm
Leistung: 340 PS (250 kW)
Drehmoment: 450 Nm
Von 0 auf 100: 4,9 s
Höchstgeschw.: 250 km/h
Verbrauch (ECE): 9,6 Liter
CO2-Ausstoß: 224 g/km
Kofferraum: 370 Liter
Gewicht: 1.570 kg
Maße: 4380 / 1803 / 1420
Versicherung: 18 (HP) / 25 (TK) / 26 (VK)
Preis: 50.500 EUR

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