Fahrbericht Renault Twizy: Ei für zwei

Von

Spiegel / Maria Gröhn

Klein, leicht, simpel und mit einem Design wie ein Ufo - das ist Renaults neues Elektrovehikel Twizy. Sieht so die Elektromobilität der Zukunft aus? Wenn ja, wird sie lustig - aber auch ein wenig ungemütlich.

Wer nicht gerne im Mittelpunkt steht, wird am Renault Twizy keine Freude haben. Wo immer man mit der knautschigen Kugel mit den freistehenden Rädern und den nach oben öffnenden Türen unterwegs ist - Aufmerksamkeit ist garantiert. Lkw-Fahrer recken an der roten Ampel ihre Köpfe aus den Trucks und fragen schmunzelnd: "Soll das mal ein Auto werden?" Frauen kurbeln die Seitenscheiben ihrer Autos herunter, rufen entzückt: "Ist der süß" - und zeigen den erhobenen Daumen. Und manche Passanten schauen den Twizy einfach nur an, als sei er ein Ufo.

Ufo ist ein gutes Stichwort. Fans und Fachleute in Sachen Elektromobilität fragen sich beim Anblick des Twizy: Sieht so das Elektroauto der Zukunft aus? Denn langsam, aber sicher setzt sich die Erkenntnis durch, dass der Mobilitätswandel nicht gelingt, in dem man einfach einen Akku und einen Elektromotor in ein herkömmliches Auto steckt.

Fotostrecke

14  Bilder
Renault Twizy: Genau zur richtigen Zeit

Die sind zu groß, sie sind zu schwer, deswegen brauchen sie große, schwere Akkus, um eine akzeptable Reichweite zu garantieren. Die Akkus drücken wieder aufs Gewicht. Das senkt die Reichweite - es ist ein Teufelskreis. Kleiner und leichter müssen die Elektroautos der Zukunft sein - aber müssen sie so sein wie der Renault Twizy?

Als die Franzosen den Twizy im September 2009 auf der IAA präsentierten, glaubte kaum einer, dass das futuristisch anmutende Vehikel mal in Serie gehen würde. Doch seit dem 21. April verkauft Renault den Twizy - und zwar in einem Design, dass sich kaum von der vor fast drei Jahren präsentierten Studie unterscheidet.

Das perfekte Stadtauto?

Es ist ein Auto, wie geschaffen für die urbane Mobilität. Ein Vehikel, perfekt für die Fahrt zum Arbeitsplatz, das sparsam mit den Ressourcen und dem verfügbaren Platz in den Städten umgeht. Doch wie schlägt sich der Twizy im Alltag?

Sicher sollte man von einem 2,34 Meter langen und 1,23 Meter breiten Auto keine Raumwunder erwarten. Sind zwei Personen - sie müssen hintereinander sitzen - im Twizy unterwegs, ist es richtig eng. Es bleibt dann wenig Platz für Handgepäck wie eine kleine Sporttasche oder einen Rucksack. Dafür ist die Parkplatzsuche kaum noch ein Problem. Man findet eigentlich auf Anhieb eine passende Lücke.

Trotz des recht schwachen E-Motors mit 18 PS ist man im Stadtverkehr flott unterwegs. Eine Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h und ein maximales Drehmoment von 57 Nm reichen vollkommen aus, um mit dem 562 Kilogramm schweren Twizy im Stadtverkehr mitzuschwimmen.

Der Twizy ist keine Rakete

Von dem oft beschworenen Drehmomentwunder "Elektromotor" ist beim Twizy allerdings nichts zu bemerken, die Beschleunigung ist passabel, mehr auch nicht - vielleicht ist das aber auch gut so, denn wilde Ampelstarts gingen natürlich wieder zu Lasten der Reichweite. Irritierend ist das Ansprechverhalten: Tritt man das Gaspedal, passiert erst einmal - nichts. Erst mit einer Verzögerung von etwa einer Sekunde setzt sich der Twizy in Bewegung.

Verbesserungspotential gibt es auf jeden Fall beim Fahrwerk. Der Zweisitzer ist recht hart abgestimmt. Die meiste Zeit fällt das nicht weiter auf, doch wehe, es geht durch Schlaglöcher oder über kurze, harte Bodenwellen: Dann tun die hart gepolsterten Plastiksitze das, was man sich vom Motor wünschen würde - sie verpassen einem einen ordentlichen Tritt ins Kreuz.

Außen hui, innen pfui

Auch der Innenraum könnte eine Überarbeitung vertragen. Das Interieur wirkt trist: Lenkrad, Display, zwei Schlösser, zwei Ablagefächer, zwei Lenkstockhebel, zwei Knöpfe zur Wahl der Fahrtrichtung, alles in grauem und billig wirkendem Plastik gehalten - Science-Fiction sieht irgendwie anders aus.

Die Schlichtheit hat bis zu einem gewissen Grad ja ihre Berechtigung. Denn den Twizy gibt es wahlweise mit oder ohne die spektakulär nach oben öffnenden Türen - aber egal, welche Variante man wählt, nass wird es im Innenraum bei Regen immer. Der Grund: Der Hersteller verzichtet prinzipiell auf die Seitenscheiben.

Das hat zulassungstechnische Gründe. Nach Angaben von Renault müssen Autos mit geschlossenen Fahrgasträumen über eine Lüftung verfügen, damit die Windschutzscheibe bei Feuchtigkeit nicht beschlägt. Das Gebläse jedoch benötigt Platz zum Einbau und Energie beim Betrieb. Außerdem würde es den Preis des Twizy erhöhen.

Zulassungstechnische Kniffe

Doch die zulassungstechnische Spitzfindigkeit geht noch weiter, denn der Twizy firmiert auf dem Papier nicht als Auto, sondern als Quad. Nur so kann Renault die Crashtest-Bestimmungen umgehen, die ein normales Auto erfüllen müsste - die aber einem Konzept wie dem Twizy sofort den Garaus machen würden.

Und so verändert sich dann der Blick auf den Twizy am Ende doch wieder. Für ein Leichtkradrad ist der Twizy nämlich vergleichsweise komfortabel und auch sicher - sogar ein Airbag ist an Bord. Wirklich günstig ist der Kleine aber nicht: 7690 Euro sind für die Basisversion fällig, hinzu kommt eine monatliche Miete für den Akku von mindestens 50 Euro.

Trotz der Nachteile, des noch recht hohen Preises und des neuen Fahrzeugkonzepts scheint der knuffige Twizy nicht nur bei den Passanten gut anzukommen, sondern auch bei den Autokäufern. Denn nach eigenen Angaben konnte der Hersteller seit Markteinführung bislang europaweit 4474 Twizy absetzen - rund 1000 davon allein in Deutschland. Zum Vergleich: Anfang des Jahres lag der Bestand an Elektrofahrzeugen nach KBA-Informationen insgesamt bei 4547 Wagen.

Damit könnte der Wagen entscheidend zur Akzeptanz der Elektromobilität in der breiten Bevölkerung betragen. Aber nur, wenn es nicht regnet.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 195 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Ob das die Zukunft ist...
spongie2000 10.06.2012
Ob das die Zukunft ist, weiß ich auch nicht. Aber dass im Morgenverkehr immer nur eine Person im Combi sitzt und somit 50 Personen eine ganze Innenstadt versperren können, ist bekannt. Und deshalb wird die Zukunft wohl kleine, sehr günstige Autos beherbergen, von denen Familie auch zwei kaufen kann, um in den Urlaub zu fahren. Ich weiß, dass der Snob-Faktor nicht einkalkuliert wurde (40 Kilo Frau im Porsche Cayenne GT mit 400 Pferden - 10 Pferde pro Kilo)
2. Da wird es wohl hingehen
markh 10.06.2012
Allerdings als Hybrid - d.h. etwas weniger Reichweite dafür SuperCaps , Solardach für ein paar Meilen mehr im Sommer ,.. und einen Rangeextender betrieben mit Ethanol/Fuelflex für die Fernreise und Heizung im Winter
3. Empfehlung für Pendler die nicht am 2 Rad können
founder 10.06.2012
Wenn jemand regelmäßig unterwegs sein muß so bis 50 km Entfernung, aber mit einem Motorrad nicht fahren kann oder mag, da ist der Twizy eindeutig die Empfehlung. Für alle die sich auf 2 Räder sicher fühlen hingegen gibt es bessere und billigere Varianten. Um etwa 4300.-EUR beginnt der Einstieg bei den Elektrorollern schneller als 45 km/h. Gleiche Spitze wie der Twitzy, aber 120 kg Fahrzeuggeweicht sind einfacher zu Beschleunigen. Hier mein Testbericht Solar Scooter Sport (http://auto.pege.org/2008-solar-scooter/) Die Batterie ist da im Preis dabei. Bis 60 km kann man da voll fahren. Für mehr Akkus steigt der Preis. Statt 20 Zellen Lithium Eisen Phosphat mit 40 Ah =2,56 kWh 20 Zellen mit 60 Ah =3,84 kWh und man ist knapp unter 6000.-EUR. Hat aber dafür 50% mehr Reichweite. Top bei den Elektrorollern der IO-Scooter Manhattan S (http://auto.pege.org/2010-io-scooter/manhattan.htm). KurzfristigeLeistung 17 kW, aber nur 150 kg. 33 Zellen zu 55 Ah ergeben 5,6 kWh Akku. Mehr als das doppelte vom Einsteigermodell.
4. Da wird es wohl hingehen
markh 10.06.2012
Allerdings als Hybrid - d.h. etwas weniger Reichweite dafür SuperCaps , Solardach für ein paar Meilen mehr im Sommer ,.. und einen Rangeextender betrieben mit Ethanol/Fuelflex für die Fernreise und Heizung im Winter
5. Crashtest...
vhe 10.06.2012
Zitat von sysopNur so kann Renault die Crashtest-Bestimmungen umgehen, die ein normales Auto erfüllen müsste - die aber einem Konzept wie dem Twizy sofort den garaus machen würden.
Schade. Aber es sollte doch kein großes Problem sein, so eine Murmel stabil zu kriegen, oder? Klar, Fahrwerk etc. sind bei einem Crash hinüber, aber die Fahrgastkabine? An der Sicherheit würd ich nur sehr ungern sparen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Auto
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Tests
RSS
alles zum Thema Mobilität der Zukunft
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 195 Kommentare
Facebook
Fahrzeugschein
Hersteller: Renault
Typ: Twizy
Karosserie: Kleinwagen
Motor: Elektromotor
Getriebe: Eingang-Getriebe
Antrieb: Heck
Leistung (E-Motor): 18 PS (13 kW)
Drehmoment (E-Motor): 57 Nm
Höchstgeschw.: 80 km/h
Kofferraum: 31 Liter
Gewicht: 562 kg
Preis: 7.990 EUR

Schnellcheck
Renault Twizy

Das begeistert: Der Wagen ist klein, wendig und in der Stadt auch recht flink. Außerdem ist das Design futuristisch.

Das fehlt: Seitenscheiben. Ohne die ist der Wagen in Hamburg oft zu unbequem. Dann doch lieber gleich mit einem Roller oder Motorrad

Das nervt: Das elektronisch erzeugte Geräusch des Blinkers. Außerdem lässt sich die Feststellbremse nur schwer bedienen.

Was sonst? Wer neue Leute kennenlernen möchte, sollte Twizy fahren. In wohl keinem anderen Fahrzeug wird man so oft angesprochen.
Welche Typen von Elektroautos gibt es?
Reiner Elektroantrieb
Diese Fahrzeuge haben keinen klassischen Antriebsstrang mehr, der vom Motor die Bewegungsenergie auf die Räder überträgt. Stattdessen sind in den Radnaben Elektromotoren, die Energie kommt aus einem Akku, der an der Steckdose aufgeladen werden kann. Weil die Speicherkapazität der Batterien noch nicht mit einem klassischen Automobil vergleichbar ist, haben einige Elektromobile einen sogenannten Range Extender an Bord - einen kleinen Generator, der die Elektromotoren mit Energie versorgt, wenn der Akku leer ist.

Beispiele: Tesla Roadster, Chevy Volt/Opel Ampera, Think City
Hybridantrieb
Hybridautos haben zusätzlich zum klassischen Verbrennungsmotor einen Akku an Bord. Wenn der leer ist, springt der Benziner an. Eine Variante sind sogenannte Mild-Hybrid-Systeme, bei denen der Stromantrieb nur parallel unterstützend läuft, um den Benzinverbrauch zu reduzieren. Der Akku wird in der Regel durch Bremskraftrückgewinnung und einen Dynamo geladen. Zukünftige Hybridfahrzeuge sollen aber auch an der Steckdose aufladbar sein.

Beispiele: Toyota Prius, Honda Civic, Honda Insight
Brennstoffzellenantrieb
Bei diesen Fahrzeugen tankt man statt Benzin flüssigen Wasserstoff. In einer chemischen Reaktion wird das Hydrogen in der Brennstoffzelle in elektrische Energie umgewandelt, die dann das Fahrzeug antreibt. Anders als bei reinen Elektrofahrzeugen ist die Infrastruktur für den Wasserstoff eine ungelöste Frage. Vorteil der Brennstoffzellenfahrzeuge ist ihre größere Reichweite.

Beispiele: Honda FCX Clarity, Hamburger Nahverkehrsbusse (Mercedes-Benz)
Range Extender
Im Gegensatz zu den herkömmlichen Elektroautos haben Range Extender einen Verbrennungsmotor an Bord, der anspringt, wenn die Ladung der Batterie zur Neige geht. Vorteil: Die Reichweite steigt auf das Niveau eines Autos mit konventionellem Antrieb. Vorreiter dieser Spezies ist der Opel Ampera, der die Kraft des Verbrenners aber auch nutzt, wenn die volle Leistung zum Beispiel auf der Autobahn abgerufen wird.

Beispiele: Opel Ampera


Aktuelles zu