Geländemobil Tinger Kett-Car

Kein Blinker, keine Gurte, kein Schnickschnack: Das russische Universalfahrzeug Tinger, eine Mischung aus Quad, Traktor und Schneeraupe, kommt jetzt auf den deutschen Markt. Wer kauft so etwas?

Von Jürgen Pander

Jürgen Pander

Oleg Kononov - Halbschuhe, Stoffhose, helles Hemd - ist nicht ganz passend gekleidet für den schlammigen Offroad-Parcours auf dem ADAC-Fahrgelände in Lüneburg. Vorsichtig stakst er durch den knöcheltiefen Sand.

Das raue Terrain passt jedoch perfekt zu dem Produkt, das Kononov hier vorstellen möchte: Das Kettenfahrzeug Tinger, gebaut im russischen Tscherepowets in einer Fabrik und von einem Unternehmen, das Kononov vor sieben Jahren gründete, und das inzwischen russischer Marktführer für sogenannte All-terrain Vehicles (ATV) ist.

"Der Tinger hat in Russland ziemlich viel Wirbel ausgelöst, und ich glaube, dass wir künftig auch in Europa und in den USA viele Kunden gewinnen können", sagt Kononov. Immerhin biete der Tinger "fünf Fahrzeuge in einem, nämlich Quad, Traktor, Schneeraupe, Sumpfmobil und Boot". Denn mit dem Tinger kann man auch baden gehen, der Raupenantrieb sorgt auch im Wasser für Vortrieb.

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Geländefahrzeug Tinger: "Einer ist für Putin reserviert"
Konstruiert ist der Tinger denkbar schlicht: Der Metallrahmen wird von einer robusten Kunststoffkarosserie umhüllt. Im Heck sitzt ein Dreizylinder-Benziner des chinesischen Autoherstellers Chery. Die 820-Kubik-Maschine leistet 57 PS, es gibt zwei Vorwärtsgänge und einen Rückwärtsgang und gelenkt wird das Mobil wie ein Zweirad mit einem Lenker. Mit dem rechten Handgriff wird, wie bei einem Motorrad, Gas gegeben.

Im wilden Offroad-Gelände reagiert das Gerät wie zu erwarten: Sand und Dreckklumpen spritzen nur so, die braune Brühe in den Wasserlöchern ebenfalls. Mit Kettenantrieb erreicht der Tinger rund 35 km/h Höchstgeschwindigkeit; die Allradvarianten mit drei oder vier Achsen, die ab Frühjahr 2016 das Angebot ergänzen solle, sind sogar 45 km/h schnell.

Sand, Schlamm, Geröll, Schnee, Sumpf

Vorerst gibt es keine Straßenzulassung für den Tinger. Das Ding hat weder Blinker noch Gurte oder sonst irgendetwas, das entfernt an eine Komfort- oder Sicherheitsausstattung erinnern würde. "Wir warten jetzt erst einmal ab, wer sich überhaupt für dieses Fahrzeug interessiert", sagt Max Schmidt, der den Vertrieb des russischen Autobauers Lada in Bayern und Österreich verantwortet. Lada wird den Tinger nämlich importieren, vertreiben und sich um den Service kümmern. "Man könnte mit dem Tinger Strandkörbe einsammeln oder Skilifte warten, er könnte interessant sein für Jäger, Förster, Großgrundbesitzer oder Event-Veranstalter", sinniert Schmidt weiter.

Immerhin finden vier Leute Platz im Tinger, und wenn es sein muss kann man sich auch zu dritt auf die Rückbank zwängen. Einen Anhänger gibt es ebenfalls, auch so etwas wie ein Zelt, das über der Kunststoffwanne aufgespannt werden kann und eine Art Innenraum bildet. Die einfachste Tinger-Variante - also ohne jeglichen Aufbau - soll knapp 16.000 Euro kosten. Die ersten Exemplare jedoch werden zu einem Einstands-Sonderpreis von 14.990 Euro verkauft, heißt es bei Lada.

Erste Anfrage von einem Berggasthof

Das ist happig für ein Gerät, das theoretisch zwar fast überall hinkommt, das man aber eigentlich nur auf dem eigenen Grund und Boden bewegen darf - oder auf speziell für derlei Fahrzeuge freigegebenen Geländen. Die Absatzerwartungen sind entsprechend bescheiden. Man wolle, sagt Lada-Mann Schmidt, in Europa im ersten Jahr etwa 40 Tinger verkaufen. Aktuell werden in der Fabrik in Russland 60 der Fahrzeuge pro Monat produziert. "Wir könnten die Kapazität jedoch auf bis zu 200 Exemplare pro Monat hochschrauben", sagt Tinger-Chef Kononov.

Die erste ernsthafte Anfrage für den Tinger stammt aus Tirol. Der Besitzer eines Bergrestaurants möchte so ein Fahrzeug erwerben, um es als Shuttle-Panzer einzusetzen, mit dem Gäste zu einer abgelegenen Berghütte und wieder zurück transportiert werden sollen. Und dann plant Oleg Kononov noch einen kleinen Coup, der zumindest auf dem Heimatmarkt den Absatz weiter ankurbeln dürfte. "Wir wollen demnächst Wladimir Putin einen Tinger schenken."

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes hieß es, dass Andrey Kosarew den Tinger auf dem Fahrgelände in Lüneburg präsentiert habe. Hier gab es eine Verwechslung: Der richtige Name des Mannes lautet Oleg Kononov. Wir haben den Fehler korrigiert.

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insgesamt 57 Beiträge
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Seite 1
euklaus 12.11.2015
1. Endlich
Das wäre doch etwas für unsere schrottgeplagte Bundeswehr. Endlich ein geländegängiges, robustes Fahrzeug, das funktioniert und nicht immer wegen Mängel ausfällt. Kommt halt aber vom "Feind"
Mertrager 12.11.2015
2. Ohne Gurte
sollte der Betrieb dieses Geräts verboten sein. Es könnten sonst unfreiwillige Todesfälle auftreten.
fatherted98 12.11.2015
3. Entweder...
...kauft so was jemand der es braucht...der also in schwierigem Gelände vorankommen will...oder es kaufen Leute die es nicht brauchen um damit rumzuprotzen wollen...Frage beantwortet?
peterbuske 12.11.2015
4. Cool!
Danke SPON, jetzt weiß ich was auf meine Weihnachtswunschliste kommt.
DJ Doena 12.11.2015
5.
Das Ding wär doch mal eine Überlegung wert. Morgens direkt neben der Karslruher Rheinbrücke mit dem normalen Auto parken, dann ab in das Ding, über den Rhein, rein nach Knielingen. Und abends das Ganze retour.
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