Toyota C-HR Im Stahlgeknitter

Alle mal herschauen! Das ist die Botschaft, die der Kompakt-SUV Toyota C-HR aussendet. Der Wagen ähnelt einem Selfie-Crasher - er drängt sich mit seinem auffälligen Aussehen immer in den Vordergrund.

Jürgen Pander

Von Jürgen Pander


"Wow, ist der hässlich!", "Das Ding sieht ja unmöglich aus!", "Wo bist du denn mit dem dagegengefahren?" Solche Spontanurteile hört man häufiger, wenn man aus einem Toyota C-HR aussteigt. Von Freunden und Bekannten wohlgemerkt, Menschen also, die sich über Kleidung, Lektüre oder Essgewohnheiten niemals derart undiplomatisch äußern würden. Der Toyota C-HR, so viel steht fest, polarisiert. Entweder die Leute äußern ungefragt ihr Missfallen, oder sie heben den Daumen, nicken beifällig, winken beglückt.

Das Kürzel C-HR steht für "Coupé High Rider", was beim Einsortieren des Autos in gängige Segmente aber auch nicht weiterhilft. Mit 4,36 Meter Länge ist der Toyota-Fünftürer so lang wie ein VW Golf. Der bodennahe Bereich der Karosserie wirkt wuchtig und massiv, der obere Teil hingegen scheint von einem Sportwagen entlehnt. Umhüllt ist diese Diskrepanz von einem Blechgewand mit wildem Faltenwurf, dazu kommen Accessoires wie exaltierte Scheinwerfer, extravagant platzierte hintere Türgriffe und ein farblich abgesetztes Dach. Ein Design für Entdecker. Kaum eine Form hat man so schon an einem Pkw gesehen. Der C-HR ist ein Poser, ein Styler - in dieser Attitüde allenfalls ähnlich dem Nissan Juke oder dem Kia Niro.

Der C-HR ist Toyotas Reaktion auf den Dauervorwurf, das Design des japanischen Autobauers sei zum Einschlafen. Dieses Auto ist optisches Adrenalin. Von den Kreativen großzügig dosiert, und - das vor allem - von den Verantwortlichen in den grauen Anzügen genauso zur Produktion freigegeben. Die große Frage ist jetzt: Was bringt die tollkühne Formgebung dem Kunden - außer Aufmerksamkeit?

In diesem Fall gilt leider: Form verhindert Funktion

Leider einen handfesten Nachteil. Die Sicht vom Fahrerplatz nach hinten ist beim C-HR ähnlich gering wie bei einem Lieferwagen und damit noch schlechter als bei anderen Fahrzeugen mit ähnlichem Design: Sich nach hinten sehr stark verjüngende Fensterlinien und wuchtige C-Säulen liegen ja im Trend. Wer vor dem Rechtsabbiegen wissen möchte, ob sich ein Fahrradfahrer von hinten nähert, hat praktisch keine Chance, das herauszukriegen. Auch aus dem Fond des C-HR ist die Sicht nach draußen miserabel - dazu sind die Seitenscheiben einfach viel zu klein und die C-Säulen viel zu breit. Man könnte beinahe sagen: Form verhindert Funktion.

Jürgen Pander

Im Innenraum hingegen ist das ungewöhnliche Design eine einzige Freude. Elegant schwingt sich eine blaue Lichtleiste über die gesamte Armaturentafel bis in die Türverkleidungen. Der Fahrer blickt in ein klassisches Cockpit mit zwei Rundinstrumenten und rechts daneben wächst ein 8-Zoll-Touchscreen aus den Armaturen, der leicht nach links gedreht ist, um die Ablesbarkeit für den Fahrer zu verbessern.

Das Ambiente ist toll, und zwar deshalb, weil es modern aussieht, ergonomisch durchdacht ist und man sich ohne Umschweife zurechtfindet - auch im Menü der Bordelektronik. Als Manko könnte man allenfalls anmerken, dass leider auch im C-HR der gute alte Drehregler für die Radiolaustärke einer Touchbedienung (oder wahlweise einem Lenkradtaster) zum Opfer gefallen ist.

Wahlweise Hybrid- oder Benzinantrieb

Toyota bietet den C-HR mit zwei unterschiedlichen Antrieben an. Einmal mit dem aus dem Prius bekannten Hybridsystem aus Benzin- und Elektromotor mit stufenlosem Automatikgetriebe und einer Leistung von 122 PS. Und mit einem 1,2-Liter-Vierzylinder-Benziner mit Direkteinspritzung und Turboaufladung, der 116 PS leistet. Unser Testauto war mit dem Turbobenziner bestückt, und zwar in Kombination mit einem Sechsgang-Schaltgetriebe. Für 3300 Euro Aufpreis kann die Benzinervariante auch mit Allradantrieb und stufenlosem Automatikgetriebe geordert werden, doch wer braucht das bei diesem Auto?

Uns jedenfalls gefiel die frontgetriebene Benziner-Variante gut - ein agiler, drehfreudiger Motor, gepaart mit einem schmissigen Getriebe. Letzteres kommt erstmals bei Toyota zum Einsatz. Die "intelligente Schaltbox" reguliert beim Hoch- oder Runterschalten automatisch die Motordrehzahl so, dass die Gangwechsel möglichst geschmeidig gelingen. "Zudem", wirbt Toyota für das neue System, werde beim Anfahren "das Risiko, den Motor abzuwürgen, auf nahezu null" reduziert, "was vor allem Fahranfängern" zugutekomme.

6,0 Liter gibt Toyota als Durchschnittsverbrauch an. Auf unseren Testfahrten lag der kumulierte Wert bei etwa 7,5 Liter je 100 Kilometer. Das ist nicht besonders sparsam, erscheint jedoch realistisch. Zumal auf Sparsamkeit bedachte Kunden (und solche, die das Auto vornehmlich im Stadtverkehr nutzen) wohl ohnehin die Hybridvariante wählen, deren Normverbrauch mit 3,9 Liter je 100 Kilometer angegeben wird.

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Toyota C-HR: Auffallend anders

Was soll man nun vom C-HR halten? Wer ein Mainstream-Auto sucht, für den wird der Wagen sicher nicht in Betracht kommen. Umso mehr dagegen für all jene, die mit ihrem Auto ein modisches Statement setzen wollen: Seht her, mein Auto ist genauso cool wie ich! Wer sich, wie unsereins, weder zu der einen noch zu der anderen Gruppe zählt, sollte den C-HR dennoch begrüßen. Denn es ist einfach grundsätzlich sympathisch, wenn mal einer aus der Reihe tanzt und etwas wagt. Ganz besonders bei einem so überhöhten Ding wie dem Auto.

Fahrzeugschein
Hersteller: Toyota
Typ: C-HR 1.2 Style
Karosserie: SUV
Motor: Vierzylinder-Benzindirekteinspritzer-Turbo
Getriebe: Sechsgang-Schaltgetriebe
Antrieb: Front
Hubraum: 1.197 ccm
Leistung: 116 PS (85 kW)
Drehmoment: 185 Nm
Von 0 auf 100: 10,9 s
Höchstgeschw.: 190 km/h
Verbrauch (ECE): 6,0 Liter
CO2-Ausstoß: 136 g/km
Kofferraum: 377 Liter
Gewicht: 1.425 kg
Maße: 4360 / 1795 / 1565
Preis: 27.940 EUR
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insgesamt 148 Beiträge
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Seite 1
schlauchschelle 03.07.2017
1. Ouha
Schönheit liegt ja bekanntlich im Auge des Betrachters, und sicherlich wird auch dieser Wagen einigen gefallen. Ich persönlich finde ihn hässlich und uninspiriert, wie viele der aktuellen Automobile. Dem Design-PC und dessen Erfüllungsgehilfe, dem Fahrzeuggestalter, scheint nichts mehr einzufallen außer noch mehr Sicken, noch mehr Kanten und Falze. Wem's gefällt.....
napoleonwilson 03.07.2017
2. Stahlgewitter....
Stahlgewitter ist ein Ausdruck von deutschen Soldaten im 1. Weltkrieg. Dort gab es Stahlgewitter = tagelanger Beschuss mit Millionen von Granaten. Der Begriff ist in Bezug auf ein Auto etwas deplaziert. Und die Front sieht ähnlich aus wie von aktuellen Audi SUV,s . Nur ist die Seitenlinie stark zerklüftet.
deranaluest 03.07.2017
3. Fazit:
Ein aufgebockter Kleinwagen mit einem bei dieser Bauart immanentem hohem Luftwiderstand und schlechter Straßenlage der aufgrund der miserablen Sichtbedingungen eine Gefahr für Leib und Leben anderer Verkehrsteilnehmer darstellt.
Plasmabruzzler 03.07.2017
4.
Beim Thema Benzin-Direkteinspritzer (und hier sogar mit Turbolader) sollten beim deutschen Autofahrer sofort die Alarmglocken schrillen. Es kann gut möglich sein, dass diese auch künftig Fahrverbote auferlegt bekommen - ähnlich wie es mit dieselgetriebenen Autos derzeit in der Umsetzung ist. Das Risiko würde ich derzeit nicht in Kauf nehmen. Und der Preis ist bei dem Auto auch nicht heiß: einen Honda CR-V bekommt man ab ca. 24.000 EUR und der hat ab 26.000 EUR Allradantrieb und einen 2 Liter Saugmotor (ohne Direkteinspritzung) mit 155 PS.
peter-k 03.07.2017
5. Gute Nacht funktionelles Auto
Der C-HR folgt genau dem hier in Asien im Moment top aktuellen Falten-Design. Die in Eurem Artikel erwähnte stark eingeschränkte Seiten- und Rücksicht kümmert hier niemanden. In Asien guckt sich niemand um und schon gar nicht im Verkehr. Wenn man einparken muss bedient man sich der Rückfahrkamera, sonst interessiert niemanden was neben oder hinter dem eigenem Fahrzeug passiert. Zum anvisierten Markt passt auch 100% die Abwürge-Hilfe, denn wirklich fahren kann in ganz Asien sowieso kaum jemand. "... für all jene, die mit ihrem Auto ein modisches Statement setzen wollen: Seht her, mein Auto ist genauso cool wie ich!" Genau, der junge wohlhabende chinesische oder thailändische Millennial. Ihr seit nur am Rande interessant . . . und das seit ihr leider selber Schuld.
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