Toyota Corolla Der wahre Volkswagen

Die Deutschen halten sich für die Krone der Schöpfung in Sachen Automobilbau. Modelle von Herstellern, die nicht auf Leistung oder Luxus gepolt sind, werden deswegen hierzulande oft übersehen. Wie der Toyota Corolla.

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Von Jürgen Pander


Zum Einstieg eine Quizfrage: Welches ist das meistverkaufte Auto der Welt? a) VW Käfer, b) Ford Model T, c) VW Golf, d) Toyota Corolla. Antwort d) ist richtig.

Das japanische Fabrikat debütierte vor 50 Jahren und wurde von 1966 bis heute weltweit mehr als 44 Millionen Mal verkauft. Natürlich in zig Karosserievarianten. Mit einer kaum zu überblickenden Vielfalt an Motorisierungen, anfangs mit Hinterradantrieb, ab 1983 mit Frontantrieb und in bislang elf Modellgenerationen. Was jedoch stets gleich blieb, war der Name und der Anspruch, ein "Auto für alle" zu sein, wie es schon im ersten Werbeprospekt hieß.

Global gesehen funktioniert das bis heute. In China verkaufte Toyota in den ersten elf Monaten des vergangenen Jahres rund 280.000 Corolla-Modelle, in den USA gut 331.000 und damit mehr Autos, als VW als Marke im gleichen Zeitraum insgesamt dort absetzen konnte (285.719). Im Jahr 2015, so teilt der Toyota-Vertrieb mit, wurden im Durchschnitt jeden Tag 3670 Corolla-Modelle weltweit verkauft. Aus deutscher Sicht klingt das, als sei von einem anderen Planeten die Rede. Denn hierzulande wurden 2016 lediglich etwa 340 Exemplare der kompakten Limousine neu zugelassen. Mit einem davon waren wir jetzt unterwegs.

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Schon nach kurzer Zeit und wenigen Kilometern beginnt man zu ahnen, woran es liegt, dass dieser Wagen fast überall auf der Welt begehrt ist, in Deutschland aber kaum jemanden interessiert. Und das hat weniger mit dem Auto selbst zu tun als mit der spezifischen Anspruchshaltung, die viele Autokäufer hierzulande entwickelt haben. An der gemessen, ist der Corolla ein unscheinbarer Langweiler. Vergleichbar mit den Typen, die auf Partys stundenlang stumm am Türstock lehnen und niemals einen Fuß auf die Tanzfläche setzen, geschweige denn ein Gespräch anfangen.

Ein Auto wie ein Fernseher oder ein Toaster

Der Witz ist offenbar, dass Autos in vielen Gegenden der Welt genau so gesehen werden. Einfach als Gebrauchsgegenstände, ähnlich aufregend wie ein Fernseher oder ein Toaster. Ganz normale Autokäufer aus diesen Regionen erwarten von ihrem Auto vor allem Zuverlässigkeit und Haltbarkeit - und in beiden Kategorien hat sich der Corolla in den vergangenen fünfzig Jahren einen ausgezeichneten Ruf erarbeitet.

Wenn man nur einige Tage mit dem Auto verbringt, lässt sich das natürlich nicht nachweisen. Aber es fällt schon auf, dass bei Verarbeitung und Innenraumgestaltung nicht so sehr der Schein im Vordergrund steht, sondern die Substanz. Das Interieur wirkt schlicht, einfach und grundsolide. Die Mittelkonsole ist schmal und flach, es gibt noch einen klassischen Handbremshebel und der Fußraum im Fond ist nahezu eben, was die Benutzung des hinteren Mittelplatzes wesentlich bequemer macht als in Autos mit durchgehendem Tunnel.

Lautstärkeregelung per Fingertippen

Toyota hatte uns als Testwagen die "Executive"-Variante des Corolla hingestellt, also das Auto mit Top-Ausstattung. Zu der gehören auch beheizbare Vordersitze, die aber offenbar kaum je ein Kunde bestellt - warum sonst sollten die Bedientasten unter der Aschenbecherklappe versteckt sein? Lästig ist auch, dass die komplette Bedienung der Musikanlage über den großen, zentralen Touchscreen funktioniert. Selbst sonst simple Ein-Griff-Erledigungen wie das Lauter- oder Leiserstellen des Radios, erfordern jetzt mehrmaliges Antippen der entsprechenden Touchflächen - nerviger geht es kaum. Einziger Ausweg: Man gewöhnt sich die Bedienung per Lenkradtasten an.

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Toyota Corolla: Der unsichtbare Riese

Aber wie gesagt, solche Sperenzchen haben auch nichts mit der Kernkompetenz des Corolla zu tun. Die zeigt sich vielmehr in straff gepolsterten, angenehm geformten Sitzen; in der geteilten und umklappbaren Rücksitzlehne, um das Ladevolumen des Kofferraums zu erweitern, oder im üppigen Innenraumangebot.

Es gibt nur einen Motor, einen Benziner mit 132 PS

Technisch ist der Wagen auf der Höhe der Zeit, guter Durchschnitt könnte man auch sagen. Vom 1,6-Liter-Vierzylinder-Benziner mit 132 PS sollte man nicht allzu viel erwarten, in Deutschland wird allerdings nur dieser eine Antrieb angeboten. Wählen kann man lediglich zwischen Sechsgang-Schaltgetriebe und Automatikgetriebe (Aufpreis 1350 Euro). Wer, wie von den deutschen Herstellern gern gepredigt, nach Agilität, Dynamik, Spurtstärke oder gar Überholprestige beim Corolla sucht, wird nicht fündig werden. Dieses Auto ist nicht für die Autobahnausnahme gebaut, sondern für den Tempolimit-Normalfall. Und dennoch lässt sich der Corolla genau so bewegen, wie das in 99,9 Prozent aller Fahrsituationen angemessen und sinnvoll ist.

Ist der Corolla nun ein in Deutschland verkanntes Auto, oder fährt er zurecht unter ferner liefen? Zweimal: ja. Denn kaum beachtet wird der Corolla ja nicht zuletzt auch deshalb, weil Limousinen generell immer weniger gefragt sind. Und dass der Wagen in dieser Form keine große Zukunft in Deutschland hat, steht auch fest. Dazu ist das Design zu unspezifisch und amerikanisch, und dazu fehlt dem Wagen einfach das Besondere, irgend etwas, das man einem Bekannten über das Auto erzählen könnte. Das Einzige, was in dieser Hinsicht bleibt, ist dies: Du, ich fahre das meistverkaufte Auto der Welt. Rate mal, welches das ist.

Fahrzeugschein
Hersteller: Toyota
Typ: Corolla 1.6 Executive
Karosserie: Limousine
Motor: Vierzylinder-Benziner
Getriebe: Sechsgang-Schaltgetriebe
Antrieb: Front
Hubraum: 1.598 ccm
Leistung: 132 PS (97 kW)
Drehmoment: 160 Nm
Von 0 auf 100: 10,0 s
Höchstgeschw.: 200 km/h
Verbrauch (ECE): 6,3 Liter
CO2-Ausstoß: 144 g/km
Kofferraum: 530 Liter
Gewicht: 1.270 kg
Maße: 4620 / 1775 / 1465
Preis: 25.180 EUR
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insgesamt 197 Beiträge
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Seite 1
lupenreinerdemokrat 07.01.2017
1.
Der Autor hat es ja durch seine Beschreibung der "Kernkompetenzen" des Corolla schon selbst erklärt, warum der Corolla in Deutschland kaum eine Chance hat: weil er schlicht zu langweilig und zu sehr "graue Maus" ist. Hierzulande, und im übrigen auch in vielen anderen europäischen Ländern ist das Auto nun mal mehr, als ein Gebrauchsgegenstand vergleichbar einem Fernseher, Waschmaschine oder Toaster. Man erwartet von einem Produkt, das gemeinhin in der Preisregion zwischen 20k - 50k € angesiedelt ist halt auch Emotionen. Das sieht man nicht nur an der Werbung von z.B. BMW, Audi oder Alfa Romeo, das erlebt man auch permanent auf der Straße oder wenn der Besitzer sein geliebtes Vehikel am Samstag Nachmittag in der Waschstraße liebkost und akribisch mit dem Staubsauger aussaugt. Einen 1,6 l Saugmotor mit 132 PS bei einem Fahrzeuggewicht von ca. 1300 kg und einer Beschleunigung von 0-100 in 10 Sek. kann man halt auch kaum noch als Alltagstauglich bezeichnen ;-) Überholen eines LKW auf der Landstraße wird hier zur Verkehrsgefährdung.
joeaverage 07.01.2017
2. Um von A nach B zu kommen
wahrscheinlich eine der wirtschaftlichsten Lösungen.
DerNachfrager 07.01.2017
3. Wie schön der Autor hier die Toyota-Werbesprüche nachbetet !
Wenn man so zählt wie Toyota, dann müsste man sämtliche Golf-Versionen inklusive Cabrios, Caddy und die Passat-Generationen bis zur dritten als "Käfer" deklarieren - und wer fährt dann das meistgebaute Auto der Welt ?
zephyroz 07.01.2017
4. Mittelmaß
Der Wagen kann alles irgendwie aber nichts so richtig gut. Völlig emotionslos. Dann kann ich auch einen 3 Jahre alten Passat Variant kaufen, der ist günstiger und der Wertverlust ist auch deutlich geringer.
frenchie3 07.01.2017
5. Öhem, wie bitte
schaft es Toyota in den ersten elf Monaten diesen Jahres so viele Autos zu verkaufen? Glaskugel oder den Artikel eben erst wiedergefunden?
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