Footbikes Kick mit!

Im Nachbarland Tschechien sind Footbikes populär - als Freizeitgefährt für Jüngere oder als Rollator-Ersatz für Ältere. Der gebürtige Prager Tomas Ullman will den Erfolg auf Deutschland übertragen. Wenn da nicht der Gesetzgeber wäre.

Stefan Weißenborn

Von Stefan Weißenborn


Mehr als fünf Kilometer hat Tomaššs Ullman heute schon in den Knochen. Mit seinem Tretroller ist er bei strahlendem Sonnenschein am Morgen zur Arbeit nach Moabit gekommen. Ohne Pedale, ohne Übersetzung, ohne Motor sowieso. Aber mit schwingenden Beinen. "Kein Problem", sagt er, als sei es nichts, durch den Hauptstadtverkehr von Berlin zu rollern.

Ullmans Tretroller ist kein Kinderspielzeug, sondern ein Footbike. So nennen sich die Geräte für Erwachsene, die man ernst nehmen sollte, findet Ullman. Dass er immer ein Lächeln erntet, egal wo er auftaucht, stört ihn hingegen nicht. "Viele Leute gucken - man fällt auf."

Footbikes sind anders als in Tschechien, wo Ullman geboren wurde, in Deutschland noch nicht sehr populär - ja, man kennt sie kaum. Daran will der 53-Jährige etwas ändern. 2016 eröffnete er einen kleinen Showroom in einer ehemaligen Keramikfabrik in einem Hinterhof in Berlin-Moabit. Es ist einer der wenigen Footbike-Läden in Deutschland.

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Footbikes: Tretroller für Erwachsene

Wie früher bei Tretrollern gibt es bei Footbikes eine Trittfläche, ein Rad hinten, eines vorn, einen Lenker. Das war es schon fast.

Das Fahren ist ein Kinderspiel

Die Bremse ist nur noch bei manch faltbarer Variante ein Klotz, den man mit der Ferse über ein Pedal im Trittbrett betätigt. Heute hat man es mit Felgenbremsen wie beim Fahrrad zu tun, mit Hebeln am Lenker, mit Schnellspannern, manchmal sogar mit Scheibenbremsen. Es gibt Varianten mit Federgabeln für Downhill-Fahrten und Rennversionen mit schmalen Reifen und hohen Felgen. Und größer sind die Footbikes. Damit Lenker und Vorbau bis auf Hüfthöhe reichen, sind entweder große 26-Zoll-Laufräder oder lange Lenkstangen montiert. Hinten tut es zur besseren Wendigkeit meist ein kleines Rad.

Pedalbremse des Swifty One
Stefan Weißenborn

Pedalbremse des Swifty One

Das Fahren selbst ist - Verzeihung - ein Kinderspiel geblieben. Lenker festhalten, Standbein aufsetzen und mit dem anderen am Boden abstoßen - wobei sich der Körper bei eingegroovtem Bewegungsablauf im Takt der Tritte nach vorn und wieder nach hinten bewegt. Einmal im Rollen, fühlt sich Ullman wie "auf einem Laufband am Flughafen. Das trifft es vielleicht."

Aufrecht stehend rollert der Footbiker an Fußgängern vorbei, springt schnell ab, wann es ihm passt. Das beugt Konflikten vor - anders als auf dem Fahrrad. Er ist dennoch fast so schnell wie ein Radler, wenn er will. Es gibt eine Faustregel, nach der ein Tretrollerfahrer bei gleicher körperlicher Anstrengung in der gleichen Zeit rund drei Viertel der Strecke eines Radler zurücklegt, sagt Ullman.

Europacup und Weltmeisterschaften im niederländischen Losser

Ein Problem: das tief liegende Trittbrett, das dazu führt, dass man bei jeder Bordsteinkante, ja selbst an Rollstuhlrampen aufsetzt. Da hilft nur, die Schwachstelle mit der Coolness eines Skaters zu ignorieren. Auch bei Skateboards gehörten Gebrauchsspuren am Gerät schließlich dazu. Die robust konstruierten Trittflächen lägen niedrig, um auch den Schwerpunkt des Footbikes tief zu halten. "Das kommt dem Fahrverhalten zugute", sagt der Footbike-Fan.

Mit dieser Evolutionsstufe des Geräts hatten es ein paar unternehmungslustige Mitglieder eines tschechoslowakischen Jugendverbands vor 50 Jahren nicht zu tun. Sie machten sich auf Kindertretrollern auf den Weg von Bratislava über Brünn nach Prag - lange bevor der Begriff Foot- oder Kickbike aufkam. "Es war als Witz gedacht, aber es war das erste Wettrennen auf Tretrollern", sagt Ullman. Mit der Gründung der "Rollo Liga" legten die Pioniere den Grundstein für heutige Strukturen, die sogar einen Tretroller-Weltverband (IKSA - International Kicksled and Scooter Association) hervorgebracht haben.

Um den Footbike-Sport bekannter zu machen, startete der IKSA 2013 zur 100. Ausgabe der Tour de France sein bislang größtes Promo-Event: Im Vorfeld der Tour kickte sich eine Gruppe von Rennfahrern auf Rollern in 21 Tagen 3500 Kilometer über die Originalstrecke. Ausgetragen werden heute unter anderem ein Europacup und auch Weltmeisterschaften, die dieses Jahr vom 19. bis 22. Juli im niederländischen Losser stattfinden. "Das aber sind alles noch Hobbyveranstaltungen", sagt Ullman.

Beitrag zur Verkehrswende?

Doch der Tretroller ist mehr als ein Hobby. "Populär durch alle Generationen" sei er zum Beispiel in Rožnov, dem Sitz von Mibo, einem der größten Hersteller von Footbikes. "Dort sehen Sie ältere Menschen, die mit Tretrollern in den Supermarkt fahren - anstatt eines Rollators wie bei uns." Die Einkäufe landen einfach auf dem Gepäckträger über dem Vorderrad. "Auch meine Frau Mama ist auf einen Tretroller umgestiegen", sagt Ullman.

So wie die 58-jährige Beate Jahn, die vor fünf Jahren nach zwei Knieoperationen das gelenkschonende Rollern entdeckte, eine Trainerlizenz des Deutschen Tretroller Verbandes erwarb, um auch anderen "das Potential im Reha-Bereich" teilwerden zu lassen. "Was man als Kind automatisch macht, muss man als älterer Mensch wieder lernen", sagt sie. Etwa den wichtigen Wechsel des Standbeins alle fünf bis sieben Tritte, um einseitige Belastungen zu vermeiden. Mehr mit der Betonung auf den gesundheitlichen Aspekt, eröffnete sie bereits 2012 einen Verkaufsshop in Berlin-Hermsdorf.

Während es in Pilsen sogar

Ullman in seiner Werkstatt
Stefan Weißenborn

Ullman in seiner Werkstatt

ein Tretroller-Sharing-System gibt und in Prag kürzlich ein Tretroller-Museum aufgemacht hat, sind die Footbikes in Deutschland aber noch nicht so recht angekommen. Dabei hätten die minimalistischen Vehikel in deutschen Städten, vor allem solchen mit sich oft selbst genügenden kleineren Stadtteilen und Kiezen wie Berlin, das Zeug für eine Rolle in der Verkehrswende, findet Footbiker Ullman.

Erwachsenen-Tretroller sind "voll verkehrssicher"

Er sagt: "In der Stadt ist nicht genug Platz, dass jeder mit seinem Wohnzimmer aus Blech herumfährt." Warum kürzere Wege von ein paar Kilometern nicht mit einem Tretroller bewältigen? Zumal die stehende, schwingende Körperbewegung nach langem Sitzen im Büro auch noch eine Wohltat für den Rücken sei. Selbst Pendler könnten aufs Footbike umsteigen - denn faltbare Varianten gälten in Bus und Bahn wie Falträder als Gepäck und könnten kostenfrei mitfahren.

Dass sich Footbikes in Deutschland trotz ihrer vielen Vorteile nicht durchsetzen, hat womöglich einen fast historischen Hintergrund: Anfang der Neunzigerjahre kamen klappbare Miniscooter auf. Jene kleinen Gefährte, die ursprünglich für die Verkürzung der Wege auf dem Werksgelände gedacht waren und sich schnell zur Mode entwickelten. Rechtlich wurden die Minis als Fortbewegungsmittel Fußgängern gleichgestellt. "Weil Tretroller nicht zum Fahrzeugverkehr zählen, gehören sie nicht auf Fahrbahnen oder Radwege, sondern auf Gehwege", heißt es beim Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club in Berlin. "Diese Regeln wurden einfach für die Footbikes übernommen", klagt Ullman. Dabei seien die Erwachsenen-Tretroller mit Klingel, Bremsen und Beleuchtung doch "voll verkehrssicher".

Dass Footbikes eigentlich doch etwas anderes sind als Fortbewegungsmittel, darauf deutet die Straßenverkehrsordnung selbst hin: Denn dort sind als Höchstgeschwindigkeit 6 km/h festgelegt - zu langsam für den morgendlichen Weg zur Arbeit im sympathischen Kickmodus.

Video: Die RADikalen

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insgesamt 52 Beiträge
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Seite 1
erzengel1987 25.06.2018
1. Nennt sich Roller
Sieht nur etwas ander aus. Oder bin ich jetzt ein Ignorant ?. Jedenfalls finde ich ein Fahrrad dann besser. Aber es muss Spaß machen also von daher
Anneliese-Schmidt 25.06.2018
2.
Eine klasse Idee ein Footbike, welches schon an Bordsteinkanten und Rollstuhlrampen mit einem Gravelbike, welches im Querfeldeinrennen zum Einsatz kommt, zu vergleichen. Passt halt hinten und vorn nicht. Verglichen mit einem UCI konformen Rennrad passt das Gewicht. Von Leichtbaurädern gar nicht zu reden. Aber in der Regel sitzt das tatsächliche Gewichtsproblem oben auf.
fatherted98 25.06.2018
3. habe letztens...
....einen solchen Rollerfahrer beobachten können....war lustig anzusehen....aber sehr, sehr anstrengend bei wenig Weggewinn....insofern doch eher ein Spielzeug als ein Sport- oder Fortbewegungsgerät. Als Rollatorersatz übrigens völlig ungeeignet....wer hat sich denn das ausgedacht?
riomaster181 25.06.2018
4. „Man fällt auf“
Das dürfte der Hauptgrund für den Kauf eines solchen Teiles sein. Gibt es einen Verwendungszweck bei dem ein stinknormales Fahrrad nicht in jeder Hinsicht besser ist? Und: ich möchte mir nicht corstellen wie sich ein auf einen Rollator wirklich angewiesener alter Mensch auf einem Footbike verhält. Einspurig, keine Stabilität, für mich klingt das einfach nur absurd.
bicyclerepairmen 25.06.2018
5. Das wievielte...
..und wieder etwas bemüht wirkende Revival ist das jetzt eigentlich ?
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