Autogramm VLF Destino Zurück aus der Zukunft

Mit seinem Hybrid-Luxusauto Karma wollte Henrik Fisker beweisen, dass Sparsamkeit auch Spaß machen kann. Und fuhr in die Pleite. Jetzt kehrt das Auto als VLF Destino zurück - mit V8-Kompressor-Motor nach alter Väter Trinksitte.

Tom Grünweg

Der erste Eindruck: Immer noch ein Hingucker.

Das sagt der Hersteller: Henrik Fisker, dänischer Designer mit Wohnsitz in Los Angeles, entwarf einst bei BMW den Z8 und brachte danach Aston Martin in Form, betrachtet sein neuestes Projekt VLF Destino mehr als Beschäftigungstherapie denn als ernsthaftes Geschäftsmodell. Nachdem sein Plug-In-Elektrosportwagen-Projekt Karma in die Pleite gefahren war, musste irgendetwas Neues her.

Fisker tat sich mit GM-Veteran Bob Lutz und dem Produktionsspezialisten Gilbert Villareal zusammen und gründete in Detroit die Firma mit dem supersexy Namen VFL (Villareal Lutz Fisker). Das Unternehmen kauft Restbestände der Karma-Produktion auf, rupft die Plug-In-Technik raus und ersetzt sie durch den V8-Motor aus der Corvette. Fertig ist der Old-School-Sportwagen im schicken Dress. "Der Destino ist der perfekte Autobahncruiser für die eilige Elite", sagt Fisker. Für ihn persönlich ist das Auto ein idealer Zeitvertreib. "In der Fabrik verwandeln wir alte Herren uns in drei junge Kerle, wir haben einfach Spaß", sagt. Ein teures Hobby? Mitnichten: "Wenn wir zwei Dutzend Autos pro Jahr verkaufen, legt keiner dabei drauf."

Das ist uns aufgefallen: Was für ein Klang! Das Säuseln des Karma war ja auch ganz nett, denn einen derart leisen Luxussportwagen gab es damals, zwei Jahre vor der Einführung des Tesla Modell S, noch nicht. Doch wenn die elektrische Flüsterfahrt nach maximal 80 Kilometern vorbei war und der als Range Extender mitreisende Opel-Vierzylinder zugeschaltet wurde, klang der Karma eher nach asthmatischem Kleinwagen als nach Luxusgerät für mehr als 100.000 Euro.

Jetzt dagegen, unter dem neuen Namen Destino und mit der althergebrachten Technik, klingt der Wagen so, wie er aussieht. Schon beim Anlassen brüllt der V8-Motor aus vollen Rohren. Die Zahl der Zylinder hat sich schließlich verdoppelt und der Hubraum mehr als verdreifacht.

Tritt man aufs Gas, fühlt es sich an, als wären die Lebensgeister in den Luxusliner gefahren. Auch der Karma war beileibe kein lahmes Auto, doch er wirkte stets ein bisschen steril und unterkühlt. Der Destino fühlt sich dagegen an, als habe der Viertürer endlich seine Bestimmung gefunden: Das Kompressor-Triebwerk katapultiert den Flachmann in 3,9 Sekunden auf Tempo 100 und lässt mit 322 km/h Höchstgeschwindigkeit etliche andere Edelfuhren hinter siche

Hier saß früher mal ein alternativer Antrieb, jetzt bollert dort ein V8-Motor
Tom Grünweg

Hier saß früher mal ein alternativer Antrieb, jetzt bollert dort ein V8-Motor

Dabei ist der Destino kein knüppelharter Sportwagen. Weil die Herren VLF allesamt schon etwas älter sind und nicht mit Ferrari & Co. konkurrieren wollen, pflegt ihr Fahrzeug eine gewisse Bequemlichkeit. Das gilt fürs Design ebenso wie für das Fahrgefühl: Der Wagen ist bei aller Präzision und Bestimmtheit so ausgelegt, dass er keinem weh tut - selbst wenn man mit ihm viele Stunden lang unterwegs ist.

Das passt auch zum Grundkonzept: Gran Turismo mit erweitertem Nutzwert. Denn der Destino ist nicht nur ein 2+2-Sitzer, sondern verfügt über vier Türen. Allerdings muss man schon ziemlich gelenkig sein, wenn man durch die hinteren Öffnungen in die tiefen Lederkuhlen klettert. Und danach muss man sich klein machen, um im Fond überhaupt Platz zu finden. Das allerdings ist im Aston Martin Rapide, Fiskers formalem Vorbild für Karma und nun Destino, nicht anders.

Der Antrieb des Karma hat sich zwar geändert, doch das Ambiente ist genau wie früher - schön gedacht, aber nicht ganz so schön gemacht: Außen große Spaltmaße und innen schlampig montierte Konsolen wollen einfach nicht zu den stolzen Preisen passen, die VLF für den Luxusliner aufruft. Da erinnert Fisker eher an die früheren Ferrari oder Maserati als an Porsche Panamera oder BMW Sechser, mit denen sich Fisker gerne messen mag.

Das muss man wissen: Zurück aus der Zukunft könnte man als Motto über dieses Auto schreiben, das einst als fortschrittlicher Plug-in-Hybrid-Luxuswagen begann und nun auf dem Stand eines herkömmlich angetriebenen Edel-Gran-Turismo angekommen ist. Unter der Haube des Destino sitzt der aus der Corvette ZR1 bekannte 6,2 Liter-V8-Kompressor-Motor mit einer Leistung von 638 PS und einem maximalen Drehmoment von 819 Nm.

Der Umbau erfolgt in einer kleinen Fabrik bei Detroit von Hand und beschränkt sich weitgehend auf den Triebstrang sowie ein paar kleine Designretuschen.Nicht mehr als 25 Autos pro Jahr sollen so entstehen. Parallel wird bei VLF das Modell Force 1 entwickelt. Der als kompromissloser Racer gedachte Bolide wärmt einen anderen legendären Vollgas-Oldie auf: den Dodge Viper.

Die Produktion des Destino begann erst vor kurzem, und eines der ersten Autos wurde an den Gitarren-Helden Carlos Santana ausgliefert. Ab 2017 soll der Export des Destino starten, dann soll das Auto ab 209.900 Euro unter anderem auch in Deutschland angeboten werden. Bestellt werden muss das Auto direkt in den USA, doch den Service kann laut Fisker jede Werkstatt übernehmen, die auch eine Corvette reparieren kann.

Auch wenn Fisker mit diesem Umbau vom Paulus zum Saulus wird, kann er von den elektrischen Autos offenbar nicht lassen. Im Gegenteil: Gerade hat der Däne in Los Angeles ziemlich großspurig ein neues E-Projekt angekündigt: Schon im nächsten Jahr will er ein neues Akku-Auto für die Oberliga präsentieren, das mit mehr als 700 Kilometern die größte Reichweite aller Elektrofahrzeuge haben soll. Und als wäre das nicht genug, soll es kurz danach auch ein Modell für den Massenmarkt geben, mit dem er Chevrolet Bolt und Tesla Modell 3 ausstechen will. Viel mehr als eine dünne Bleistiftzeichnung und hehre Absichten gibt es zu diesem Projekt allerdings noch nicht.

Das werden wir nicht vergessen: Das schlechte Gewissen beim Gas geben. Und zugleich das gute Gefühl, dass so aus dem wunderschönen Karma jetzt ein Sportwagen geworden ist, der auch so hinreißend fährt, wie er aussieht.

Mehr zum Thema
Newsletter
Autotests: Die wichtigsten Modelle im Check


© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.