Volvo S60 2.0T Wenn Lehrer schwärmen

Der chinesische Autobauer Geely ist jetzt Herr im Hause Volvo - und kann sich über eine feine Mitgift freuen. Denn die schwedische Marke bringt den S60 mit in die Liaison mit ein, der noch unter der Ägide der Ex-Mutter Ford entwickelt wurde. Eine Mittelklasse-Limousine mit Pfiff.

Von Jürgen Pander

Jürgen Pander

Eine Geburtstagsfeier bei Bekannten, das Gespräch kommt auf Autos. Im lockeren Plausch wird mitgeteilt, man fahre derzeit einen neuen Volvo S60. Stille. Blicke. Und dann setzt ein wahrer Nachfragesturm ein. Das Auto scheint die Runde sehr zu interessieren. Wie sich herausstellt, handelt es sich ausnahmslos um Lehrerinnen und Lehrer. Spontanes Fazit dieses kleinen Erlebnisses: Pädagogen scheinen richtig abzufahren auf die schwedische Marke. Die ja inzwischen auch eine chinesische ist, seit der Autokonzern Geely aus Hangzhou - zu dessen Portfolio auch Marken mit so verwegenen Namen wie "Freedom Ship" und "King Kong" gehören - im vergangenen Jahr Volvo aus dem Ford-Konzern herauskaufte.

Quasi als Mitgift für den Volvo-Deal, bei dem rund zwei Milliarden US-Dollar in die Ford-Kasse geflossen sein sollen, erhielten die neuen chinesischen Eigner die fix und fertig entwickelte Mittelklasselimousine Volvo S60. Ein Auto, das - so die Hoffnung von Volvo - das Image der Marke weiter in Richtung Premiumhersteller verschieben soll. Und nach der ersten Bekanntschaft mit dem Wagen muss man konstatieren, dass dies durchaus gelingen könnte. Der S60 machte einen grundsoliden Eindruck, womit er sich jedoch noch nicht von den bisherigen Volvo-Typen unterscheidet. Was jedoch neu und erfrischend ist, sind Eleganz und der hohe Qualitätseindruck im Detail - wenn man zum Beispiel im die Schalter und Tasten im Innenraum genauer in Augenschein nimmt, die Sitze oder die Armaturentafel.

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Volvo: Die Geschichte der Schweden im Überblick
Was auch gleich auffällt, ist die relative Enge im Wagen, der immerhin 4,63 Meter lang ist und doch den Insassen nur wenig Bewegungsspielraum lässt. Wollte man dieser Tatsache etwas Positives abgewinnen, könnte man sagen, dass der Volvo Geborgenheit vermittelt. Man sitzt regelrecht eingebettet im Wagen, was gut zur umfassenden, markentypischen Sicherheitsausstattung passt. Auch das Kofferraumvolumen von 380 Litern ist für ein Auto dieses Formats eher mickrig; zum Vergleich: eine Mercedes C-Klasse schluckt 475 Liter. Dazu kommt beim S60 noch die recht enge Ladeluke.

Unter der Haube unseres Testwagens steckte der mittlere der insgesamt fünf angebotenen Benzinmotoren, deren Leistungspalette von 150 bis 304 PS reicht. Im Falle des Zwei-Liter-Turbomotors sind es 203 PS, die das Auto voranbringen. Bei dem Triebwerk handelt es sich übrigens um eines jener modernen, aufgeladenen Aggregate, die von Ford unter dem Namen Ecoboost vermarktet werden. Flott und drehfreudig tritt die Maschine auch im Volvo an - nur mit dem "Eco" ist es nicht so weit her. Der Durchschnittsverbrauch pendelte bei unseren Testfahrten laut Bordcomputer stets um die Zehn-Liter-Marke. Offiziell gibt Volvo einen Schnitt von 8,3 Liter je 100 Kilometer für das Auto mit Sechsgang-Automatikgetriebe an.

Am überzeugendsten ist der Wagen als entspannte Reiselimousine

Die stattliche Benzinmenge verarbeitet das Auto allerdings zu reichlich Fahrvergnügen. Der S60 fährt sehr ruhig, wirkt quicklebendig und lässt sich durch die dreistufige Fahrwerksabstimmung "Comfort - Sport - Advanced" per Tastendruck je nach Gusto modifizieren. Wobei das Auto als entspannter Dauerläufer im Comfort-Modus am überzeugendsten ist. Richtig Spaß macht es auch, das Auto über kurvige Straßen zu bewegen, denn die in Abhängigkeit zur Fahrgeschwindigkeit elektrohydraulisch unterstützte Lenkung wirkt einerseits leicht und zugleich sehr direkt. Fahrwerksabstimmung und Lenkung sind übrigens Teil des "Fahrdynamik-Pakets", das 1150 Euro Aufpreis kostet.

Überhaupt der Preis. 31.750 Euro kostet das Modell mit dem Zwei-Liter-Turbo in der Basisversion. Wer den Wagen in der Topausstattung namens "Summum" ordert, zahlt 37.700 Euro. Der Preis unseres Testfahrzeugs allerdings belief sich auf 49.685 Euro. Die dicksten Brocken in der Liste der Preistreiber waren das "Business-Paket Pro" mit Navigationssystem, Festplattenspeicher, Musikanlage und Einparkhilfe, das 2350 Euro extra kostet, dann das Automatikgetriebe für 2100 Euro, sowie das "Fahrerassistenz-Paket" mit Abstandsregelsystem, Totwinkel-Warnsystem, Spurhalteassistent und Übermüdungswarner für 1950 Euro.

Interessantes Design, stolze Preise, neue Kunden

Die selbstbewusste Preispolitik schreckt offenbar die Kunden nicht ab. Im vergangenen Jahr - der Volvo S60 kam in Deutschland erst Ende September 2010 auf den Markt - wurden noch 1580 Modelle verkauft. In diesem Jahr sollen es hierzulande deutlich mehr als 3000 werden. Dazu sollen nach Volvo-Planung noch rund 8000 Exemplare der Kombiversion V60 kommen, die seit November auf dem Markt ist. Außerdem werden S60 und V60 ab April auch in der Spritspar-Variante "Drive" angeboten - mit 115-PS-Dieselmotor und einem Verbrauch von 4,3 Liter je 100 Kilometer, was einem CO2-Ausstoß von 114 Gramm je Kilometer entspricht.

Doch aller technischen und ökonomischen Rahmendaten zum Trotz: Der neue S60, das wurde auch beim eingangs schon erwähnten Gespräch deutlich, gefällt vor allem durch sein Aussehen. Für die Kombi-Marke Volvo, die normalerweise für ihre geräumigen Lademeister geschätzt wird, könnte der S60 damit tatsächlich ganz neue Perspektiven erschließen. Volvo-Sprecher Olaf Meidt sagt: "Das Auto bringt uns eine Menge Neukunden." So was hören sicher auch die chinesischen Neubesitzer gern.

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insgesamt 32 Beiträge
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Seite 1
Juri, 20.03.2011
1. Unbekannt
Ich denke mal das man sich den Spurwechselassistenten, so gut er auch gemeint sein mag, in Deutschland praktisch schenken kann. Wenn der nur bei gesetztem Blinker arbeitet, ist das in geschätzten 75% aller Spurwechsel/Überholmanöver nonfunktionell. Schließlich heißt es hierzulande meist "Der Fahrtrichtungsanzeiger, dein unbekannter Begleiter". Wenn überhaupt geblinkt wird, dann frühestens wenn man schon zur Hälfte auf der anderen Spur ist - das System sollte also Spurwechsel besser über Fahrbahnmarkierungen wahrnehmen, so wie Fahrspurassisten dies tun. Oder jedes Fahrzeug bekommt eine BlackBox, auf das der Schadensverursacher bei nicht gesetzten Blinker auf dem Schaden sitzen bleibt und die Versicherung nix zahlt. Dann hätte ich schon öfters mal von einer Vollbremsung und Ausweichen abgesehen und ein paar Dellen bei solchen Idi**** ins Blech gepflanzt...
Charles Atane, 20.03.2011
2. ...
Naja, besonders von der Seite betrachtet, könnte das auch einen neuen Nissan Primera oder Toyota Avensis, vielleicht auch den übernächsten 3er-BMW, abgeben. Zudem sollte man, besonders bei Miethöhen wie in meiner Stadt, schon ein Gymnasiallehrer mit mindestens A14 oder A15 sein, um sich dafür zu begeistern, aber auf keinen Fall eine Grundschulmutti...
derlabbecker 20.03.2011
3. also ich kaufe auf keinen Fall einen Volvo...
.... gefallen haben mir die Kisten noch nie, und nun gehört das auch noch den Chinesen... die weiden die Firma doch nur aus, bauen die Produktionsanlagen in Schweden ab und in China auf, und schicken die Leute da in die Arbeitslosigkeit. Geely ist nur an den Produktionsanlagen interessiert um seine Produkte zu verbessern.
PolitBarometer 20.03.2011
4. ...
Zitat von JuriIch denke mal das man sich den Spurwechselassistenten, so gut er auch gemeint sein mag, in Deutschland praktisch schenken kann. Wenn der nur bei gesetztem Blinker arbeitet, ist das in geschätzten 75% aller Spurwechsel/Überholmanöver nonfunktionell. Schließlich heißt es hierzulande meist "Der Fahrtrichtungsanzeiger, dein unbekannter Begleiter". Wenn überhaupt geblinkt wird, dann frühestens wenn man schon zur Hälfte auf der anderen Spur ist - das System sollte also Spurwechsel besser über Fahrbahnmarkierungen wahrnehmen, so wie Fahrspurassisten dies tun. Oder jedes Fahrzeug bekommt eine BlackBox, auf das der Schadensverursacher bei nicht gesetzten Blinker auf dem Schaden sitzen bleibt und die Versicherung nix zahlt. Dann hätte ich schon öfters mal von einer Vollbremsung und Ausweichen abgesehen und ein paar Dellen bei solchen Idi**** ins Blech gepflanzt...
Dem stimme ich zu. Kenne auf meiner täglichen Autobahntour von gut 165km auch nur wenige, die noch einen Blinker benötigen. Da wird das Blech -wie es gerade passt- bewegt, komme wer/was da wolle. Damit könnte die Polizei echt Kasse machen. Tageseinnahmen in ungeahnter Höhe. Aber vielleicht lernt man das ja jetzt auch in den Fahrschulen anders, wer weiss.
tweet4fun 20.03.2011
5. Quatsch mit Soße!
Zitat von derlabbecker.... gefallen haben mir die Kisten noch nie, und nun gehört das auch noch den Chinesen... die weiden die Firma doch nur aus, bauen die Produktionsanlagen in Schweden ab und in China auf, und schicken die Leute da in die Arbeitslosigkeit. Geely ist nur an den Produktionsanlagen interessiert um seine Produkte zu verbessern.
Das sind doch wieder mal die üblichen Vorurteile gegen "die Chinesen". Alleine wenn man sich den Ford-Motor anschaut, kann Volvo nur von der Übernahme profitieren, weil über kurz oder lang dann endlich ein moderner Motor eingebaut wird. Man überlege sich einmal: 4 Zylinder, 203 PS, fast 200 g/km CO2 (!), Realverbrauch um 10 l/100 km. Und das in einem 2010/2011 Modell. Und das von einem Hersteller, der insbesondere eine umweltbewußte und intellektuell besser ausgestattete Klientel bedient. Da bieten andere Hersteller weit Besseres! Ich habe unter anderem auch einen 1991 SAAB 900 Turbo, ungetunt, aber Turbo-Limiter ausgetrickst. Dieser relative alte, aber buchstäblich unzerstörbare 4-Zylinder-Motor liefert 200 PS, stößt gemessene 210 g/km CO2 aus und verbraucht durchschnittlich 9 l/100 km. Außerdem ist er kettengesteuert, was den leidigen Zahnriemen eliminiert. Nur das Teil ist schon 20 Jahre alt! Wenn ich dann in meinen Citroen einsteige, vergesse ich jeden Volvo und habe auch ein weniger schlechtes Umwelt-Gewissen. Also Volvo kann nur besser werden.
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