Von Tom Grünweg
Die schmalen Landstraßen rund um Birmingham kann Stefan Sällqvist langsam nicht mehr sehen. Denn immer und immer wieder war der oberste Fahrwerksentwickler von Volvo in den vergangenen Jahren auf diesen ungastlichen Pisten unterwegs. "Man fährt durch enge Gassen, rumpelt durch Schlaglöcher, hüpft über Bodenwellen und wird ständig von Kurven überrascht. Und trotzdem wird dort ziemlich schnell gefahren", beschreibt der Ingenieur jenes Revier, in dem das jüngste Modell seines Arbeitgebers reifte. In Deutschland kommt das Auto Mitte September auf den Markt.
"Wir wollten das agilste Auto dieser Klasse", sagt Sällqvist, "und das entwickelt man nicht auf der Rennstrecke oder der Autobahn". Stattdessen seien dafür Straßen nötig, die Fahrwerk und Fahrer gleichermaßen fordern, erläutert der Ingenieur. Denn nur wenn immer wieder Kurven wie aus dem Nichts auftauchten und man ständig mit Millimeterabstand an Mauern oder Hecken entlangfahren müsse, bekomme man am Ende eine Lenkung von beinahe intuitiver Präzision und eine Straßenlage, die sich einfach nicht aus der Ruhe bringen lässt.
Dafür sorgen die gegenüber dem Geländewagen XC60 stark umgebaute Plattform, die direkter übersetzte Lenkung, das steifere Fahrwerk, der - teilweise optionale - Allradantrieb für die stärker motorisierten Modelle und eine Elektronik, die in Kurven das innere Rad abbremst, um so ein höheres Tempo und engere Radien zu ermöglichen. Auch wenn der S60 nun mit erheblicher Sportlichkeit durch die Landschaft fährt, ist er noch immer nicht so dynamisch wie etwa ein BMW 3er oder ein Audi A4. Doch wo die bisherigen Volvo-Modelle oft noch dezenter waren, kann der S60 einen forsch agierenden Fahrer nun tatsächlich in Wallung bringen.
Genau das sei eines der erklärten Ziele bei der Entwicklung gewesen, sagt Marketingchefin Malin Schwartz. "Wir wissen, dass wir gute und sichere Autos bauen. Aber wir wissen auch, dass man sie bislang oft für bieder gehalten hat." Deshalb soll nun Schluss sein mit der Langeweile. Der S60 soll damit beginnen, und schon sprechen die schwedischen Autobauer vom "leidenschaftlichsten Volvo aller Zeiten".
Niedriger Einstiegspreis und ein weichgespültes Design
Wer erst mal hinter dem Steuer sitzt, kann diese Begeisterung teilweise nachempfinden. Doch damit es überhaupt soweit kommt, müssen die Schweden erst einmal das grundsätzliche Interesse wecken. Das eine Mittel dafür ist der Kampfpreis von 27.000 Euro, der mit den besseren Motor- und Ausstattungsvarianten allerdings auf bis zu 49.550 Euro steigt. Das andere Mittel ist das Design. Das hat sich meilenweit entfernt von jener Ära, als Volvo-Modelle aussahen wie Container und das für einen Ausdruck skandinavischer Solidität gehalten wurde. Jetzt gibt es statt klarer Ecken und Kanten viele fließende Linien, mit denen die Limousine beinahe als Coupé durchgehen könnte. Außerdem wurde der Wagen im Vergleich zum Vorgänger um sechs Zentimeter breiter und wirkt aufgrund des gestreckten Radstands schlanker und ranker, obgleich die Länge mit 4,63 Metern nahezu unverändert blieb.
Während man den stilistischen Richtungswechsel außen deutlich sehen kann, ist die Atmosphäre innen wie immer. Die Materialauswahl ist vielleicht etwas sorgfältiger als sonst, manche Konsole hat mehr Schwung, und der Navigationsmonitor surrt jetzt nicht mehr aus dem Armaturenbrett wie das Brot aus dem Toaster; dennoch bleibt es bei der kühlen Nüchternheit des Nordens. Und es bleibt auch bei der mittlerweile etwas überfrachteten Mittelkonsole, die noch immer frei im Raum schwebt, jedoch lange nicht mehr so pfiffig wirkt, dass man dafür auf brauchbare Ablagen verzichten möchte. Die Platzverhältnisse sind vorn großzügig und hinten ordentlich, und der Kofferraum fasst 380 Liter. Allerdings ist die Klappe ungewöhnlich klein geraten.
Das Leistungsspektrum reicht bis zu übertriebenen 304 PS
Auch unter der Haube hält bei Motoren zwischen mageren 115 und üppigen 304 PS der Fortschritt Einzug. Volvo setzt auf das sogenannte Downsizing und setzt hubraumschwächere Benziner mit Turbo und Direkteinspritzung sowie sparsamere Dieselmotoren ein. Allerdings wird es eine Start-Stopp-Automatik erst später geben und auch dann lediglich in einem expliziten Spritsparmodell. Und von einem Hybridantrieb ist erst gar nicht die Rede.
So viel die Schweden diesmal anders gemacht haben - ganz vergessen haben sie die alten Werte nicht. Die Sicherheit genießt weiter oberste Priorität und beschert dem S60 neben einem halben Dutzend Airbags und einer Vielzahl elektrischer Helfer auch ein einzigartiges Schutzsystem für Fußgänger: Radar- und Videosensoren können Passanten auf der Fahrbahn erkennen und vor einem drohenden Unfall die Notbremsung einleiten. Und weil mehr als die Hälfte aller Volvos Kombimodelle sind, wird es neben den Typen V40 und V70 deshalb bald mit dem V60 noch einen dritten Kombi geben. Offiziell feiert der Premiere im Oktober auf dem Autosalon in Paris. Doch auf den Straßen um Birmingham kann man ihn wahrscheinlich schon sehen.
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