Fahrbericht Volvo S90 Bitte sagen Sie jetzt nichts

Vor einiger Zeit hat Volvo seinen Werbeslogan gestrichen - die Autos sollen nun für sich selbst sprechen. Eine gute Idee, denn vor allem die neue Limousine S90 hat uns viel zu sagen.

Jürgen Pander

Von Jürgen Pander


Die deutschen Hersteller BMW, Mercedes und Audi geben sich gerne breitbeinig. "Freude am Fahren", "Vorsprung durch Technik", "Das Beste oder nichts" - die Werbebotschaften könnten auch als markige und ebenso unbeliebte Chefsprüche durchgehen. Wie es eleganter geht, zeigt Volvo. Der schwedische Autobauer in chinesischem Besitz hat schon vor einiger Zeit den Spruch "Volvo for life" gestrichen, die Fahrzeuge allein sollen die Botschaft von der etwas anderen Marke transportieren.

Dem Volvo S90, der neuen, großen Limousine der Herstellers aus Göteborg, gelingt das. Man sieht das Auto und denkt: groß, unkompliziert - und elegant. Der knapp fünf Meter lange Schlitten ist in vielerlei Hinsicht beeindruckend, und das wird umso deutlicher, wenn man ihn neben einem der Platzhirsche von Audi, BMW oder Mercedes sieht. Irgendwie wirkt es dann so, als müsse gerade der Außenseiter aus Skandinavien nun gar nichts mehr beweisen.

Er wirkt leichtfüßiger als ein BMW 5er, akzentuierter als ein Audi A6, schicker als eine Mercedes E-Klasse. Vor allem sieht das Auto eigenständig und harmonisch aus, denn dem Volvo-Designteam um den deutschen Chef Thomas Ingenlath ist es gelungen, die alte Kantigkeit der Marke abzuschaffen, und dennoch eine verlässlich-positive, unkonventionell-schwedische Ausstrahlung beizubehalten. "Hochwertige Einfachheit" nennen die Schweden den Stil, in dem das stattliche Auto gehalten ist.

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Nach dem Einsteigen steigert sich das Gefühl noch, es endlich mal wieder mit einem wirklich neuen Auto zu tun zu haben. Auch hier spielt das Design eine entscheidende Rolle, denn es drängt sich nicht auf, ist aber durch seine elegante Zurückhaltung umso präsenter. Beispiel: Die durchgehenden, horizontalen Linien der Armaturentafel werden durch schmale, senkrechte Luftausströmer gegliedert, das war's auch schon. Die Bedienung erfolgt über einen hochformatig platzierten, extragroßen Touchscreen (13 mal 18 Zentimeter), darunter gibt es eine schmale Leiste mit sieben Tasten und einem Drehregler, fertig.

Geschickt inszenierte Schlichtheit

Das wirkt schon fast zu nüchtern, doch dieser Effekt ist erwünscht. So fallen nämlich ein paar Details umso mehr auf. Etwa der Anlasser-Schalter auf der Mittelkonsole, dessen Chromrand ein feines Rautenmuster trägt. Und gleich daneben befindet sich eine Walze, mit der sich die Fahrmodi auswählen lassen. Auch die erweckt den Eindruck, als habe hier ein Juwelier etwas liegen lassen, obwohl es sich tatsächlich um ein Plastikteil mit "Chrom-Folierung in Diamantschnittoptik" handelt, wie Volvo mitteilt. Was beim Betrachter davon hängen bleibt, ist dies: Es sieht verdammt cool aus.

Zum optischen Reiz des Autos kommen ein ausgesprochen ruhiges, gedämpftes Fahrverhalten und ein angenehmer Antrieb. Bekannt ist, dass Volvo seit einiger Zeit nur noch aufgeladene Vierzylindermotoren mit zwei Liter Hubraum verbaut. Im S90 sind das aktuell zwei Diesel- und zwei Benzinmotoren mit einem Leistungsspektrum von 190 bis 320 PS, allesamt in Verbindung mit einem Achtgang-Automatikgetriebe. In unserem Testwagen mit dem Namenszusatz T5 steckte der kleinere der beiden Benziner mit 254 PS unter der Haube.

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Fahrbericht Volvo S90: Der große Klare

Volvo gibt als Durchschnittsverbrauch für diesen Motor 6,5 Liter an, wir lagen rund eineinhalb Liter darüber, waren allerdings auch meist mit vier Personen und Gepäck unterwegs. Das Fahrgefühl im S90 lässt sich am besten beschreiben, wenn man noch einmal die Schweden-Klischees hervorholt: Geborgenheit trifft auf Solidität und praktische Effizienz. Es ist, als führe man immerzu von Bullerbü über Lönneberga nach Saltkrokan.

Damit ist auch klar, dass dem S90 T5 - trotz nominell beeindruckender 254 PS - jene dränglerische Dynamik abgeht, die manche hochmotorisierten Business-Limousinen von Audi-BMW-Mercedes prägt. Alles Draufgängerische fehlt dem S90. Was nicht heißen soll, dass nicht auch Volvo-Fahrer volle Terminkalender haben dürfen, aber sie sollten einfach rechtzeitig losfahren, um ihr Auto so zu bewegen, wie es gedacht und konzipiert ist: als souveräner Langläufer.

Sensoren, Videokamera, Radaraugen - alle sind auf der Hut

Bei der Sicherheitsausstattung gibt sich Volvo natürlich keine Blöße, denn sie gehört zum Markenkern des Autobauers. Serienmäßig an Bord sind ein Notbremsassistent mit Fußgänger- und Fahrradfahrer-Erkennung, ein Assistenzsystem, das automatisch einen Sicherheitsabstand zum Fahrbahnrand einhält, ein Kreuzungs-Bremsassistent, der riskante Situationen beim Linksabbiegen entschärfen kann sowie Spurführungshilfe, Berganfahrhilfe, adaptiver Tempomat, Müdigkeitswarner sowie ein Schleudertrauma-Schutzsystem.

Während die Sicherheitssysteme ab Werk installiert sind, müssen etliche Komfortdetails extra bestellt und bezahlt werden. Das führt, wie bei anderen Herstellern auch, zu einer extremen Spreizung zwischen dem Einstiegspreis, der beim S90 bei 42.750 Euro liegt, und dem Preis für ein üppig ausgestattetes Modell. Unser Testauto beispielsweise (Basispreis für das Modell mit T5-Motorisierung: 53.850 Euro), das unter anderem mit Akustikverglasung, Luftfederung an der Hinterachse, 20-Zoll-Leichtmetallfelgen, Wi-Fi-Hotspot und Head-up-Display ausstaffiert war, kostete 73.420 Euro.

In der Preisgestaltung unterscheidet sich Volvo nicht von der Konkurrenz, in vielen anderen Dingen aber durchaus. Und das ist es auch, was den S90 als Alternative unter den großen Limousinen attraktiv macht. Zumindest für all jene, die sich für skandinavische Coolness erwärmen können und generell offen sind für ein paar Dinge leicht abseits des Mainstreams. Wie Automarken ohne Markenclaims.

Fahrzeugschein
Hersteller: Volvo
Typ: S90 T5
Karosserie: Limousine
Motor: Vierzylinder-Turbobenziner
Getriebe: Achtgang-Automatik
Antrieb: Front
Hubraum: 1.969 ccm
Leistung: 254 PS (187 kW)
Drehmoment: 350 Nm
Von 0 auf 100: 6,8 s
Höchstgeschw.: 230 km/h
Verbrauch (ECE): 6,5 Liter
CO2-Ausstoß: 149 g/km
Kofferraum: 500 Liter
Gewicht: 1.801 kg
Maße: 4963 / 1879 / 1443
Preis: 53.850 EUR
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insgesamt 85 Beiträge
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Seite 1
Johannes Pfeiffer 09.12.2016
1. Schickes Auto
Ich bin die letzten Jahre viel Volvo gefahren. S60, X60 und noch andere. Ich denke die Schweden haben es nicht verlernt Autos zu bauen. NUR! Hoffe ich auch, dass sie endlich den Wndekreis ihrer Fahrzeuge in den Griff bekommen haben. Bei allen Modellen, die mir unter die Finger gekommen sind müsste man sehr sportlich am Lenkrad kurbeln und im Schalten von Vorwärtsgang auf Rückwärts geübt sein, da alle Wagen einen so großen Wendekreis hatten, dass man in einigen Verkehrssituationen äußerst dämlich aus der Wäsche geguckt hat. Vielleicht haben die Chinesischen Eigner zur Besserung beigetragen. Es hat ja auch bei Jaguar funktioniert. Noch einen schönen Tag! Wie immer, Ihr J. Pfeiffer.
demokritos2016, 09.12.2016
2. Nun ja, Design ist bekanntlich ...
... Geschmackssache. Als ehemaliger Volvo-Fahrer empfinde ich Front- und Seitenanblick eher als: a bisserl von allem, von Mercedes, von BMW... Was aber die Heckpartie betrifft: ein einziges Grauen, da sollten sich die Designer schämen!
thequickeningishappening 09.12.2016
3. Na Ja
VOLVO hat ein schönes Auto gebaut, den P 1800s. Ansonsten innovativ? Ja Zuverlässig? Ja Haltbar? Ja Schön? NEIN Billig? Nein Wiederverkauf? Schwierig
teilzeitmutti 09.12.2016
4. Mit einem Wort: grauenvoll
Anders kann das Außendesign dieses Fahrzeugs nicht bezeichnet werden. Die Front zerfurcht durch Fake-Lufteinlässe und dazu dieser grottenhässliche Kühlergrill. Beim Heckdesign hat man sich dann wohl mehr oder weniger von Skoda "inspirieren lassen". Hässlicher geht es kaum. Die Seitenansicht und das Innenraumdesign gehen auch aus meiner Sicht in Ordnung. Ein Problem scheint auch dieses Volvo-Modell zu haben: Motor und Fahrleistungen passen nicht zusammen. Der S90 wird mit dem neuen 5er und der neuen E-Klasse konkurrieren. Diese holen aus vergleichbaren Motoren bessere Fahrleistungen, bzw. aus kleineren Motoren vergleichbare Fahrleistungen.
mat76 09.12.2016
5. Geschmackssache
Und meinen trifft er nicht. Das Heck ist mir zu unruhig, dass Cockpit zu zerklüftet, der Bildschirm fügt sich nicht harmonisch ein. Diese Walze... Nee
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