Volvo V60 D4 Cross Country Danke Planke

Rustikal wirkende Autos sind gefragt. Das gilt für SUV genauso wie für mit Hartplastik beplankte Familienkutschen wie den V60 D4 Cross Country. Volvo bringt er satte Gewinne, dem Kunden eigentlich nichts.

Von Jürgen Pander

Jürgen Pander

Einundvierzig Jahre lang, von 1950 bis 1991, prägte der norwegische Autodesigner Jahn Wilsgaard das Design der schwedischen Marke Volvo. Natürlich wusste ich nichts von diesem Mann, als mein Vater in den siebziger Jahren darüber nachdachte, einen gebrauchten Volvo 144 als Familienlimousine anzuschaffen. Die eckige Form dieses Autos, um das wir einen halben Samstagnachmittag auf dem Hof eines Händlers herumstrichen, prägte sich mir jedoch ein - und sie bestimmte das Gesamtbild, das man damals von Volvo hatte: kantig, kräftig und beinahe unverwüstlich.

Aktuelle Volvo-Typen sehen anders aus. Nicht mehr wie Ziegelsteine, sondern eher wie Zierkiesel, und zwar große. Für die "Cross Country"-Modelle gilt das im Besonderen. So nennt Volvo Kombivarianten, und seit neuestem auch eine Limousine, die sich um einen rustikaleren Auftritt bemühen. Beim V60 Cross Country etwa durch ein grobes Wabengitter im Kühlergrill, silberfarbene Plastikplanken an allen Seiten, Radhausverbreiterungen und schwarz glänzende Außenspiegelgehäuse. Der Wagen trägt einen Speckgürtel aus SUV-Standards und passt damit gut zu Menschen, die in Funktionskleidung zum Weihnachtseinkauf in der Innenstadt aufbrechen. Die Funktion dieser Klamotten besteht ja auch vor allem darin, das Signal auszusenden: Ich bin härter als ihr denkt.

Der Innenraum ist kleiner als erwartet

Der Cross Country wiederum ist tatsächlich minimal härter im Nehmen als der normale Kombi. Die Karosserie liegt um sechseinhalb Zentimeter höher, was zu einer Bodenfreiheit von gut zwanzig Zentimetern führt. Mehr können auch die SUV-Modelle VW Tiguan oder BMW X3 nicht bieten. Zu einem wirklich geländetauglichen Auto wird der Volvo dadurch natürlich nicht. Zumal unser Testwagen mit Frontantrieb ausgestattet war. Eine identisch motorisierte Variante mit Allradantrieb hat Volvo zwar auch im Angebot, doch die ist, inklusive Sechsgang-Automatikgetriebe, um 4600 Euro teurer.

Also: Man kann mit diesem Volvo über einen zerfurchten Feldweg fahren oder auf dem vollen Wanderparkplatz etwas abseits noch einen Offroad-Stellplatz an der Böschung ansteuern. Und hoffen, dass die Kratzgeräusche irgendwelcher Äste an den Plastikplanken entstanden sind, und nicht an lackierten Stellen. Grundsätzlich aber gilt: Dieser Kombi ist als solider Familiendampfer für den normalen Straßenverkehr gedacht - wie im Prinzip auch alle SUVs.

Was den V60 Cross Country vom SUV unterscheidet, ist das Raumgefühl. Denn er teilt eine zentrale Schwäche vieler moderner Autos: Nach außen hin gibt er den großen Wagen, doch drinnen ist von der Herrlichkeit nicht mehr viel zu spüren. Man sitzt sehr bequem, aber eben nicht gerade luftig. Der Kofferraum ist mit einem Fassungsvermögen von 430 Liter auch keine Offenbarung und Gleiches gilt für die Rundumsicht. Wehmütig denkt man zurück an die ehemals kantigen Karren, die einem innen größer vorkamen als man von außen vermutet hatte. Was auch daran lag, dass das Interieur dem einer schwedischen Blockhütte entsprach.

Wo fängt das Auto eigentlich an?

Ein schöner Nebeneffekt der Schwedenstahl-Geradlinigkeit war, dass man exakt sah, wo das Auto endete. Im V60 dagegen ahnt man nur grob, wie weit die Karosserie reicht - vor allem beim Blick nach vorn. Wie zum Ausgleich steckt der Volvo voller elektronischer Augen, die zum Beispiel beim Einhalten des Abstands zum Vorausfahrenden und der Fahrspur helfen, die bei Nacht andere Verkehrsteilnehmer erkennen und das Fernlicht entsprechend steuern, die Verkehrsschilder sehen und ins Cockpit einblenden, die den toten Winkel im Blick behalten und den Querverkehr beim rückwärts Ausparken.

Zusammengefasst bietet Volvo all diese Systeme im "Fahrerassistenz-Paket" für 2150 Euro an. Man kann es aber auch bei einer Einparkhilfe (290 Euro) oder der Rückfahrkamera (480 Euro) belassen - oder sich einfach an die Dimensionen und Sichtverhältnisse des Autos gewöhnen.

Motorisiert war unser Volvo-Testauto sozusagen mit der goldenen Mitte des Antriebsangebots, nämlich mit dem 190 PS starken Vierzylinder-Turbodiesel in Kombination mit einem Sechsgang-Schaltgetriebe. So bestückt wird aus dem Kombi ein feiner, laufruhiger Reisewagen. Wir fuhren das Auto mit einem Durchschnittsverbrauch von 6,7 Liter je 100 Kilometer, der Normwert liegt bei lediglich 4,2 Liter, doch dann dürfen weder Passagiere noch Gepäck an Bord sein, und auch keine 18-Zoll-Räder auf den Achsen stecken (Standard sind 16 Zoll).

Ganz schön straff, die Abstimmung

Der Dieselmotor erfüllt die Euro-6-Abgasnorm, ist in die Effizienzklasse A+ einsortiert und verfügt über einen NOx-Speicherkatalysator, um die Abgase zu reinigen. Ein komplizierteres System mit Harnstoffeinspritzung (SCR-Katalysator) ist nach Volvo-Angaben nicht nötig, um die Abgaswerte einzuhalten. Allerdings patzte ein Volvo S60 D4, also die Limousine mit dem gleichen Dieselmotor, bei Abgastests des Umweltinstituts ICCT mit um 15mal höheren Stickoxid-Ausstoß als erlaubt. Volvo verweist bei diesem Thema auf weitere getestete Dieselmodelle, die korrekte Werte erzielten und sagt, bei dem Auto mit den stark erhöhten Stickoxid Werten offenbar sei offenbar das Abgas-Kontrollsystem fehlerhaft gewesen. Die Untersuchungen des Kraftfahrt-Bundesamts zum Volvo D4-Motor laufen noch.

Das wohlige Gefühl einer rustikalen Sicherheit, das Volvo über Jahrzehnte kultivierte, wird im V60 Cross Country gestört durch ein eher trocken abgestimmtes Fahrwerk, das längst nicht so weich und mitfühlend ist, wie man beim ersten Blick auf die höher gelegte Karosserie vermuten würde.

Ein Auto am Schnittpunkt zwischen Repräsentations-, Familien-und Geländewagen demonstriert beispielhaft, wie weit der Einfluss des Marketings heute reicht. Einst war Volvo vor allem der Funktionalität verpflichtet, dem robusten Sein; heute spielt der modische Schein die Hauptrolle. Paolo Tumminelli, Design-Professor und Marken-Experte, sagt es so: "Nützliche Fahrzeuge mit rauem Plastik positionierte man früher als billiges Basismodell. Heute ist es umgekehrt: Für die Cross-Country-Versionen darf man einen dicken Lifestyle-Mehrpreis verlangen."

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insgesamt 70 Beiträge
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jrzz 13.12.2015
1. Tja....
so ist wohl die Entwicklung... Da lobe ich mir meinen Elch (940, Baujahr 1992): Fahrdynamik wie eine Wanderdüne, keine elektronischen Helfer, aber Rundumsicht wie im Gewächshaus, Platz ohne Ende (Man kann zu weit drinn schlafen, wenn die Rückbank komplett umgeklappt ist.), bis auf normale Verschleißteile unkaputtbar, letzter TÜV ohne Mängel. Verbrauch: knapp 9 Liter Benzin/100km bei ca. 130 km/h aud der Autobahn. Ein wunderbares Auto!
Stäffelesrutscher 13.12.2015
2.
»der norwegische Autodesigner Jahn Wilsgaard« heißt übrigens Jan mit Vornamen, er hat nichts mit Jahn Regensburg zu tun. Und der Artikel beschreibt sehr schön, was Volvo unter den von Ford bzw. Daimler gekommenen Designern Peter Horbury und Steve Mattin alles angerichtet hat. Wenn mir in den Achtzigern jemand gesagt hätte, dass BMW mal geräumigere und vernünftigere Kombis baut als Volvo, den hätte ich gefragt, ob er zu viel Glögg getrunken hat.
jrzz 13.12.2015
3. Chinese,
nicht Ford oder Daimler. Inzwischen ist Volvo eine chinesische Marke, gehört seit 2010 zum chinseischen Geely-Konzern in Hiangzhou. Aber es ist richtig - die Gleichmacherei begann mit Ford...
Matyaz 13.12.2015
4.
ob man so eine Optik nun toll oder einfach nur peinlich findet ist Geschmackssache.Allerdings braucht man sich über ein unkomfortabel abgestimmtes Fahrwerk nicht wundern,das ist dann eben notwendig wenn man ein Auto und somit seinen Schwerpunkt 65mm höher legt. Im Übrigen sind über 1,7 t Leergewicht auch ein Armutszeugnis.
f36md2 13.12.2015
5. Volvo mit Frontantrieb - hört sich gut an!
Immerhin hat der Volvo Frontantrieb und ist damit bei Nässe und Schnee deutlich sicherer zu fahren, als die Mercedes- und BMW-Heckschleudern. Allrad in Deutschland als Option? Vielleicht für Förster und Bewohner von Bergregionen, aber nicht in Dortmund oder Düsseldorf!
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