Autogramm Volvo V60 Große Klappe

Volvo feiert den V60 als Wiedergeburt des traditionellen Familienkombis. Doch bei dem schwedischen Schönling scheint Coolness wichtiger zu sein als die Zahl der Kisten, die in den Kofferraum passen.

Volvo

Der erste Eindruck: Kennste einen, kennste alle. Der V60 mag ein besonders schöner Kombi sein, aber er ist von einem V90 kaum zu unterscheiden. Auch mit den SUV-Modellen XC 90 und XC 60 hat er einfach zu viel Ähnlichkeit.

Das sagt der Hersteller: Mit dem neuen V60 bekennt sich Volvo - nach diversen Neuheiten im SUV-Segment - wieder zum klassischen Familienauto mit großer Klappe. "Seit Generationen sind Fahrer von Familienkombis eine wichtige Kundengruppe für uns", sagt Firmenchef Håkan Samuelsson. "Der neue Volvo V60 steht in dieser Tradition und führt sie zugleich weiter." Allerdings hat der schwedische Autobauer dieses Erbe erheblich modernisiert. Es geht nicht mehr um maximale Raumausnutzung wie früher, sondern der neue V60 soll vor allem sportlich, schnieke sein. Coolness ist wichtiger als die Zahl der Kisten, die in den Kofferraum passen.

Tom Grünweg

Das ist uns aufgefallen: Kombis gibt es in dieser Klasse zuhauf und die Unterschiede zwischen Audi A4 Avant, BMW 3er Touring und Mercedes C-Klasse T-Modell sind eher gering. Der Volvo jedoch tanzt in gleich mehrfacher Hinsicht aus der Reihe.

Da wären beispielsweise vergleichsweise dünne und trotzdem bequeme Sitze oder ein Cockpit, in dem der Touchscreen hochformatig eingebaut ist und nicht quer wie bei Konkurrenten. Auf dem Mitteltunnel sitzt ein zum witzigen Drehschalter gewordener Startknopf. Im Fond geht es für diese Pkw-Klasse ungewöhnlich geräumig und hell zu - auch dank des größten Panoramadachs, das Volvo bislang verbaut hat.

Zwar spricht Volvo beim V60 fast schon penetrant von einem Sportkombi, und das Design wirkt auch durchaus dynamisch. Doch selbst das vorläufige Top-Modell mit einem 310 PS starken Turbo-Kompressor-Motor ist weit davon entfernt, ein sportliches Auto zu sein. Zumindest, wenn man Sportlichkeit nicht allein über Spurtvermögen und Höchstgeschwindigkeit definiert.

Fahrdynamisch kann der V60 nicht mit Konkurrenten wie dem 3er-BMW mithalten. Dafür ist das adaptive Fahrwerk selbst in der strammsten Einstellung viel zu soft und die Lenkung zu indirekt. Auf der linken Spur der Autobahn mag der V60 damit gut mithalten und als Kilometerfresser knochenschonend lange Strecken abspulen. Aber sobald man auf die Landstraße wechselt, merkt man, dass es in Schweden die meiste Zeit geradeaus geht und die Skandinavier es gern etwas langsamer angehen lassen.

Keine großen Unterschiede gibt es dagegen beim Kofferraum. Weder ist das Ladevolumen von 529 bis 1441 Litern herausragend, noch bieten die Schweden besondere Detaillösungen. Die sensorgesteuerte Heckklappe, das große Fach unter dem doppelten Boden, der elektrisch unterstützte Klappmechanismus für die Rücksitze, den man vom Heck aus bedienen kann - all das ist praktisch und mit einem hohen Maß an Perfektion gelöst. Aber es ist eben nichts, was es nicht auch bei der Konkurrenz gäbe. Einzig die fast schon geniale Klappe im Ladeboden, die man als Raumteiler aufstellen und an der sich sogar Einkaufstüten fixieren lassen, ist ein besonderes Merkmal.

Werfen Sie einen Blick in den Innenraum des Volvo V60 mit unserem 360-Grad-Foto:

Das muss man wissen: Ab Anfang Juli erhältlich. Der V60 basiert auf der so genannten Scalable Platform Architecture (SPA), auf der Volvo auch den Geländewagen XC 60 sowie seine Oberklasse-Modelle S90, V90 und XC 90 baut. Deshalb stehen für den Wagen viele Extras aus der Oberliga zur Verfügung, beispielsweise diverse Sicherheitssysteme. Mit denen will Volvo das Ziel erreichen, dass ab 2020 niemand mehr in einem Auto der Marke sein Leben lassen muss.

Schon in der Grundausstattung bremst der V60 deshalb tags wie nachts automatisch für Fußgänger, Radfahrer oder Wildtiere, die sich auf Kollisionskurs befinden. Er hält von alleine die Spur, reagiert auf drohende Karambolagen mit dem Gegenverkehr und hält auf Kreuzungen oder beim Rangieren nach anderen Verkehrsteilnehmern Ausschau. Und wer den "Pilot Assist" bestellt, kann auf der Autobahn bis 130 km/h so autonom fahren, wie es der Gesetzgeber derzeit erlaubt - immer einsatzbereit und mit den Händen die meiste Zeit am Lenkrad, aber ohne konkrete Führungsaufgabe.

Beim Blick unter die Haube wundert man sich. Davon, dass Volvo volltönend den Abgesang auf den Diesel angestimmt hat, merkt man beim V60 erst einmal nichts. Der vorerst einzige Benziner ist der T6 AWD, der auch in unserem Testwagen verbaut war. Mit 310 PS Leistung und einem Grundpreis von 49.500 Euro ist er eher ein Nischen- als Massenmotor. Den Löwenanteil der Verkäufe dürften die beiden Selbstzünder ausmachen, im D3 mit 150 PS und im D4 mit 190 PS. Der billigste V60 kostet dann 40.100 Euro.

Zumindest arbeitet Volvo an Alternativen und bereitet für die nächsten Monate gleich zwei Modelle mit Plug-in-Hybridantrieb vor, die dann auf 340 oder 390 PS Leistung kommen sollen. Sie werden aber wohl teurer werden als die konventionellen Modelle und dürften sich deshalb in dem von Firmenzulassungen geprägten Segment schwer tun.

Das werden wir nicht vergessen: Die fehlende Ernsthaftigkeit Volvos, einen echten Kombi zu bauen. Für den Lastentransport ist das Gepäckabteil viel zu klein.

Fahrzeugschein
Hersteller: Volvo
Typ: V60 T6 AWD
Karosserie: Kombi
Motor: Vierzylinder-Benzindirekteinspritzer-Turbo-Kompressor
Getriebe: Achtgang-Automatik
Antrieb: Allrad
Hubraum: 1.969 ccm
Leistung: 310 PS (228 kW)
Drehmoment: 400 Nm
Von 0 auf 100: 5,8 s
Höchstgeschw.: 250 km/h
Verbrauch (ECE): 7,4 Liter
CO2-Ausstoß: 171 g/km
Kofferraum: 529 Liter
umgebaut: 1.441 Liter
Gewicht: 1.903 kg
Maße: 4761 / 2040 / 1427
Preis: 49.500 EUR
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insgesamt 76 Beiträge
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Seite 1
eunegin 02.07.2018
1. mit Familie: praktisch geht vor cool.
Da hat SPON den Nagel auf den Kopf getroffen. Wenn man sich als Familienvater/-mutter schon auf einen so oder so recht uncoolen Kombi mit Kindersitzen umsteigen muss, dann soll er eben auch ein, zwei Kinderwagen und Gepäck fassen können. Bei uns gab es teuere Optionen (E-Klasse), super unpraktische (C-Klasse, 3er BMW und wohl auch den Volvo) und dann sind wir beim vorher undenkbaren aber eben praktischen Passat gelandet. Die relativ geraden (und deshalb weniger coolen) Linien machen den Gepäckraum fast optimal nutzbar. Passt so und ein SUV-Panzer geht gar nicht - als Berliner Straßenparker sowieso nicht.
10kwh 02.07.2018
2. Sehr schönes Auto
Endlich wird mal wieder ein alltagstaugliches Fahrzeug vorgestellt. Phänomenale Front, jedoch für meinen Geschmack durchschnittlich schönes Heck. Auch das Interieur kann bei Volvo endlich überzeugen. Jetzt noch mit Elektroantrieb, dann wäre es fast perfekt.
2cv 02.07.2018
3. Der Firmenwagen-Konkurrent: Skoda Superb, nichts anderes
Der Autor hat eines vergessen - die meisten Kombis heute werden als Leasingfahrzeug bzw. Firmenwagen in Dienst gestellt. Hier haben die meisten Fahrer / Fahrzeugbesitzer ein Budget, was sie ausgeben dürfen (und versteuern müssen). In der Preisklasse 40-50kEUR ist der Skoda Superb die beste und meistgewählte Alternative - er schlägt den Volvo ausstattungstechnisch und auch ladevolumen-bezogen um Längen.
ericstrip 02.07.2018
4. Und deshalb...
...sollten sich echte Kombi-Interessenten langsam einen 245, 700er, V90, 850 oder V70 sichern. Im guten Zustand werden die nicht mehr billiger. Grund: Siehe oben.
salomohn 02.07.2018
5. Enttäuscht
Diesel kommt nicht mehr in Frage, das Angeot an alternativen Antrieben ist zu klein. Die Kombis sind innen viel kleiner und lauter als bei anderen Herstellern. Dazu kommen die hohen Preise. Als langjähriger Volvo-Kunde bin ich mit dem neuen Auto nun zu einem anderenn Hersteller gewechselt.
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