Autogramm VW Arteon Volkswagens neues Flachschiff

VW wagt mal wieder den Ausflug in die automobile Oberklasse - und präsentiert mit dem Modell Arteon das neue Flaggschiff der Marke. Müssen Audi, BMW und Mercedes jetzt zittern? Ein erster Test zeigt: eher nicht.

Jürgen Pander

Von Jürgen Pander


Der erste Eindruck: Lang, breit, flach. Das kann also aus einem Passat werden, wenn VW-Designer ein bisschen Spielraum erhalten.

Das sagt der Hersteller: "Der Arteon ist der erste Gran Turismo von Volkswagen", sagt VW-Sprecher Martin Hube. Darunter versteht man komfortable und zugleich stark motorisierte Autos. Vor allem ist der Arteon aber das neue Flaggschiff der Wolfsburger - mit einem Preis, der ungefähr 5000 Euro über einem vergleichbar ausgestatteten und motorisierten Passat liegt.

Deutlich wird jedenfalls, dass VW mit dem Arteon in Richtung Oberklasse strebt. Das neue Modell, so Unternehmenssprecher Hube, soll nicht nur Passat-Fahrer mit Aufstiegsambitionen befriedigen, sondern auch den sogenannten Premiumherstellern Kunden abjagen. Eine Kampfansage an Mercedes, BMW und die Konzernschwester Audi - mal wieder: Mit den Modellen VW Phaeton und VW CC waren diese Vorhaben gescheitert.

Das ist uns aufgefallen: Wenn ein Autohersteller ein neues Top-Modell vorstellt, dann erwartet man etwas Außergewöhnliches; ein Auto, bei dem einem erst einmal die Spucke wegbleibt. Und VW-Chefdesigner Klaus Bischoff hat mit dem neuen Modell immerhin eine "neue Design-Ära" der Marke verkündet.

Der Arteon ist in dieser Hinsicht aber etwas enttäuschend.

Gewiss, das Auto sieht stattlich aus: Die Frontpartie besteht praktisch nur aus Kühlergrill, die Motorhaube reicht bis an die Radhäuser und das Dach fällt so lang und sanft ab wie der Anfängerhügel eines Skigebiets. Der Arteon erscheint mutig und frisch - aber eben nur für VW-Verhältnisse. So richtig umwerfend sieht er nicht aus.

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VW Arteon: VWs Attacke auf Daimler, BMW und Audi

Steigt man ein ins Auto, umfängt einen - schick verkleidet und rundum seriös gemacht - das von anderen VW-Modellen vertraute Ambiente: etwa das Bedienteil der Klimaanlage oder die Kulisse um den Siebengang-DSG-Wählhebel. Wichtiger als die Einrichtung ist im Arteon aber etwas anderes: das riesige Platzangebot. Nur die Kopffreiheit im Fond ist aufgrund der coupé-artigen Dachneigung höchstens für Insassen bis etwa 1,85 Meter Körperlänge ausreichend. Wer größer ist, muss den Kopf einziehen oder vorne sitzen.

Neu strukturiert hat VW beim Arteon die Ausstattungslinien. Es gibt das Standardmodell Arteon, und darüber dann entweder die Variante "Elegance" oder "R-Line". Für unsere ersten Kilometer im Arteon stand ein "R-Line"-Modell mit dem 2-Liter-Vierzylinder-Turbobenziner mit 280 PS bereit. Das Fahrgefühl ist wie erwartet: gediegen, geschmeidig - unspektakulär. So fährt man eben in einem passabel gedämmten, 4,86 Meter langen 1,8-Tonner.

Interessanter als die Selbstverständlichkeit, mit der Motor, Getriebe, Fahrwerk und Lenkung beim Arteon ihren Job erledigen, ist die Fülle an Assistenzsystemen. Es sind so viele wie in keinem anderen VW-Modell. Sieben der Assistenzsysteme wurden für den Einsatz im Arteon technisch aufgepeppt, etwa die automatische Abstandsregelung, die jetzt auch Tempolimits und Navigationsdaten berücksichtigt. Ebenso greift nun auch der Fern- und Kurvenlichtassistent auf GPS- und Navigationsdaten zurück, um Kurven auszuleuchten, noch ehe am Lenkrad gedreht wird. Und schließlich kann der Notbremsassistent den Wagen - falls der Fahrer nicht reagiert - künftig nicht nur abbremsen, sondern ihn auch rechts am Fahrbahnrand zum Stehen bringen.

Aber reicht das, um den Platzhirschen der Oberklasse das Revier streitig zu machen? Was das Technikpaket betrifft, sind die Unterschiede zu diesen Konkurrenten gering. Was die Motoren angeht, haben die Rivalen mit Fünf-, Sechs- oder gar Achtzylinder-Aggregaten mehr zu bieten. Das Design mag Geschmackssache sein.

Ziemlich konkurrenzlos ist der Arteon allerdings in den Kategorien Platzangebot und Preis. Wobei: Will, wer 50.000 Euro auf den Tisch legt, wirklich mit einem Gran Turismo von VW vom Hof fahren?

Das muss man wissen: Der VW Arteon wird in Emden gebaut, ab 2019 auch in China. Bei den deutschen Händlern steht das Auto ab dem 16. Juni. Zunächst mit zwei 2-Liter-TDI-Motorisierungen mit 150 oder 240 PS, sowie mit dem von uns gefahrenen 2-Liter-TSI mit 280 PS. Die beiden stärksten Aggregate treten serienmäßig mit Allradantrieb an. Später werden zwei weitere Benziner mit 150 und 190 PS sowie ein zusätzlicher TDI-Motor mit 190 PS das Angebot ergänzen.

Gut möglich, dass es zudem noch weitere Varianten geben wird. Von VW hört man, es werde über einen Erdgas-, Plug-in-Hybrid- und auch einen V6-Benziner-Antrieb für den Arteon nachgedacht. Außerdem sei eine zweite Karosserieform in der Planung, aller Voraussicht nach wird das ein Kombimodell sein. Wobei auch die aktuelle Version über eine bis ins Dach reichende Heckklappe verfügt, sowie über ein Ladevolumen von 563 bis 1557 Liter.

Wie Golf, Passat sowie rund vier Dutzend weitere Modelle aus dem VW-Konzern basiert auch der neue Arteon auf dem modularen Querbaukasten (MQB). Er teilt sich also etliche Komponenten mit anderen Fahrzeugen aus dem VW-Konzern von Audi bis Skoda. Vermutlich ist auch das ein Grund dafür, dass bei diesem Auto der Aha-Effekt ausbleibt: Man hat etliche Details so oder ähnlich an andere Stelle gesehen.

Das werden wir nicht vergessen: Ein angedeuteter Fußtritt unters Heck, und der Kofferraumdeckel schwingt automatisch nach oben - und zwei Tasten kommen an der Klappe zum Vorschein. Drückt man die linke, schließt sich die Luke sofort wieder. Drückt man die rechte, erklingt zehn Sekunden lang ein Piepton, und erst dann geht der Deckel runter. Das ist neu bei VW.

Erkundigt man sich nach dem Sinn dieser Funktion, erhält man von den VW-Leuten folgende Erklärung: Durch das verzögerte Schließen müsse man zum Beispiel eine Getränkekiste, die man aus dem Kofferraum gehoben hat, nicht mehr abstellen, sondern könne sie gleich ins Haus tragen. Die Klappe geht dann kurz darauf von alleine zu.

Nicht übel - das ist zwar kein Schritt Richtung autonomes Fahren, aber immerhin ein kleiner Meilenstein beim autonomen Stehen.

Fahrzeugschein
Hersteller: VW
Typ: Arteon 2.0 TSI R-Line
Karosserie: Limousine
Motor: Vierzylinder-Benzindirekteinspritzer-Turbo
Getriebe: Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe
Antrieb: Allrad
Hubraum: 1.984 ccm
Leistung: 280 PS (206 kW)
Drehmoment: 350 Nm
Von 0 auf 100: 5,6 s
Höchstgeschw.: 250 km/h
Verbrauch (ECE): 7,3 Liter
CO2-Ausstoß: 164 g/km
Kofferraum: 563 Liter
umgebaut: 1.557 Liter
Gewicht: 1.716 kg
Maße: 4862 / 1871 / 1450
Preis: 49.900 EUR
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insgesamt 145 Beiträge
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Seite 1
zimmi0102 31.05.2017
1. Marke Einheitsbrei
Wieder mal eine Designkatastrophe von VW: Man nehme den Passage CC und den Audi A7 und verrühre das zu einem lauwarmen, schal schmeckenden, ewig gleichen Brei. Fehlt nur noch die Schüssel, in die man das Übel gibt, hier in Form von Turbinen-Riesenrädern aus dem Billigkatalog. Zum Schluss noch ein unverschämter Preis und fertig... Guten Appetit.
warlock2 31.05.2017
2. Arteon!
Was ich bis jetzt so an Bildern gesehen habe, gefällt mir sehr gut. Ich werde bestimmt mal eine Probefahrt machen. Das Audi-Design wirkt langsam auch schon altbacken, da sieht ein Auto aus wie das andere.
vhn 31.05.2017
3. Frage an VW
Was soll dieses KFZ? Es ist ja wohl erwiesen, dass Volkswagen in der Oberklasse nicht punkten kann. Wieso bietet man jetzt so ein Fahrzeug an, was auch noch völlig frei von jeglicher Innovation ist? Die Zeichen der Zeit müssten in Wolfsburg auf Rückgewinnung des verlorenen Vertrauens stehen. Und auf Innovation. Stattdessen kommt sowas. Man "denkt über Plug in Hybrid und alternative Antriebe nach". Sorry VW, so wird das nichts...
gwyar 31.05.2017
4. Licht und Schatten
Schickes Auto, nur leider nicht mit zielgruppenorientierten Antrieben; für die umweltbewussten Käufer kein Elektro, derzeit nicht einmal Hybrid, ansonsten kein V6+. Was hier so abfällig bewertet wurde, finde ich persönlich klasse - das zeitverzögerte Schließen der Heckklappe und ich frage mich, weshalb da vorher keiner drauf gekommen ist....
thdenell 31.05.2017
5. ... und mich würde ...
mal interessieren, ob man für die Türen auch elektrische Helferlein zum sanften Schließen ordern kann. Das wäre nämlich ein Quantensprung in der Automobilindustrie. Gibt es sowas überhaupt ...?
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