Autogramm VW Jetta Anschluss verpasst

In der Statistik der meistverkauften Autos steht er seit Jahren an der Spitze, doch auf deutschen Straßen ist er kaum zu sehen. Jetzt hat VW den Jetta aufgefrischt - und dabei an einigen Stellen geschlampt.

Volkswagen

Der erste Eindruck: Chic trotz Knick. Schlank geformt und mit fließenden Linien gezeichnet, tilgt der überarbeitete Jetta jetzt endgültig die Erinnerung an jene Zeit, als die VW-Limousine nur ein Golf mit Kofferraumfortsatz sein durfte und optisch völlig belanglos war. Das frische Modell hat einen neuen Kühlergrill, markante LED-Tagfahrleuchten und ein stärker konturiertes Heck. Nichts zum Niederknien, aber für VW-Maßstäbe ganz gelungen.

Das sagt der Hersteller: In der Statistik des Kraftfahrtbundesamts (KBA) wird der Jetta nicht eigens ausgewiesen, sondern mit dem Golf in einen Topf geworfen. Zum Spitzenplatz unter den Autoverkäufen trägt die Stufenheck-Limousine allerdings nicht viel bei - jedenfalls nicht in Deutschland.

Dass VW das Modell dennoch hätschelt, hat einen einfachen Grund: "In vielen Ländern ist das Verhältnis Golf-Jetta genau andersherum. Dort ist der Jetta das meistverkaufte VW-Modell", sagt VW-Sprecher Christian Buhlmann. Unter anderem gilt das für die USA.

Global betrachtet ist der Jetta ein Schwergewicht. Buhlmann: "Mit 925.000 Exemplaren im vergangenen Jahr gehört er zu den meistverkauften Volkswagen überhaupt."

Das ist uns aufgefallen: Einsteigen, anlassen, losfahren - im Jetta fühlt man sich irgendwie sofort zu Hause. Das liegt einerseits an den großzügigen Platzverhältnissen, die dank 2,65 Metern Radstand selbst im Fond beinahe ein Maß wie im VW Passat erreichen.

Andererseits liegt es daran, dass Volkswagen dieses Auto im Gegensatz zum Passat nicht wie einen Christbaum schmückt, sondern es tatsächlich noch einen Wagen fürs Volk sein lässt. Ein elegant, aber nicht überschwänglich gestyltes Cockpit, ein bisschen Chromschmuck an den Gebläsen und ansonsten Durchschnittskunststoff, der gar nicht erst versucht, Oberklasse-Ambiente vorzugaukeln. Auch das Fahrgefühl ist noch recht unmittelbar, auch wenn der Jetta ab sofort mit Totwinkelsensor, Abstandswarner und einer Ausparkhilfe bestückt werden kann.

Dass der Wagen so geerdet auftritt, ist eine feine Sache. Doch zwei Details nerven: Wenn schon ein Startknopf den Dreh mit dem Zündschlüssel ablösen muss - warum versteckt man den Drücker dann hinter dem Schaltknüppel?

Und wo findet man im Jahr 2014 noch einen Zulieferer, der einem ein Navigationssystem verkauft, das langsamer rechnet, schlechtere Karten zeichnet und lausiger zu bedienen ist als ein Telespiel aus den Neunzigern? Da ist jedes Nachrüst-Modell vom Discounter besser - und bietet darüber hinaus mehr Konnektivität. Im Jetta jedenfalls sucht man selbst einen USB-Anschluss vergebens, Abhilfe schafft nur ein passender Adapter.

Das muss man wissen: Weil der Jetta in Mexiko gebaut wird und die meisten Autos in den USA verkauft werden, beginnt die Markteinführung des überarbeiteten Modells jetzt erst einmal jenseits des Atlantiks. Nach Deutschland kommt die Limousine dann ab Oktober, und zwar mit einer neuen Modellstruktur: Die verschiedenen Ausstattungslinien werden abgeschafft, stattdessen gibt es nur noch eine Variante, die mit verschiedenen Paketen erweitert werden kann. Der Grundpreis von 21.725 Euro bleibt dabei unverändert. Da die Serienausstattung verbessert wurde, gibt es nach der Lesart des Herstellers künftig sogar mehr Auto fürs Geld.

Prunkstück unter der Haube ist der aus dem Golf übernommene Zwei-Liter-Dieselmotor, den es mit 110 oder 150 PS gibt. Das TDI-Aggregat ist nicht nur etwas stärker als bisher, sondern es verbrennt den Treibstoff sauberer, erfüllt in den USA mit Harnstoff-Katalysator die schärfste Abgasnorm und erreicht hierzulande auch ohne Harnstoff-Kat die Euro-6-Norm.

Obendrein ist der Motor auch sparsamer: Der offizielle Durchschnittsverbrauch schwankt je nach Variante zwischen 4,0 und 4,5 Liter. Zur höheren Effizienz des aufgefrischten Jetta tragen nicht nur der neue Motor bei, sondern auch der aerodynamische Feinschliff und neue rollwiderstandsarme Reifen.

Das gilt auch für die anderen Antriebsvarianten: Drei Benziner mit 1,2 oder 1,4 Liter Hubraum und PS-Stärken von 105 bis 150. Später soll der Jetta Hybrid folgen, der als einziges Auto eines deutschen Herstellers direkt gegen den Toyota Prius antritt.

Das werden wir nicht vergessen: Dynamisches Kurvenlicht und einen Totwinkelwarner im Jahr 2014 noch als Innovation zu verkaufen - für einen Technologiekonzern wie VW ist das schon ein wenig lasch. Auf der anderen Seite aber macht das den Jetta irgendwie sympathisch. Denn wer keinen Computer auf Rädern möchte, auf Premium-Brimborium verzichten kann und keine Ausstattungsorgie finanzieren möchte, ist mit dem Auto gut bedient.

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insgesamt 49 Beiträge
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cabriofahrer100 01.09.2014
1. gähn!
der jetta sieht aus wie ein noch langweiligerer passat. was schwierig ist, weil jener auch schon extrem langweilig aussieht. um bob lutz zu zitieren (dieser über den damaligen neuen Opel vectra): da springt einem nicht gerade das Portemonnaie aus der hose! dafür ist das ding dann leider auch viel zu teuer. gibt's gleichwertige und billigere alternativen von skoda, ford oder dacia.
rocketsquirrel 01.09.2014
2. Navigation
Ich würde mal - ohne es genau zu wissen - darauf tippen dass der Jetta noch auf der alten Plattform steht und nicht auf der MQB-Basis. Und deshalb gibt es das Navi, welches seit Jahren den Dienst bei VW/Skoda/Seat verrichtet, das RNS 310. Und da ist die langsame Berechnung nicht mal das Problem, sondern vielmehr fehlende Ausstattungsmerkmale wie Sonderziele auf der Strecke etc. Davon ab können Schnittstellen an anderer Stelle implementiert sein, zum Beispiel in der Armlehne oder im Handschuhfach.
odo_waldo 01.09.2014
3. Nüchtern betrachtet...
... eigentlich eines der besten Volkswagen auf dem Markt. Angenehm effektfreies Design, Platz für 4 plus Gepäck und weil ihn alle unsexy finden, sogar im Verhältnis recht preiswert. Dann sind da aber die maroden Ketten der TSI-Motoren, streikende DSG-Aggregate und groteske Öl-Verbräuche der TDI-Motoren mit horrenden Kosten beim Zahnriemenwechsel. Klar, DSG kann man vermeiden, aber in DE kommt man an TSI oder TDI nicht vorbei und damit in Sachen Langzeithaltbarkeit für den Privatkäufer nicht zu empfehlen. Leider.
Ifthengoto 01.09.2014
4. Der Fahrer auf dem Pressefoto...
... Ist sicher Mitte bis Ende 20. Die traditionelle Zielgruppe ist sein Opa. Das war bei Golf, Astra und Co. schon immer so.
2cv 01.09.2014
5. Jetta = Dacia von VW?
Hmmh. Der Markt für eine abgespeckte VW Variante in Deutschland wäre sicherlich gross. Dass der Jetta hier vielleicht punkten könnte, gerade im Kontrast zu Dacia, ist leider den Premium-Segment-Entscheidern in Wolfsburg noch nicht aufgefallen? Dann müsste wahrscheinlich ein anderer Markenname für dieses Segment her. Wie wär's mit "Glas"? "transparenter Verzicht auf Luxus", a la Dacia, könnte sicherlich vermarktet werden... ;-)
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