Autogramm VW Polo Ist der aber breit

Der Kleinwagen Polo ist ein Erfolg. Seit 1975 wurden mehr als 14 Millionen Exemplare gebaut. Jetzt folgt die sechste Generation. Statt in längst überfällige Technik zu investieren, setzt VW bei Innovationen andere Maßstäbe an.

Volkswagen

Von Jürgen Pander


Der erste Eindruck: Ein rundum ausgewachsenes, seriöses Auto. Aber außer den großen VW-Logos ohne besondere Kennzeichen.

Das sagt der Hersteller: Die neue, sechste Generation ist das erste VW-Modell, das nach der neuen Leitidee "Wir bringen die Zukunft in Serie" entstand. Erstmals basiert der Polo nun auf der technologischen Allzweckwaffe des Konzerns, dem modularen Querbaukasten (MQB). Das wiederum macht das Auto kompatibel für allerlei Neuheiten wie ein digitales Cockpit und zahlreiche Assistenzsysteme, die es früher nur in der Oberklasse gab.

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Autogramm VW Polo: Das nächste Level

Das ist uns aufgefallen: Der neue VW Polo ist ein gutes Beispiel für die Modellpolitik der meisten Autohersteller in den vergangenen Jahrzehnten - nämlich eine Entwicklung, die Fortschritt als quantitativ messbare Größe verstand. Der Ur-Polo von 1975 war mit 3,51 Meter Länge ein Kleinwagen im besten Sinn des Wortes. Das ist er heute nicht mehr. Das neue Modell wuchs im Vergleich zum Vorgängermodell um acht Zentimeter auf 4,05 Meter Länge und um sieben Zentimeter auf 1,75 Meter Breite. Was VW als Errungenschaft feiert, kann man auch anders sehen. Statt für das Auto Ausparkassistent (310 Euro), Einparkhilfe (490 Euro) oder Parklenkassistent (640 Euro) anzubieten, hätte man auch einfach auf den Breitenzuwachs verzichten können - der Wagen wäre ganz automatisch übersichtlicher und handlicher geworden.

Jürgen Pander

Auch rühmt VW den Polo dafür, der erste Volkswagen zu sein, in dem die zweite Generation des digitalen Cockpits namens "Active Info Display" angeboten wird. Wer mag, kann das 400 Euro teure Extra natürlich bestellen, aber wäre es nicht innovativer gewesen, endlich das antiquierte Fünf- gegen ein Sechsgang-Schaltgetriebe auszutauschen; womöglich mit extra lang ausgelegtem sechsten Gang für entspanntes Autobahnfahren?

Wenn man mit VW-Leuten darüber spricht, landet man nach einigem Hin und Her immer beim Kostenargument. Tenor: Anders könne man den Einstiegspreis eines derart ausgereiften Autos nicht auf unter 13.000 Euro drücken. Wobei das Augenwischerei ist, denn man zahlt ohnehin für viele Dinge extra. Sogar für zwei USB-Schnittstellen verlangen die Wolfsburger 225 Euro Aufpreis - und preisen zugleich , ohne mit der Wimper zu zucken, den Polo als revolutionär in Sachen Digitalisierung und Konnektivität.

Was neben solchen Ungereimtheiten noch auffällt, ist, dass dieser Polo genau das Auto geworden ist, das schätzungsweise 97 Prozent aller automobilen Bedürfnisse abdeckt. Ob Platzangebot, Kofferraumvolumen, Fahrgefühl oder Ausstattungsmöglichkeiten - mehr braucht in den allermeisten Fällen kein Mensch.

Unsere Testfahrt im Sondermodell Beats mit aufgeklebten Zierstreifen, 17-Zoll-Rädern, 300-Watt-Musikanlage, farblich munterem Interieur und dem 95 PS starken Dreizylinder-Benziner samt Fünfgang-Schaltgetriebe verlief glatt und wohlig. Was man jetzt noch an dem Auto verbessern könnte? Das kommt vor allem darauf an, wie man Fortschritt definiert. Von allem ein bisschen mehr, das war jedenfalls zuletzt eigentlich schon zu viel.

Das muss man wissen: Der neue VW Polo wird ab 29. September bei den deutschen Händlern stehen, nur noch als Fünftürer, rundum gewachsen und zu einem Basispreis von 12.975 Euro. Sobald das Motorenangebot im kommenden Jahr komplett sein wird, stehen neun Antriebe zur Auswahl: sechs Benziner (65 bis 200 PS), zwei Diesel (80 und 95 PS) sowie erstmals auch ein 1-Liter-Dreizylinder-Erdgasmotor namens TGI mit 90 PS. Das Getriebeangebot umfasst ein Fünfgang-Schaltgetriebe und ein 7-Gang-DSG.

Polo-Kunden könnten darüber hinaus zwischen drei Ausstattungsniveaus und zwei Sonderausstattungen (Beats und GTI, letzterer erst ab 2018) wählen, dazu gibt es zwölf unterschiedliche Felgen (14 bis 18 Zoll) sowie erstmals 14 Lack- und acht unterschiedliche Armaturenbrettfarben. Und natürlich die komplette Bandbreite an Assistenzsystemen, vom digitalen Cockpit bis zur induktiven Ladeschale für Smartphones, vom Spurwechselassistenten bis zur automatischen Tempo- und Abstandsregelung.

Das werden wir nicht vergessen: Testfahrten werden in der Regel zu zweit absolviert, man sitzt also auch mal auf dem Beifahrerplatz. Und es gibt Leute, die fassen dann mit der rechten Hand ganz gern nach oben zum Haltegriff. Beim neuen Polo jedoch geht dieser Griff ins Leere. Es gibt keine Haltegriffe mehr. Fragt man nach den Gründen, erhält man gleich zwei Antworten. Erstens würden ja nur sehr wenige Insassen und die auch nur sehr selten so einen Griff nutzen. Und zweitens kostet der eben auch Geld. Eine Sparmaßnahme also. Zumindest einige Beifahrer werden sie nicht ganz begreifen.

Fahrzeugschein
Hersteller: VW
Typ: Polo 1.0 TSI Beats
Karosserie: Kleinwagen
Motor: Dreizylinder-Turbobenziner
Getriebe: Fünfgang-Schaltgetriebe
Antrieb: Front
Hubraum: 999 ccm
Leistung: 95 PS (70 kW)
Drehmoment: 175 Nm
Von 0 auf 100: 10,8 s
Höchstgeschw.: 187 km/h
Verbrauch (ECE): 4,5 Liter
CO2-Ausstoß: 103 g/km
Kofferraum: 351 Liter
umgebaut: 1.125 Liter
Gewicht: 1.145 kg
Maße: 4053 / 1751 / 1461
Preis: 19.075 EUR
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insgesamt 178 Beiträge
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Seite 1
was-zum-teufel... 31.08.2017
1. Aber schöne Spaltmaße!
Ein VW eben. Dass es lächerlich ist, kein Sechsganggetriebe anzubieten, hat der Autor bereits festgestellt. Dass Details weggespart werden, ebenfalls. VW wird als Marke immer unsympathischer und teurer. Viel Schnickschnack. Aber 225 € für zwei USB (bestimmt noch 1.0) Steckdosen, die im EK keine 70 Cent kosten. Da kann man nur den Kopf schütteln. Mit etwas Ausstattung wird der Polo bei 35.000 Euro landen. Herzlichen Glückwunsch.
redneck 31.08.2017
2. Jetzt noch weniger für mehr...
Der Baukasten bedeutet noch billigere Billigst-Technik egal obs jetzt im Passat, VWBugatti, VWPorsche oder der Konzernleiche VWAudiseat zusammengepfriemelt wurde. Drum ist der Polo jetzt unpraktisch breit, schliesslich muss er technisch auch die VW Porsche SUVS abdecken. Das Auto ist für 100 000km max Leistung ausgelegt, 4x nachkaufen macht das Auto noch viel teurer als hier dargestellt. Danach ist die Kiste fertig. Es gibt also keine qualitative Verbesserung. Die Garantie ist 7x schlechter als bei einem Hyunday oder Kia. So wenig Auto braucht kein Mensch. Keine Ladefläche ist ein wertmindernder Faktor. Mein dailydriver, ein 64 jähriger Pickup rollt viel besser ab, man sitzt sehr komfortabel, hat 3 USB Anschlüsse. Motor und Getriebe sind bekannt dafür eine Million km ungeöffnet weitzufahren. Inflationsberichtigt hat der damals 14 000$ gekostet. VW und Stand der Technik? Lach, die können nur Stinker.
dirk1962 31.08.2017
3. Zumutung von Motor
Da kostet also der getestete Wagen mit einem Spielzeugmotor knapp 20.000?? Und dann bietet VW dieses Autochen auch noch mit DSG an, das auch nicht richtig funktioniert? Der Verkaufsanteil mit Dieselmotor dürfte gegen Null gehen und damit hat sich dieses Auto eigentlich schon erledigt.
okav 31.08.2017
4. Zugute halten
Man kann im Hinblick auf die Fahrzeuggrösse VW aber auch zugute halten, das sie mit den Wünschen der Kunden wächst. Evtl. sind etliche Kunden im Schnitt auch fülliger geworden. Das Modell entwickelt sich mit den Kunden mit. Zum anderen hat VW mi dem UP unten ein neues kleineres Fahrzeug nachgeschoben das die Bedüfnisse kleinerer Fahrzeugmaße befriedigen kann.
rocketsquirrel 31.08.2017
5. 6-Gänge machen...
... nicht immer Sinn. Gerade bei Einstiegsmotorisierungen mit wenig PS wären 6 Gänge Quatsch. Sonst ein gelungenes, wenn auch durch und durch biederes Auto. Wenn ich mich für ein Modell aus dem VWschen Kleinwagensegment entscheiden müsste, würde ich den pfiffigeren Seat Ibiza nehmen.
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