Autogramm VW Polo Einstöpseln und schwups

Ein Fest der Formen ist etwas anderes: Der neue Polo ist äußerlich kaum vom Vorgänger zu unterscheiden. Nur beim Tanken oder Telefonieren sind die Verbesserungen eklatant.

Volkswagen

Der erste Eindruck: Das haben die Designer wirklich geschickt hingekriegt. Obwohl kein einziges Blechteil am VW Polo geändert wurde, schaut das überarbeitete Modell dennoch ein bisschen feiner aus als das bisherige. Neue Chromleisten am Kühlergrill und an den Leuchten, nach außen strebenden Linien in den Schwellern, größere Räder - das Auto wirkt präsenter, erwachsener, ausgereifter.

Das sagt der Hersteller: Warum etwas ändern, was allseits gut ankommt, fragt VW-Entwicklungschef Heinz-Jakob Neußer rhetorisch. Dann berichtet er, dass zuletzt jeder dritte Polo-Kunde das Design als wichtigsten Kaufgrund nannte. Daher habe man beim jetzigen Facelift des Autos mehr Augenmerk auf die inneren Werte gelegt. "Wir transferieren viele Ausstattungsdetails aus dem Golf jetzt in die Klasse darunter", sagt Neußer. Dazu gehören die Multikollisionsbremse, die automatische Abstandsregelung oder die Müdigkeitswarnung, Neußer nennt das "Demokratisierung der Technik".

Zudem setze der Polo auch eigene Maßstäbe. Als erste Baureihe bei VW ist der Kleinwagen mit LED-Scheinwerfern bestellbar, und als erstes Modell im Konzern erfüllt er mit allen Varianten die Euro-6-Norm, und er fährt als erstes Auto der großen Gruppe mit dem Infotainment-System Mirror-Link vor.

Das ist uns aufgefallen: Einstöpseln, antippen - geht! Das Eindrucksvollste bei der ersten Testfahrt mit dem überarbeiteten VW Polo sind nicht das präzisere Lenkgefühl der elektromechanischen Servolenkung und die nagelneuen Motoren. Und erst recht nicht das ziemlich überflüssige "Sport Select"-Fahrwerk mit Dämpfern, die man von soft auf stramm umschalten kann. Die größte Überraschung erlebt man noch im Stand, wenn man das Mirror-Link-System ausprobiert und das Android-Smartphone mit dem Auto koppeln will.

Während man bislang mühsam und oft genug vergeblich eine Bluetooth-Paarung anbahnen musste, wird jetzt nur noch ein USB-Kabel eingestöpselt, dann ein Fingertipp auf den Touchscreen und schwups: Sogleich erscheint die Oberfläche des Smartphones auf dem Bildschirm in der Mittelkonsole. So lassen sich nicht nur Musikdateien und Kontakte mit einem Fingertipp durchsuchen, auswählen oder abspielen, es lassen sich auch alle Apps vom Videoplayer über den Internet-Browser bis zum Facebook-Fenster nutzen - zumindest solange das Auto steht.

Während der Fahrt sind die meisten Programme aus Sicherheitsgründen blockiert. Allerdings werden für die 60 im Mirror-Link-Konsortium zusammengeschlossenen Unternehmen derzeit Dutzende von Apps entwickelt, die auch unterwegs verfügbar sein sollen. Die ersten davon - zum Beispiel ein Internetradio-Player, eine clevere Location-Suche fürs Navigationssystem oder ein Spritspartrainer - sind bereits verfügbar.

Einziger Haken an der schönen neuen Welt, die auf der zweiten Generation des modularen Infotainment-Baukastens fußt und künftig in allen Konzernfahrzeugen Einzug hält: Um Mirror-Link im Auto zu haben, muss man mehr bestellen als nur das Basis-Radio und zudem ein passendes Telefon benutzen.

Das muss man wissen: Die Auslieferung des neuen Polo beginnt unmittelbar nach Ostern - und zwar zu einem unveränderten Grundpreis von 12.450 Euro für den Dreitürer mit 60-PS-Benziner. Das darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass man für den Polo auch richtig viel Geld ausgeben kann. Wer alle Extras und die stärksten Motoren bestellt, kann den Einstiegspreis schnell verdoppeln - auch weil zum Beispiel die Start-Stopp-Funktion bei den Einstiegsmotoren Aufpreis kostet und bei allen Motorisierungen bis einschließlich 90 PS ein Fünfgang-Schaltgetriebe als Standard verbaut wird.

Der Polo tritt mit vier Benzin-Motorisierungen (60 bis 110 PS) und zwei Diesel-Motorisierungen (75 oder 90 PS) an. Später werden ein Spardiesel mit 75 PS, ein Blue-Motion-Benziner mit 95 PS, ein Blue GT mit Zylinderabschaltung und 150 PS sowie ein Polo GTI mit 192 PS folgen. Der neue Polo TDI Blue Motion, der in einigen Wochen nachgereicht wird, verbraucht im Schnitt 3,1 Liter, VW bewirbt ihn schon jetzt als sparsamsten Diesel-Pkw mit fünf Sitzplätzen.

Die wichtigste Motorenpremiere ist der neue Einheitsdiesel mit 1,4 Liter Hubraum und drei Zylindern, der auch in unserem Testwagen steckte. Der Motor ist rund zehn Prozent leichter als der bisherige Dreizylinder und entwickelt vor allem beim Anfahren mehr Punch. Nur das charakteristische Knattern bekommt man nicht aus dem Ohr - trotz Ausgleichswelle, Zweimassen-Schwungrad und einer besonders dicken Motorabdeckung.

Das werden wir nicht vergessen: Eine hauchzarte Chromleiste in der Türverkleidung, eine praktische Schublade unter dem Sitz, weich unterschäumte Kunststoffe auf den Konsolen, neue Instrumente im Golf-Look und eine Sensorik, die schon reagiert, noch ehe der Finger den Touchscreen erreicht - es ist immer wieder faszinierend, wie detailverliebt die VW-Truppe Autos entwickelt.

Bisweilen ist diese schon pedantische Liebe zum Detail aber auch erschreckend. Etwa beim Blick auf die Multimedia-Einheit im Handschuhfach. Bei allen anderen Herstellern bekäme man zwei SIM-Karten-Schlitze und einen für eine Compact-Disc zu sehen, bei den Niedersachsen ist daraus ein konstruktives Kleinod mit Klappe unter der Klappe geworden, die kaum ein Kunde je ein zweites Mal zu Gesicht bekommen, geschweige denn öffnen wird. Wenn man sich vorstellt, wie lange dafür eine Schar von Entwicklern tüfteln musste, dann weiß man, weshalb der Polo auch in der Preisliste premium ist.

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insgesamt 128 Beiträge
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tyskie 13.04.2014
1.
Der Erfolg gibt VW Recht: Anscheinend dürstet die Welt nach hochpreisigen, langweiligen Automobilen mit zweifelhafter Qualität. Schade.
jeepfan 13.04.2014
2.
Lieber Herr Grünweg, wie sagten Sie vor kurzem bei einem anderen Auto (kein deutsches, ja so etwas gibt es tatsächlich) so schön: Laaaaaaaaangweiliggg!
vandermerwe 13.04.2014
3. Wann kommt mal ein Kombi?
Gemunkelt wird bei jeder Polo-Neuvorstellung. Vermutlich will man aber Skoda da nicht in die Quere kommen? Ein Polo-Kombi mit mindestens dem Platz eines Fabia-Kombis wäre genial. Bei letzterem kann ich problemlos mein MTB reinschmeißen. Jedes Auto, bei dem ich das nicht kann, ist für mich uninteressant.
wauz, 13.04.2014
4. Jubel-Perser
Einfach mal "Tom Grünweg" googeln und - staunen...
mitbestimmender wähler 13.04.2014
5. Toll wäre wenn das......
Design nun auch moderner werden würde und nicht nach 10jährigem Gebrauchten ausschauen würde. Die Bildschirme im Cockpit sehen ja aus als hätte man Sie aus dem Zubehörshop dazugekauft und ran/reingeschraubt inkl Blende.
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