Fahrbericht VW Scirocco Konsequent inkonsequent

Der Scirocco will das sportlichste aller VW-Modelle sein, und mit einem Facelift haben die Entwickler diesen Anspruch weiter hervorgehoben. Doch sein größter Makel haftet dem Wagen immer noch an.

Jürgen Pander

Von Jürgen Pander


In einem VW-Modell verschwindet man meistens völlig in der Masse. Weil einfach so viele Autos aus Wolfsburg auf den Straßen unterwegs sind und ihr Design ziemlich bieder ist, fällt man damit normalerweise nicht weiter auf. Deshalb erschrecken wir fast, als uns ein Passant plötzlich anspricht, nachdem wir unseren Testwagen von VW eingeparkt haben.

"Ah, gibt es den VW Scirocco wieder?" fragt er, und streicht interessiert ums Auto. Dann sagt er noch, dass er "diesen lila Lack richtig klasse" findet - und verschwindet wieder.

Der Scirocco scheint also tatsächlich eines der wenigen Fahrzeuge aus der VW-Produktpalette zu sein, mit denen man noch Aufmerksamkeit auf sich zieht. Die Volkwagen-Entwickler hätten an der Bemerkung des Passanten ihre helle Freude gehabt - denn bei unserem Testwagen handelt es sich um den vor wenigen Monaten runderneuerten Scirocco. Retuschen an Front- und Heckpartie, neue Motoren und ein paar Spielereien wie die drei Zusatz-Rundinstrumente auf der Armaturentafel sollen für neue Attraktivität sorgen.

Pummeliger Sportler

Das klappt einerseits ganz gut. Die mittlerweile dritte Baureihe war 2008 erschienenen, durch die Auffrischung hat die Optik des Autos jetzt zweifellos gewonnen. Der Scirocco wirkt dank eines neuen Stoßfängers und eines durchgehenden, schwarzen Luftgitters zwischen den schmalen Scheinwerfern von vorne kraftvoller; und auch das Heck wurde prägnanter.

Nur direkt von der Seite sieht der Wagen pummelig aus, die Silhouette scheint auf halbem Weg zwischen Kompaktwagen und Coupé hängen geblieben zu sein. Die optische Schwachstelle ist der Preis dafür, dass die beiden Sitze im Fond einigermaßen bequem sind und der Kofferraum mit einem Ladevolumen von mindestens 312 Liter durchaus brauchbar ist.

Im Innern wird diese Sowohl-als-auch-Haltung fortgesetzt. Hier finden sich Alupedale mit Gumminoppen, ein abgeflachtes Lenkrad, tief in Röhren liegende Cockpitinstrumente, Extra-Anzeigen für Turbodruck, Öltemperatur sowie eine Stoppuhr und dazu gut ausgeformte Sportsitze. Auch das Motorenröhren nach dem Anlassen klingt lauter und rauer als bei VW sonst üblich.

Doch das war's dann auch mit der Sportlichkeit.

Und damit ist nicht gemeint, dass die 180 PS Leistung des 2-Liter-TSI-Motor im Testwagen nicht ausreichen. Die Maschine zerrt den gut 1,3 Tonnen schweren Wagen forsch voran und ergibt in Verbindung mit dem Sechsgang-Schaltgetriebe eine schwungvolle Paarung. Aber auch wenn man mit dem Scirocco durchaus dynamisch fahren kann, fühlt er sich nicht sportlicher an als die meisten anderen Autos dieser Leistungsklasse. Was ihm fehlt, ist die letzte Schärfe. Der Wagen wirkt zu unentschlossen.

Golf mit Fuchsschwanz-Appeal

Immerhin: Wenn man mit dem Auto längere Strecken zurücklegt, darf man sich übers geschmeidige Fahrwerk freuen. Die adaptive Fahrwerksregelung, die 1000 Euro Aufpreis kostet und mit der man zwischen den Modi "Comfort", "Normal" und "Sport" wählen kann, ist in dieser Hinsicht übrigens verzichtbar - die Unterschiede zwischen den Einstellungen sind kaum spürbar.

Für alle, die sich jetzt fragen, ob es nicht noch andere Motoren neben dem 180-PS-Benziner gibt, ein kurzer Einschub: Ja, die gibt es, zwei weitere Benziner mit 125 oder 220 PS sowie zwei Diesel-Varianten mit 150 und 184 PS. Bei der Modellüberarbeitung sind die Aggregate außerdem mit der neuen Turbo-Direkteinspritzung von VW bestückt worden. Das Topmodell Scirocco R tritt dagegen noch mit dem alten Zweiliter-Vierzylinder-Turboaggregat mit 280 PS an. Es ist garantiert deutlich rasanter - kostet aber auch mindestens 36.175 Euro.

Ob mit oder ohne "R", der Scirocco war und ist ein Golf mit Fuchsschwanz-Appeal - und unterm Blech sind beide weit gehend baugleich. Doch während der Scirocco I im Frühling 1974 sogar einige Wochen vor dem Golf auf den Markt kam und dessen grundlegende technische Neuorientierung im Vergleich zum Käfer - also: Frontmotor und Frontantrieb - vorwegnahm, fährt der aktuelle Scirocco jetzt dem Golf VII hinterher. Das Coupé basiert nämlich noch nicht auf dem modularen Querbaukasten (MQB), sondern auf der Plattform des Golf V.

Die Ähnlichkeit mit dem bekannten Bruder schadet

Vermutlich ist die enge Verwandtschaft zum Golf auch der eigentliche Grund, warum der Scirocco hierzulande so selten anzutreffen ist. Von der aktuellen Generation sind ungefähr 35.000 Exemplare in Deutschland unterwegs, dazu kommen rund 6500 Typen der Generationen eins und zwei.

So viele Golf-Modelle, nämlich deutlich mehr als 40.000, werden in Deutschland binnen zwei Monaten zugelassen.

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insgesamt 94 Beiträge
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Seite 1
dennis_89 20.11.2014
1. Was dem Wagen fehlt...
....ist ein Heckantrieb. Ohne ist er in etwa genau so sportlich wie ein Passat.
Rinax 20.11.2014
2.
Die echte Rennreihe in der Klasse sind die Golf R Reihen, allein schon wegen dem Allrad und den 300PS+. Was ich aber grundsätzlich an den TFSI Motoren mag ist ihre Tuningfreude, ich hab mein Octavia RS von 200 auf 250 PS chippen lassen und kann es nur empfehlen wenn man an der Tanke die Spendierhosen anzieht
DMenakker 20.11.2014
3.
Mein Gott, was ist die Karre langweilig. Der alte Shirocco hatte noch etwas. Hatte einmal kurzzeitig selbst einen alten, ziemlich runtergerutschten GTI, der aber unglaublich Spass gemacht hat. Zudem war es überhaupt keine Frage, dass das ein Sportwagen ist. Die Karre hier auf den Bildern ist ein leicht unförmiger Golf, hat aber mit einem Sportwagen nicht das allergeringste zu tun! Die Knutschkugel sollte man vielleicht "Golf S" nennen, aber nie im Leben Shirocco. Es ist einfach keiner.
kenterziege 20.11.2014
4. Was sind das für biedere Leistungsdaten..
....in unserer Familie läuft seit 2011 ein Audi A3 Sportback mit 1,8 TFSI und 160 PS. (Der neue hat bei ebenfalls 1,8 l Hubraum 180 PS). Unser Kleiner A3 ist mit 222 km/h Spitze angegeben. Das heißt, 20 PS weniger und fast genau so schnell. Bei der Beschleunigung ebenfalls. Und dafür soll ich mich in so eine flache Kiste klemmen? Ich denke trotz Klimawindkanal in Wolfsburg haben die Aerodynamiker ihre Hausaufgaben nicht gemacht. Die Hersteller geben ja alles immer an. Nur der Cw-Wert und die projizierte Frontfläche werden verschwiegen. Dabei sind die für den Autobahnverbrauch oberhalb der Norm-120 km/h kriegsentscheidend für Verbrauch und Vmax.
denkpanzer 20.11.2014
5. Neuer Name
Ich würde den Scirocco umbenennen: Laues Lüftchen Das würde eher zum Charakter passen. Das Design ist fad und hat wenig vom Ur-Scirocco. Die Kiste ist genauso lieblos wie der Beetle, darum kauft ihn auch keiner.
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