E-Motorrad Zero SR Für Schönwetterfahrer

Die Zero SR ist ein E-Motorrad für Einsteiger, das mit viel Drehmoment begeistert - doch das hat seine Tücken.

ZERO

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Der erste Eindruck: Dasselbe in Weiß. Ein ganz normales Naked Bike, also ein Motorrad ohne Vollverkleidung. Die eigentliche Besonderheit, den Elektroantrieb, bemerkt man erst auf den zweiten Blick.

Das ist uns aufgefallen: Ein Kraftprotz ist die SR mit 30 PS eigentlich nicht. Deshalb darf sie auch mit dem Motorradführerschein A2 für Bikes bis maximal 35 kW gefahren werden. Doch von den Zahlen sollte sich niemand täuschen lassen. Zwar leistet der E-Motor über eine Dauer von 30 Minuten nur 30 PS, mehrere Minuten lang sind aber immerhin 69 PS abrufbar - und die stehen, typisch E-Motor, bereits bei 3850 Umdrehungen pro Minute zur Verfügung.

Der E-Antrieb ist es auch, der aus der SR fast ein Superbike macht. Denn er liefert mit 146 Nm jede Menge Drehmoment. Zum Vergleich: Ducatis Supersportler, die Panigale V4 S mit 214 PS, leistet zwar dreimal so viel wie die SR - ihr Drehmoment ist trotzdem mit 124 Nm niedriger.

Im Alltag ist das Drehmoment deutlich zu spüren - was nicht immer von Vorteil ist. Bei minimal feuchter Straße ist es beispielsweise keine gute Idee, das Gas voll aufzudrehen, denn die SR quittiert das mit einem durchdrehenden Hinterreifen und einem wild schlingernden Heck. Verschnaufpausen gibt es beim Beschleunigen keine, denn Kupplung und Getriebe sucht man bei der Zero vergeblich.

Der Motor liefert seine Kraft per Riemenantrieb direkt ans Hinterrad, stufenlos bis zur Höchstgeschwindigkeit von 164 km/h. Die pausenlose brachiale Beschleunigung, gepaart mit dem elektrischen Surren, das tief beginnt und sich dann immer höher schraubt, haben echtes Suchtpotenzial. Trotzdem sollte man die SR mit Vorsicht genießen. Denn wer am Kurvenausgang hart beschleunigt, könnte schnell im Straßengraben landen. Elektrische Helferlein gibt es bis auf das ABS von Bosch nicht.

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Zero SR: Elektrisches Kraftpaket

Kurven sind allerdings nicht nur beim Herausbeschleunigen knifflig: Durch die fehlenden Gänge und den leisen Elektrosound dauert es, bis das Gefühl für die richtige Geschwindigkeit für jede Kurve da ist. Doch auch wenn man sich daran gewöhnt hat, bleibt ein weiteres Problem. Die SR mag zwar für den Sonnenschein in Kalifornien, der Heimat des Herstellers, perfekt ausgelegt sein - mit dem deutschen Mix aus Regen und geflickten Landstraßen wird sie aber im wahrsten Sinne des Wortes nicht warm. Serienmäßig rollt die Maschine auf Pirellis Diablo Rosso II. Der Reifen bietet zwar jede Menge Haftung und macht auch auf der Rennstrecke eine gute Figur - aber eben nur an warmen Tagen. Ist es etwas kühler, kommt er nicht recht auf Temperatur und bietet kaum Rückmeldung. Bei Regen haftet er nur sehr widerwillig am Asphalt - wenn überhaupt. Eine eher suboptimale Eigenschaft.

Das muss man wissen: Die Maschine lässt sich leicht zähmen oder auf individuelle Bedürfnisse abstimmen, und zwar per Knopfdruck am Lenker: Die Fahrmodi "Sport", "Eco" oder "Custom" stehen zur Auswahl. "Sport" ist gerade für Fahranfänger nicht die beste Option - und "Eco" fühlt sich nach einigen Kilometern im Sportmodus zu sehr nach Mofa an: Höchstgeschwindigkeit und Beschleunigung sind stark begrenzt, und sobald man das Gas loslässt, gewinnt der Motor Bewegungsenergie zurück, statt wie im Sportmodus einfach weiter zu segeln.

Bleibt also noch "Custom". Hier lassen sich die mögliche Höchstgeschwindigkeit, das maximale Drehmoment sowie die Rekuperation einstellen - per Schieberegler in der zugehörigen Smartphone-App. Einfach Motorrad und Smartphone via Bluetooth verbinden und los geht's. Über die App können außerdem Softwareupdates auf das Bike überspielt und an der Steckdose die restliche Ladezeit angezeigt werden. Und die ist lang - sehr lang: Knapp zehn Stunden dauert es, bis der Akku für weitere 180 Kilometer geladen ist. Mit der Charge-Tank-Option für 2690 Euro zusätzlich gibt es einen Anschluss fürs Schnellladen: Dann ist der Akku mit einer Kapazität von 14,4 kWh immerhin nach 2,5 Stunden voll - zum gemütlichen Aufladen in der Kaffeepause reicht jedoch auch das nicht.

Das werden wir nicht vergessen: Das verdutzte Gesicht eines BMW S 1000 R-Fahrers, nachdem er an zwei grünen Ampeln von der SR stehen gelassen wurde. Denn die Maschine zeigt trotz der nicht tourentauglichen Reichweite, dass sich Fahrspaß und Emissionsfreiheit auch auf zwei Rädern nicht ausschließen.

Fahrzeugschein
Hersteller: Zero
Typ: SR
Motor: Elektromotor
Getriebe: Stufenlos
Antrieb: Heck
Leistung (E-Motor): 69 PS (52 kW)
Drehmoment (E-Motor): 146 Nm
Von 0 auf 100: 3,3 s
Höchstgeschw.: 164 km/h
CO2-Ausstoß: 0 g/km
Kraftstoff: Strom
Gewicht: 188 kg
Preis: 18.790 EUR
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insgesamt 68 Beiträge
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Seite 1
noalk 03.09.2018
1. ... das Gas voll aufzudrehen, ...
Gas aufdrehen bei einem E-Motorrad ... wie geht das?
dolfi 03.09.2018
2. Sehr schön, sehr schön
Die Zero ist sicherlich ein tolles Mopped. Zwei kleine Haken: der Preis und die Reichweite. Solange ich mit einer GS an jeder Dorftanke Sprit nachfassen und dann problemlos ans Nordkap tuckern kann, wird die Zero ein feuchter Traum einiger reicher Stadtbewohner bleiben.
power.piefke 03.09.2018
3. interessant:
"Das verdutzte Gesicht eines*BMW S 1000 R-Fahrers, nachdem er an zwei grünen Ampeln von der SR stehen gelassen wurde." sie fahren also auf einer öffentlichen Straße ein rennen gegen jemanden, der nichts von dem rennen weiß. Heißt das, dieses schwachbrüstige elektromoped ist genau das richtige für infantile proleten in der mid life crisis?
lynx999 03.09.2018
4. Elektrorad!
Kaum ein anderes Gefährt eignet sich so gut für die Elektromobilität wie „Motorräder“. Die neue Stille auf der Schwarzwaldhochstraße wird uns allen gut tun. Und für Freizeit-Ausfahrten kann man auch mal mehrere Stunden Ladezeit vorbereiten. Für Langstrecke eignet es sich noch nicht. Aber Langstrecke und Motorrad ist auch echt die Asunahme.
quark2@mailinator.com 03.09.2018
5.
Hmm, zumindest interessant. Eine ASR und paar andere Reifen wären offenbar angebracht. Ansonsten bleibt die Frage, wie emissionsfrei das Ding in der Realität wirklich ist - über alles gerechnet. Nachts scheint keine Sonne zum Aufladen am eigenen Solarpanel. Da wäre es gut, wenn es Wechselakkus gäbe. Und wie hoch ist die tatsächliche Reichweite bei normaler Fahrweise ? Am Ende steht natürlich ein stolzer Preis. Aber trotzdem - interessant. Ach ja ... der A2-Schein reicht, obwohl man zwischenzeitlich 69PS hat ? Wie lange wird das so bleiben ?
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