SPIEGEL ONLINE: Sind Sie auch gefangen in diesen Mustern? Was für einen Wagen, und vor allem, wie fahren Sie?
Hirschhausen : Wenn ich kann, fahre ich viel lieber mit der Bahn als mit dem Auto. Ich hab dabei den Kopf frei, kann schreiben, lesen, schlafen und komme entspannter an. Ein Nickerchen bei 200 km/h ist im Zugabteil sehr viel gesünder als hinterm Steuer. Ich habe mir bislang noch kein Auto gekauft, ich leihe mir aber welche, wenn ich mit meinem Kabarett auf Tour bin. Trotzdem macht mir ein gutes Gespräch im Speisewagen mehr Freude, als autistisch über die Autobahn zu fahren. Für andere ist der Stau die beste Möglichkeit, anderen Menschen nahe zu sein. Jedem das seine.
SPIEGEL ONLINE: Als Arzt müssten Sie doch erklären können: Was passiert beim Rasen im Gehirn? Ist der Körper dafür überhaupt gemacht?
Hirschhausen : Definitiv sind Körper und Geist fürs Autofahren nicht geschaffen. Unser letztes Update ist 40.000 Jahre her. Mit der Software versuchen wir jetzt bei 200 km/h einem plötzlichen Hindernis auszuweichen, während am einen Ohr das Telefon klemmt, das andere Ohr versucht, die relevanten Staumeldungen herauszuhören und die rechte Hand das Feuerzeug unterm Beifahrersitz sucht. Das Wunder ist, dass nicht viel mehr auf den Straßen passiert. Alle sagen ja immer, dass die Automobilindustrie für Deutschland so wichtig ist. Die Gesundheitsindustrie hat inzwischen einen viel größeren Anteil am Bruttosozialprodukt. Zynisch gesprochen ist die Autoindustrie eher eine Art Zulieferer für die Krankenhäuser.
SPIEGEL ONLINE: Woher kommen die Glücksgefühle, von denen Raser manchmal berichten?
Hirschhausen : Höher schalten und abschalten schließen sich nicht aus. Alleine im Auto zu fahren hat etwas Hypnotisches: der rhythmisch vorbeifliegende Mittelstreifen, die gelernten Bewegungsabläufe, das beruhigende Brummen des Motors. Die Straße und du! So sehr wir Menschen auf unsere Vernunft stolz sind, so lästig ist sie uns auf dem Weg zum Glück. Gerne stellen wir mental auf Standby, und dazu sind Autofahren und Alkohol gleichermaßen beliebt.
SPIEGEL ONLINE: Man könnte doch auch zu Hause im Sessel ganz entspannt zur Ruhe kommen...
Hirschhausen : Versuchen Sie mal, zu Hause entspannt ein Buch zu lesen. Das ist praktisch unmöglich, irgendwas kommt immer dazwischen. Für viele ist daher das Auto der einzige Ort, wo man in Ruhe lesen kann. Kein Wunder, dass Hörbucher so erfolgreich sind. Schon absurd, dass der Mensch 1000 Kilo Stahl um sich herum braucht, um zur Ruhe zu kommen.
SPIEGEL ONLINE: Gibt es denn gar keine andere Beschäftigung als Autofahren, die eine vergleichbare Wirkung auf den Menschen hat?
Hirschhausen : Auto-mobil heißt ja eigentlich, sich selber bewegen. Und genau das tun wir immer weniger körperlich, und immer mehr räumlich. Welches sind die beiden teuersten Rohstoffe auf diesem Planeten? Erdöl und Kaffee. Warum? Weil wir es nicht aushalten zu bleiben, wo wir sind, und zu dösen. Wir halten uns mit Kaffee künstlich wach und rasen mit viel Energieeinsatz irgendwohin, wo es auch nicht besser ist als zu Hause. Mein Rat lautet daher: Statt ins Auto zu steigen, machen Sie autogenes Training und meditieren Sie über den Satz 'Da wo ich bin, will ich sein'.
Das Interview führte Tom Grünweg
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