Das Durchschnittsalter der rund 46 Millionen Pkw in Deutschland liegt bei knapp acht Jahren, einige Autos sind noch deutlich älter. SPIEGEL ONLINE testet mit Hilfe der Leser, wo die Stärken und Schwächen des Altmetalls liegen. Diesmal berichtet Chris Ebbert über seinen Mercedes Benz 300 SE, Baujahr 1990.
Chris Ebbert:
Als zu meiner Geburtstagsfeier im winterlichen Nordengland das Telefon klingelte und eine neuseeländische Stimme mir feierlich verkündete, dass ich zum Fachbereichsleiter einer Designfakultät am anderen Ende der Welt ernannt worden war, kannte meine Freude keine Grenzen. Hurtig begann ich mit der Organisation aller nötigen Formalitäten. Das Haus musste verkauft, eine Bleibe in Neuseeland gefunden werden – und ein passendes Auto musste her!
Ich würde noch am Tag meiner Ankunft zu arbeiten anfangen müssen, denn ich kam mitten ins neuseeländische Herbstsemester. Einen zuverlässigen und sicheren Wagen brauchte ich, der die atemberaubend kurvige Strecke entlang der Klippen über der Bucht, an der meine Mietbehausung stand, täglich bezwingen konnte. Eigentlich war ich sehr zufrieden mit meinem alten Volvo, aber der war schon so alt und gebrechlich, und zeigte eine solch biblische Laufleistung auf dem Kilometerzähler an, dass eine Mitnahme im Frachtcontainer nicht in Frage kam.
Problematisch war das sehr begrenzte Gebrauchtwagenangebot Neuseelands, und die verblüffend hohen Preise selbst für ausgesprochen alte Autos. Ich durchforstete abendelang Internetseiten, und kam immer mehr zu der Einsicht, dass ich die wenigsten Autos, die da zu verkaufen waren, kannte. Und dass ich, wenn ich mich auf meine britischen Gebrauchtwagenratgeber stützen wollte, um eine fundierte Wahl zu treffen, eigentlich nur noch einen Wagen kaufen konnte.
Stuttgart-Japan-Dunedin
Er stand beim örtlichen Mercedes-Händler in Dunedin, und die Anzeige triefte vor Superlativen. Schenkte man den Worten des Händlers Glauben, würden er heiße Tränen vergießen, sobald er diesen Wagen vom Hof rollen sah. Es handelte sich um einen 1990er Mercedes 300 SE der W126er Baureihe, der sensationell niedrige 115.000km Laufleistung aufwies und sein bisheriges Leben als Sammlerstück im klimatisch milden Südjapan verbracht hatte, bevor er nach Neuseeland exportiert wurde.
Per Kreditkarte kaufte ich den Wagen übers Telefon, ohne ihn je gesehen oder gefahren zu haben. Vor Ort konnte ich mich dann wenig später von der außergewöhnlichen Qualität des Fahrzeugs mit eigenen Augen überzeugen, und entschwebte zufrieden mit meinen zwei Tonnen Schwabenstahl. Ich glaube, im Rückspiegel gesehen zu haben, dass Mercedes-Händler sich in Momenten der Rührung schneeweißer Taschentücher bedienen.
Der 300 SE stellte sich als ein absolutes Prachtstück heraus, das allen Anforderungen des Fahrens in Neuseeland gerecht wird und dank seiner Masse auch in brenzligen Situationen auf den engen, kurvigen Straßen nie die Ruhe verliert. Die 188 PS mussten noch nie vollständig entfesselt werden, da die hier gefahrenen Geschwindigkeiten sehr niedrig sind. Nur auf Fahrten ins Gebirge zeigt die Tachonadel auf Werte, die für neuseeländische Verhältnisse extrem scheinen: 100 km/h! Fast 3.000 Umdrehungen pro Minute!
Ein Freund für alle Wege
Unglaublich, wer kann sich auf Dauer solch wilder Raserei hingeben? Im Land der Schafe und des Windes gibt es keine Verwendung für ein Tachometer, das erst bei 240 endet. Hilfreich ist hingegen die ausgezeichnete Federung, die auch auf den vom Frost lustvoll angenagten Gebirgsstraßen Otagos für erhabenes Gleiten sorgt.
Der Verbrauch fällt recht bescheiden aus (10,5 Liter Super Bleifrei auf 100 Kilometer), so dass der Wagen sich als wirtschaftliche und vernünftige Wahl entpuppt hat. Alte Hasen flüsterten mir bereits, dass ein W126 ohne weiteres Laufleistungen von einer halben Million Kilometern bewerkstelligen kann. Nach dieser Rechnung werde ich meinen 300 SE noch mindestens 20 Jahre haben.
Auf anderen Social Networks posten:
Ich hatte selber einen 300SE, der leider vor 6 Jahren in einem Unfall verrauchte, seitdem fahre ich dieses Modell als 500SE. Ich habe es bis heute nicht bereut. Der Verbrauch des V8 ist dabei lediglich 1 Liter höher, natürlich [...] mehr...
Geile Karre......Dein Stück.....habe im Moment nur einen 200er Strich Acht.....liebäugle aber auch mit einer S-Klasse..... mehr...
Ich weiß, der W126 kann sich in Kurven bisweilen mächtig träge anfühlen, aber "zwei Tonnen" tun dem alten Herren unrecht! Der 300SE aus dem Erfahrungsbericht dürfte sogar weniger wiegen als ein aktueller Golf V oder [...] mehr...
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