Formel Mini: Bananenflitzer auf Speed

Von David Staretz

Modell-Motorsport grotesk: Auf schmalen Kreisbahnen jagen Miniflitzer mit Rekordgeschwindigkeiten jenseits von 340 Kilometer pro Stunde über die Strecke. Ein rasantes Schauspiel - dummerweise so schnell, dass das Publikum fast nichts mitbekommt.

Kaposvar in Ungarn liegt etwa 70 Kilometer südlich des Balaton. Hinter der verplankten Vorort-Adresse Jutai út 24, an der man garantiert drei Mal vorbeifährt, ehe man sie wahrnimmt, eröffnet sich ein abgelegener, teilverwilderter Sportplatz. Dahinter befindet sich ein abgegrenztes Areal: Pawlatschen, Türmchenhaus, Schuppen. Und dann eben die Kreisbahn, sie wirkt wie eine sich mühsam aus dem Boden stemmende Brunneneinfassung mit 19,9 Metern Durchmesser.

Planken sichern sie nach außen hin ab. Die vielleicht auffälligste Einrichtung, die auf Unbeteiligte eher verwirrend denn erhellend wirken kann, ist ein schwenkbar befestigter Besen. Gleich vorweggenommen: Mit seiner Hilfe werden die rasenden Maschinchen gefahrlos gestoppt, indem die Borsten einen aus der Karosserie ragenden Kippschalter zurückfegen.

Hochgeschwindigkeitsrennen ist ein uramerikanischer Spaß, der irgendwann in den späten zwanziger Jahren begann, als junge Leute darangingen, die Minimotoren ihrer Fesselflugzeuge in Modellautos auszuprobieren. In Ermangelung einer Fernsteuerung (wohl auch inspiriert vom Fesselfliegen) behalf man sich mit der Kreisbahn-Seil-Lösung. Die ersten Modelle waren in einfacher Ausführung bereits um zehn Dollar zu haben.

Sie sahen wie kleine Rennwagen aus und hinter der Windschutzscheibe saßen winzige Piloten. Diese kleinen massiven Monoposti waren von bestechender Schönheit, stilsicher lackiert, mit großen freistehenden Gummirädern versehen und gut proportioniert. Schon damals gab es Magnesiumgehäuse.

Das Innenleben war diffizil, aber einfach, jeder Junge konnte mitmachen. Mangelndes Aerodynamik-Bewusstsein führte oft zum Abheben und Überschlag bei Fullspeed.

Der Zweite Weltkrieg brachte den Sport fast zum Erliegen, nur wenige Hersteller konnten danach wieder Fuß fassen. Doch in den fünfziger Jahren setzte ein neuer Aufschwung ein, der auch bis nach Europa übergriff. Es gibt Bahnen in Tallin (Estland), Gallarte und Monza (Italien), Basel (Schweiz), Örebro und Gävle (Schweden), Kapfenhardt (Deutschland), Lyon (Frankreich), Taganrog und Jaroslavl (Russland), Vilnius (Litauen) und mehr. Auch Australien hat eine lebendige Rennszene. In den USA hat sich der einstige Boomsport auf drei Bahnen reduziert.

Um die Vielfalt der Möglichkeiten zu reglementieren, führte man jede Menge an Startklassen ein, bis hin zu Oldtimer-Klassen, denn man musste erkennen, dass sich der Sport längst über seine Ästhetik hinaus entwickelt hatte: Die Autos waren zu schnell und irgendwie zu unansehnlich geworden. Was heute wie eine rasende Schimäre über die Kreisbahn flimmert, ist eine hochpolierte Gfk-Granate in der Form einer ICE-Bahngarnitur. Nur mit blinzelndem Augenlid kann man die verflitzte Banane für Augenblick-Bruchteile auf die Netzhaut brennen.

Ein seltsames Schallgebilde erhebt sich aus den einzelnen Loops, es klingt irgendwie sphärisch. Die eigentliche Spannung hier in Kaposvar herrscht auf der kleinen unscheinbaren Digitalanzeige, wenn sich die nervösen Zifferzeichen zu Höchstwerten formieren, im besten Fall irgendwo jenseits der 320-Stundenkilometer-Marke, denn hier wohnen die Höchstgeschwindigkeiten der starken 10-ccm-Klasse. Der Speed-Weltrekord liegt bei 340 Stundenkilometern, gehalten von einem Italiener.

Die aktuellen Weltbestmarken nach Klassen
Klasse Fahrer Höchstgeschwindigkeit (km/h)
WMCR I
(1,5 ccm)
Jan-Erik Falk (Schweden) 268,697
WMCR II
(2,5 ccm)
Priit Hoyer (Estland) 283,147
WMCR III
(3,5 ccm)
Mart Sepp (Estland) 293,375
WMCR IV
(5 ccm)
Jan-Erik Falk (Schweden) 308,210
WMCR V
(10 ccm)
Gualtiero Picco (Italien) 339,543
Horst Denneler war Techniker bei Mercedes im Entwicklungsbereich Wankel-Diesel. Eine sehr exotische Abteilung, denn landläufig galt das Wankelprinzip als nicht verdieselbar. "War es denn auch nicht", sagt Herr Denneler. Heute, längst in Pension, baut er erfolgreich Speed-Modelcars (in den USA ursprünglich Tether-Cars genannt, genau übersetzt: Haltestrick-Autos). Er startet vornehmlich in der Königsklasse. "Ein Sport, in den man vor allem Geld, Zeit und Liebe investiert", sagt er. Zu gewinnen gibt es im Wesentlichen nur Pokale, im günstigsten Fall ist für Übernachtung gesorgt. Doch man ist nicht anspruchsvoll: Längst hat sich eine kleine deutsche Community herausgebildet, die ihre Wochenenden an den äußeren Rändern Europas und darüber hinaus verbringt.

Man bringt Kaffee und Kuchen und versteht sich auch über das Hobby hinweg prächtig. Die Fahrzeuge sind in weichen Stoffhüllen verpackt, wo sie luftig geschützt sind. Säuberlich wird das Werkzeug aufgelegt, der Kanister mit der Spezialmischung bereitgestellt, alle Handgriffe sind eingespielt, bis zum großen Moment, wo der Wagen in Bauchlage gehalten, die Glühkerze mit Kabeln an die Batterie geklemmt, der Motor an den Hinterrädern angerissen wird. Nach mehreren Versuchen legt er hysterisch jaulend los, um gleich wieder zu verstummen. Fürs Erste reicht‘s, bloß kein langer Leerlauf. Kräfte sparen.

Auf die Bahn gesetzt und mittels Metallöse an das Seil geklinkt, wird das Gerät mit einer Spezialstange angeschoben, hoffentlich zündet der Motor gleich. Leerversuche erhöhen das Drama. Sobald der Renner mit Krach und Rauch loszischt, greift der Führmann in der Bahnmitte das Seil und schleudert es unter sanfter Bestimmtheit in die hohen Tempobereiche, die das Auto mangels Getriebe nur langsam oder gar nicht erreichen würde. Sobald der Wagen selber das Speed-Kommando übernommen hat, springt der Mann auf das kleine Kreisplateau oberhalb der Seilbefestigung, ehe ihn das rasende Kabel erreicht.

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  • Datum: Mittwoch 09.01.2008 | 11:38 Uhr
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