Car Bashing: Letzte Fiesta mit dem Fiesta

Raus aus der Wuthöhle, her mit dem Vorschlaghammer! Beim Car Bashing baut man Frust ab, indem man unsanft Hand an ein deutsches Heiligtum legt. Robert Dittmar testet den etwas anderen Auto-Sport.

"Schlag für Schlag lösen sich Ärger und Aggressionen in Luft auf", heißt es im Werbetext. "Lassen Sie sich nicht unter Druck setzen, lassen Sie lieber mal ordentlich Dampf ab!" Kein Problem, dafür muss ich mich heute nicht extra in Stimmung bringen. Da stehe ich nun also: Arbeitshandschuhe an den Händen, den kiloschweren Vorschlaghammer bei Fuß, leicht verkatert und schwer angesäuert auf dem Gelände des Autoverwerters Kiesow in Norderstedt bei Hamburg.

Grimmig durchbohrt mein Blick das todgeweihte Vehikel vor mir: Diesen Ur-Fiesta sieht man zum Glück kaum noch auf der Straße. Dabei war das mal ein Allerweltsauto: Von 1976 bis 1989 wurde das Modell fast unverändert gebaut. Heute fahren es nur noch ein paar Studenten ohne Sinn für Stil und Qualität. Da nützt es gar nichts, mich aus trüben Scheinwerfern so unschuldig anzublicken: Jetzt naht für diesen Ford die letzte Fiesta! Meine ersten Schläge kommen etwas zögerlich. Als deutsches Bürgerkind habe ich doch einige Hemmungen zu überwinden, um mutwillig ein Auto zu beschädigen. Prüfend lasse ich den Hammer gegen den rechten Kotflügel pendeln. Zack, schon ist eine dicke Beule drin; das geht ja leichter als gedacht! Als nächstes muss der Scheinwerfer dran glauben: Peng, Splitter – nimm das! Meine Zurückhaltung weicht der puren Zerstörungswut. Diese Karre bekommt jetzt, was sie verdient: Rock’n’Roll! Ich hole energischer aus, schlage die Tür ein, lege den hinteren Fensterrahmen ruckzuck um mindestens 20 Zentimeter tiefer.

Wie ein Flummi springt der Hammerkopf

Passanten beginnen, Stielaugen zu machen, doch mir ist inzwischen nichts mehr peinlich. Sollen die Leute doch denken, was sie wollen! Mit einem Urschrei reiße ich den Vorschlaghammer über den Kopf und lasse ihn mit aller Gewalt auf die Haube krachen. Wie ein Flummi springt der Hammerkopf wieder hoch und hinterlässt nur eine kleine Scharte im Blech.

Kein Wunder: Direkt darunter liegt der massige Motorblock, dem kann man mit so einem Hämmerchen nichts anhaben. Dann sind jetzt eben die Scheiben fällig. Johlend springe ich aufs Dach und lasse einen Scherbenregen niedergehen. Die Seitenfenster zerstieben sofort in feines Glasgranulat. Nur das Sicherheitsglas der Frontscheibe nicht: Die eingearbeitete Folie hält die Splitter zusammen, die Scheibe landet als Ganzes auf dem Armaturenbrett.

Das Car-Bashing war die Idee von Mario Kiesow, dem Juniorchef des Autoverwerters. Im Prinzip genial: Kunden können gegen Bares auf jene Autos einkloppen, aus denen ansonsten kein Profit mehr rauszuholen ist. "Ab dem Jahr 2000 gab’s das hier regelmäßig", erzählt Geschäftsführer Ole Helbach, "da waren Betriebsausflüge, Junggesellenabschiede – sogar Kindergeburtstage!" Seit man aber an geparkten Autos ständig diese Kärtchen findet ("Guten Tag! Ich bin an Ihrem Auto interessiert!"), wird das Car-Bashing nur noch selten angeboten.

Die Exporthändler, die hinter diesen Kärtchen stecken, finden nämlich selbst für nach hiesigen Maßstäben schrottreife Autos noch problemlos Abnehmer in Afrika oder im Nahen Osten – und zahlen daher meist besser als die traditionellen Autoverwerter. Die Folge: Die meisten Autos, die heute bei Kiesow landen, sind zu wertvoll, um sie einfach zu Klump zu schlagen.

Siesta für den Fiesta

Nachdem ich das halbe Auto verbeult und die Außenspiegel in Golfspieler-Manier quer über den Platz gefeuert habe, muss ich verschnaufen. Ich atme schwer und merke, warum man beim Wüten "einen Hals bekommt": Dröhnend pocht das Blut durch meine Schlagadern. Doch der Wagen sieht immer noch viel zu heil aus. Also widme ich mich dem Dach, das ebenfalls stabiler ist als es aussieht. Nachdem ich die Säulen mühsam etwas nach außen gehämmert habe, gelingt es mir, das Dach mit einigen gewaltigen Hieben nach unten zu dreschen.

Ich spüre, wie sich bleierne Erschöpfung in mir ausbreitet und meine Armmuskeln zu brennen beginnen. Den Hammer bekomme ich zwar immer noch hoch, schaffe es aber nicht mehr, ihn festzuhalten, wenn er auf das federnde Blech aufschlägt. Unkontrolliert springt der kiloschwere Stahlklotz am Stiel meterweit durch die Gegend – nicht ungefährlich. Weil meine Zerstörungswut aber noch nicht verraucht ist, gebe ich dem Auto mit meinen Stahlkappenstiefeln endgültig den Rest, zerstöre die Rücklichter, trete brüllend und keuchend die verbliebenen Kotflügel und die zweite Tür ein.

So – nun bin ich wirklich geschafft: Siesta für den Fiesta. Und für mich. Ausgepumpt setze ich mich auf die Motorhaube. Mein Nacken schmerzt, die Beine sind butterweich, meine Arme zittern. Schwerfällig klopfe ich mir die Glassplitter ab und sitze dann eine Weile einfach da und betrachte meine Hände. Ganz wundgescheuert sind sie und am linken Unterarm blute ich sogar etwas: Eine Scherbe muss mich getroffen haben; ich habe es nicht mal registriert.

Aber da ist noch etwas: Ich entspanne mich, und zwar nicht nur körperlich, sondern auch seelisch. Mann, bin ich transzendental heute, aber ich kann es nicht anders ausdrücken: Ich verspüre eine Art meditative Ruhe und Ausgeglichenheit, einen Moment tiefer Zufriedenheit. Ich glaube, für den Rest des Tages werde ich der sanfteste Mensch der Welt sein.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Auto
alles aus der Rubrik Fahrkultur

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


  • Datum: Mittwoch 30.04.2008 | 16:13 Uhr
  • Artikel drucken
  • Artikel versenden
  • Feedback

Mehr auf SPIEGEL ONLINE

TOP



TOP