Aus Bremen berichtet Tom Hillenbrand
Der Mondeo sieht nicht so aus, als ob er je wieder fahrtüchtig würde. Von dem Ford-Modell in der Werkshalle der Firma Conrad Pollmann ist kaum mehr als ein Gerippe übrig. Interieur, Kabel, Räder - alles haben die Karosseriebauer entfernt. "Es dauert noch einige Monate, bis der zu einem fertigen Bestattungsfahrzeug wird", sagt Geschäftsführer Ulrich Schweiker.
Das Bremer Unternehmen ist für Leichenwagen das, was Karmann für Cabrios ist. Pollmann nimmt Serienfahrzeuge großer Hersteller und baut sie zu Bestattungsfahrzeugen um, etwa 120 Mal im Jahr. Damit ist der Karosseriebauer wohl Deutschlands morbidester Marktführer.
Die Autos gehen an Bestatter in ganz Europa. Mondeos umrüsten ist Pollmanns Spezialität - das Gros der Sarg-Taxis hat jedoch nach wie vor einen Mercedes-Stern auf der Haube. Grundsätzlich folgt die Konversion stets dem gleichen Muster: Das Fahrzeug muss gestreckt werden, damit der Sarg hineinpasst. Dazu wird alles länger gemacht - die Verkabelung, das Bodenblech, die Antriebswelle.
Cinquecento als Leichenwagen
Auf dem Pollmann-Hof im Bremer Industriegebiet stehen etliche Mercedes-Limousinen, die mit blauer Plastikfolie abgeklebt sind. Sie werden von den Stuttgartern vorverlängert, aber ohne Dach geliefert. "Den hohen Aufbau entwerfen wir hier selbst", sagt Schweiker. Standardsärge sind zwar nicht einmal einen Meter hoch - mit Füßen und Extras sind sie jedoch deutlich höher.
Wem die E-Klasse zu dröge ist, dem stretcht Pollmann auf Anfrage auch andere Fahrzeuge. Schweikers persönlicher Favorit ist der schwarze Jaguar-E-Type-Leichenwagen aus dem Film "Harold & Maude". "Im Prinzip kann man alles umbauen, ich habe auch schon einen Cinquecento gesehen", sagt er. In einer der Pollman-Werkshallen steht eine S-Klasse - komplett mit Roadster-Kiemen à la SL an der Seite. Ein sportlicher Leichenwagen? Vielleicht für jene, die flott auf den Acker wollen.
Für das Gros der deutschen Bestatter kommt derartiges nicht in Frage. "Das ist eine sehr konservative Branche", sagt der Manager. Ein Leichenwagen sei schließlich die Visitenkarte eines Bestattungsunternehmens, entsprechend repräsentativ müsse das Fahrzeug sein. Lediglich in Italien sehe man des Öfteren extravagante Fahrzeuge.
So farbenfroh wie eine Bestatter-Krawatte
Der deutsche Trauerhelfer, neudeutsch Funeral-Manager, ist lediglich bei der Farbauswahl latent flexibel, weiß Schweiker zu berichten. Mitunter geht er aus sich heraus bestellt eine Lackierung in Grau- oder Bordeauxtönen - oder gar eine Bicolor-Polsterung. Das wäre in Großbritannien undenkbar; dort hat ein Leichenwagen pechschwarz zu sein. "Modelle für die Engländer haben außerdem häufig vier Türen. Bei denen fahren die Sargträger mit".
In der Werkstatt sind zwei Pollmänner dabei, letzte Hand an die Innenausstattung eines Mercedes zu legen. Der hintere Teil der Limousine ist mit Nussholz verkleidet, in das metallene Walzen eingelassen sind. Der Connaisseur erkennt durch einen Blick ins Heck umgehend, für welches Land ein Leichenwagen bestimmt ist. Walzen deuten auf England hin, wo die Särge keine Füßchen haben. In Deutschland stehen die Erdmöbel auf einer Vorrichtung mit einem Schlitten, der herausgezogen werden kann.
Ein neuer Bestattungs-Mercedes, gewissermaßen eine L-Klasse, hat ungefähr ein Jahr Lieferzeit und kostet rund 120.000 Euro. Weil Bestatter meist einen Aktionsradius von maximal 25 Kilometern haben, halten ihre Wagen ewig. Zehn bis zwölf Jahre dauert es normalerweise, bis Bestatter ein neues Fahrzeug ordern. "Das Geschäft ist aber dennoch stabil, sozusagen todsicher", sagt Schweiker.
Das Fahrverhalten der Pollmann-Karossen ist übrigens genau so konservativ wie ihre Chauffeure; mit zwei toten Teutonen im Fond wiegen die Limousinen gut und gerne 2,5 Tonnen und liegen "wie eine Flunder" (Schweiker) auf der Straße. "Die Wagen haben anders als ein normaler Mercedes auch kein elektronisches Stabilitätsprogramm (ESP) an Bord", sagt der Pollmann-Manager. Das sei aber angesichts des hohen Gewichts such gar nicht nötig. "Der bringt sie auch so sicher um die Ecke."
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