Neuer VW Golf: Langweilig und durstig

Von Tom Hillenbrand

Déjà-vu beim Design und durstige Motoren - der Golf VI ist kein großer Wurf. Vor allem bei der Lösung des drängendsten Kundenproblems versagt VW: Wer will in Zeiten explodierender Ölpreise schon ein Gebrauchsfahrzeug, das derart viel Sprit benötigt?

Wenn der Durchschnittsdeutsche sich ein neues Fahrzeug zuzulegen gedenkt, wird es meistens ein Golf. Der Wagen aus Wolfsburg ist eines jener Produkte, die man kauft, ohne allzuviel darüber nachzudenken. Es ist wie mit Nutella, Kühne-Senf oder Tempo-Taschentüchern. Der neue Golf VI, das ist schon drei Monate vor dem Start klar, wird sich millionenfach verkaufen. Nicht, weil er ein besonders tolles Auto ist; sondern weil viele von uns seit der ersten Fahrschulstunde auf Golf programmiert sind. Ich habe diverse Golf gefahren, ohne je begeistert gewesen zu sein. Aber enttäuscht haben mich die Autos eigentlich auch nie. Die Erfahrung lehrt: Wer ein neues Wägelchen benötigt, macht mit dem Wolfsburger nichts Grundlegendes falsch.

Die Zeitenwende irgendwie verpasst

Also wieder ein Bestseller aus Wolfsburg, zum sechsten Mal? Diesmal könnte es anders kommen - zumindest, wenn mehr Menschen denken wie ich. Als Besitzer eines Golf IV aus dem Jahr 2001 wäre ich der klassische Kandidat für einen Golf VI. Ich bin sozusagen fällig. Aber je genauer ich das Datenblatt anschaue, umso wahrscheinlicher ist, dass ich diese Golf-Generation überspringen werde.

Warum? Zunächst ist der Golf VI ist nur ein besseres Facelift. VW-Chefdesigner Walter De Silva sagt, sein Zögling sei "akzentuierter, dreidimensionaler als seine Vorgänger; mit exakt definierten Linien und Kanten, mit fein proportionierten Wölbungen und Hohlkehlen." Aha. Wenn ich den Golf der fünften mit dem der sechsten Generation vergleiche, sehe ich außen kaum einen Unterschied. Aber vielleicht hat Herr De Silva einfach schärfere Augen als ich.

Für die Ähnlichkeit gibt es einen Grund. Weil sich der aktuelle Golf V wegen allzu teurer Komponenten für VW als Renditedesaster entpuppte, musste schneller als geplant die Nummer sechs fertig werden. Vieles blieb, wie es war. Der neue müsste eigentlich Golf 5.5 heißen. Ein komplett neu konstruierter Golf ist erst für 2012 geplant. Die "Auto Bild" drückt es diplomatisch aus: "Wer den Fünfer mag, für den wird es leicht, den Sechser zu lieben."

Das Volk will Sprit sparen - aber nicht mit Volkswagen

Über all das könnte man hinwegsehen, denn wer will bei einem Golf schon tolles Design? Er ist vor allem ein Gebrauchswägelchen. Er soll einen im Straßenverkehr unsichtbar machen. Der Sohn soll damit in die Kita, ich zur Arbeit und am Wochenende die ganze Bagage nach Sankt Peter-Ording.

Vor fünf Jahren hätte ich Wert darauf gelegt, dass mein Golf außerdem komfortabel ist, einen großen Kofferraum hat und überall Cupholder angebracht sind. Im Jahr eins der neuen globalen Energiekrise will ich hingegen vor allem, dass mich der Golf finanziell nicht ruiniert.

Anderen geht es mutmaßlich ähnlich. Dieser Golf müsste ein Pkw für die nicht mehr ganz so flüssige Mittelschicht sein, die unter hohen Spritpreisen ächzt. Beim König der Kompaktklasse müsste sich folglich alles dem Spritverbrauch unterordnen. Die drei derzeit in der Autoindustrie meistdiskutierten Themen sind nicht umsonst sparsame Motoren, Elektroantriebe und Leichtbau.

In Wolfsburg hat das offenbar niemand mitbekommen.

Der neue Golf wiegt 1361 Kilo - genauso viel wie sein Vorgänger. Eine Hybridversion, wie Honda oder Toyota sie in dieser Fahrzeugklasse seit Jahren anbieten, gibt es schlichtweg nicht. Wann VW einen Wagen mit dem sparsamen Kombiantrieb nachreicht, ist völlig offen.

Mut zur Generationslücke

Mir bleiben also nur die guten alten Verbrennungsmotoren. Die Auswahl beim Golf VI lässt vermuten, dass VW sparsame Aggregate für nachrangig hält: Ab 2012 sollen Neuwagen nach dem Willen der EU-Kommission nur noch maximal 120 Gramm CO2 pro Kilometer ausstoßen. Fünf der sechs Motoren im Golf VI erfüllen diese Anforderung nicht. Als einziger liegt der 2.0 TDI CR unter dem Umweltlimit (119 g/km).

Mein alter 1.6-Liter-Golf genehmigt sich im kombinierten Verbrauch 7,8 Liter Benzin auf 100 Kilometer. Der vergleichbare Golf VI mit der gleichen Motorisierung schlürft 7,1 Liter. Die Ingenieure in Wolfsburg haben seit 2001 also 0,7 Liter Ersparnis für mich herausgeholt.

Sorry, aber das ist angesichts einer Verdopplung des Spritpreises entschieden zu wenig.

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Dafür gibt es im neuen Golf allerlei überflüssige Sperenzchen. Zum Beispiel eine adaptive Fahrwerksregelung (DCC), dank der ich zwischen "Sport", "Comfort" und "Normal" wechseln kann. Hallo, Erde an Wolfsburg? Wisst ihr, wer eure Kunden sind? Es handelt sich bei diesem Auto nicht um einen Sportwagen, sondern um einen schnöden Golf. Der braucht kein DCC. Und falls doch, dann sollten die Einstellungen "Aldi", "Arbeit" und "Kita" heißen.

Bei meinem froschgrünen Golf IV muckt das Getriebe ein wenig. Dennoch bin ich guter Hoffnung, dass er bis 2012 durchhält. Dann kommt der Golf VII, und vielleicht hat der ja einen Elektromotor.

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  • Datum: Samstag 16.08.2008 | 12:11 Uhr
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