Von Christian Böhner
Und im Nu war es Nacht, und wir hingen an der Boxenmauer und später auch ganz oben auf der Tribüne, um das grell leuchtende Spektakel der schnellsten Jahrgänge bis zum Einsetzen fröstelnder Müdigkeit weiter zu verfolgen.
Das Einschlafen bei anhaltenden Renngeräuschen hatte dann wirklich was von der Renn-Romantik aus dem Filmklassiker "Le Mans" mit Steve McQueen, und ein Jugendtraum war Wirklichkeit geworden. Wir hatten uns ja bewusst für das Zelten entschieden, weil wir einfach die Ganze Zeit ganz nah dran sein wollten. Die Camping Container mit warmen Duschen und sauberen Toiletten waren simpel, aber absolut ausreichend für zwei Nächte. Vermisst haben wir nur den bunten Jahrmarkt mit dem Riesenrad und den vielen einfachen Leuten aus dem Volk, die zum Motorsport dazu gehören wie das Öl in den Motor.
Fotoshooting mit Hannah
Dafür gab es neben den vielen schicken Besuchern mit ihren teuren Autos eine Meile mit Renn-Devotionalien, wo man vom alten Le Mans-Plakat bis zum maßgefertigten Auto-Cover so manch kostspielige Trophäe erwerben konnte. Am nächsten Morgen bekam ich alter Kaffeetrinker zum Glück eine Tasse von unseren französischen Zeltnachbarn zum Wachwerden, und so konnten wir unser Pensum in Angriff nehmen: Viele, viele Fotos machen (jeder von uns) und das Titelshooting mit dem CSI vor irgendeiner Rennkulisse organisieren. Unser Freund Stefan von Dakota lieh uns dafür spontan seine hübsche Verkäuferin Hannah für eine halbe Stunde aus, und so konnten wir auf der Rückseite der Dunlop-Tribüne umringt von Schaulustigen an die Arbeit gehen.
Hannah war schon kameraerfahren, mit unseren Anforderungen und dem Honorar d'accord, und so klappte die ganze Kiste hervorragend und wir konnten die junge Madame pünktlich wieder in Stefans Shop abliefern.
Wurst und warmes Bier
Dann sind wir mit dem schnieken Bayern-Express weiter Promenade gefahren, und als einziger weißer E9 im gesamten Innenbereich des Kurses fielen wir zwischen Hunderten von Porsches und Ferraris und vielen Vorkriegs-Kutschen allgemein positiv auf. Kinder winkten uns zu, ältere Herren nickten anerkennend oder fachsimpelten um den Wagen herum, und so manch flotte Lady wäre sicherlich eingestiegen, wenn, ja wenn – egal. Back to work – wir stellten den CSI dann wieder neben die Zelte und fuhren mit einem von zirka 20 Jeeps des historischen französischen Militärclubs wieder Richtung Tribüne und Paddocks. Die Army-Jungs waren klasse. Schöne alte Willies und größere Gelände-Rocker, die an ihrem 2. Weltkriegs-Zeltlager Fahrer und Journalisten und auch alle anderen Leute aufluden.
Am Vormittag nutzten wir den Service schon einmal, um die drei Monster-Kisten mit den Charger-Katalogen bis direkt ins Paddock transportiert zu bekommen – sehr lässig. Dick Piersson erzählte Helge und mir dann am Nachmittag von seiner Krebs-Erkrankung, die er das Jahr zuvor überwunden hatte, und was das in ihm menschlich verändert hatte. Sehr warmherzig und weise, der gute Dick. Seine Gelassenheit und Übersicht war deutlich zu spüren, auch positiv für das ganze Oly Charger Team. Mittags und abends noch zweimal den kleinen schnellen Kokos-Brüter angeschmissen und unsere Wurst- und Fleischvorräte weiter dezimiert. Die Biere schmeckten auch warm, und so rückte der Abend näher, während die ganze Zeit über nonstop alle sechs Renn-Gruppen, die sogenannten Grids, ihre Runden drehten.
Technischer Defekt im Wald
Nach einem entspannten Spaziergang durch die gesamte Merch-Meile ging es wieder in die Boxengasse und auf die Tribünen, um weiter die große Vielfalt der historischen Renner zu genießen. Nachts dann noch meine Stoppuhr an Martin, den De Tomaso Fahrer gegeben, damit er die Boxendurchfahrtszeit von 90 Sekunden einhält, und dann standen wir da und warteten auf unseren verschollenen Charger, der bereits seit vier Runden nicht mehr aufgetaucht war, während des ersten echten Renn-Stints in der frühen Samstagnacht. Alle machten sich Sorgen, ob Christophe, dem Wagen oder anderen etwas passiert sei. Dann kam die Entwarnung: Er war mit technischem Defekt weit ab hinten in der Waldpassage liegen geblieben und würde nach Ende des Rennabschnitts zurück transportiert werden. Der Schaden war dann ein gebrochenes Kardanwellengelenk, und das konnte bis zum nächsten Einsatz leider nicht mehr repariert werden.
Erst Enttäuschung, doch die wich dann am nächsten Morgen nach durchgeschraubter Nacht der Erleichterung, dass Mensch und Maschine doch sehr glimpflich davon gekommen waren und der Schaden bei 300 km/h auf Start/Ziel zu einem unfreiwilligen Stabhochsprung geführt hätte mit den heftigsten Verletzungs-Optionen. Wir haben dann noch den grausam lauten Vorstart der echten Le Mans Monster Porsche 917 und Ferrari 275LM sowie dem als Ferrari-Killer in die Geschichte eingegangenen Ford GT40 mitbekommen und dabei den bekannten Porsche Rennfahrer und LM-Sieger von 1977 Jürgen Barth im 917 entdeckt. Barth wurde später Porsche-Rennleiter und war Mitinitiator der BPR GT-Rennserie, dem Vorläufer der heutigen FIA-GT-Meisterschaft. Er hat übrigens auch feine Porsche-Bücher geschrieben.
Getarnte Promis
Tatsächlich sollten auch noch andere Berühmtheiten am Start gewesen sein, einer war "Prinz Poldi" Leopold von Bayern, und man sprach von der Tochter von Jackie Ickx. Aber wie soll man ohne einen Kai Ebel in der Boxengasse diese wichtigen Leute alle hinter ihren Visieren erkennen? Und dann war es auch schon 12 Uhr, und wir hatten alles schon wieder eingeladen. Nach letzten, wehmütigen Blicken auf die neue, Speed raubende Schikane vor der Start-Ziel-Geraden und ein paar Aston Martins, Alfa Zagatos und Jaguar D-Types, haben wir dann die 200 CSI Pferde gesattelt und uns auf einen siebenstündigen, entspannten Heimweg Richtung Köln gemacht. Man könnte dem CSI übrigens einmal das 5-Gang-Getriebe aus dem CSL oder dem sonstigen BMW-Regal spendieren. Das böte dann noch etwas mehr Reisekomfort in diesem herrlichen Herren-GT aus einer Zeit, als man für den Ampelstart noch als Kavalier mit Applaus bedacht wurde.
Vielen Dank an BMW Klassik für die Leihgabe ihres einstigen Top-Modells. Wir fühlten uns allerbestens motorisiert und von feinstem Automobil historischem Ambiente umgeben. 2010 ist es wieder soweit, und so eine Reise auf eigener Achse, auch gerne mit Zelt, kann man jedem Altblech- und klassischem Race-Fan nur allerwärmstens empfehlen.
Mehr Infos auch unter www.lemansclassic.com
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