Abgewürgt: Wie Dodge die Deutschen retten will

Von Tom Hillenbrand

Tätowierte Hostessen und Proll-Sprüche: Der US-Automarke Dodge ist kaum ein Gag zu billig. Jetzt fordert die Chrysler-Tochter ihre Kundschaft zu gesteigerter Fruchtbarkeit auf - bei Vorlage des Schwangerschaftstests gibt es Rabatt aufs Auto. Ob das hilft?

Für ihren Feinsinn ist die Chrysler-Tochter Dodge nicht unbedingt bekannt. Auf der letzten IAA ließ das Unternehmen seine Hostessen in einem Outfit antanzen, in dem man auch gut in einem Offenbacher Tabledance-Club hätte kellnern könnte: hochhackige Schuhe, freizügige Kleidchen und großflächige Tattoos.

Die Damen räkelten sich lasziv auf den Fahrzeugen und zeigten den Pressefotografen, was man bei Chrysler unter Maschinenerotik versteht. Subtil geht anders. Aber Dodge, so hat es ein Kollege einst formuliert, ist eben der Atze Schröder unter den Automarken. Ordentlich rumzuprollen ist eine interessante Verkaufsstrategie - die aber in Deutschland anscheinend nicht gut funktioniert. Im August sank der Chrysler-Absatz gegenüber dem Vorjahresmonat laut "Automobilwoche" um über 35 Prozent auf gerade noch 986 Autos.

Um ein paar mehr Wägelchen vom Hof zu bekommen, versucht es das Unternehmen deshalb jetzt mit der Werbeaktion "Dodge lässt Helden zeugen".

Oh weh, das deutsche Volk verglimmt

"Mit statistisch nur 1,37 Kindern pro Frau", mahnt Dodge in einer Mitteilung, "glimmt Deutschland als trübes Schlusslicht in Europa, ja der ganzen Welt". Diese suboptimalen Geburtenraten veranlassten "die Marke Dodge zum Handeln".

Gott sei Dank, endlich tut einer was! Deutschland verglimmt und man fragt sich, warum die deutlich größeren und besser ausgestatteten Pressestäbe gewisser Dodge-Wettbewerber aus Stuttgart oder München nicht schon längst auf die Idee gekommen sind, die Deutschen per automobiler Wurfprämie vor dem Aussterben zu bewahren.

Kontakt zum Autor

Feedback? Anregungen? Schreiben Sie an abgewuergt@spiegel.de Alle bisher erschienen Teile der Kolumne finden Sie hier, den RSS-Feed können Sie hier hinzufügen.
Vielleicht halten Daimler und BMW Schwangerschaften für Privatsache. Vielleicht befürchten sie, dass Kinderprämien in Deutschland ein gewisser historischer Hautgout anhaftet. Vielleicht sind die heimischen Hersteller auch einfach viel zu beschäftigt damit, Autos zu verkaufen - ein Problem, dass man bei Chrysler Deutschland wahrlich nicht hat. Entsprechend bleibt Zeit, ein bisschen Bevölkerungspolitik zu machen.

Familien, die bei Dodge das Van-Modell Journey kaufen, bekommen die Leasingrate für neun (fein ausgedacht!) Monate gestundet. Dazu muss lediglich die Trächtigkeit der Frau per ärztlichem Attest nachgewiesen werden. Der Kunde bekommt den Rabatt übrigens auch ohne erfolgte Empfängnis - steht dann allerdings ein bisschen unter Zugzwang.

Jetzt aber husch ins Bettchen

"Unentschlossene können die Incentivierung auch noch bis zu neun Monate nach dem Aktionszeitraum geltend machen", heißt es bei Dodge. Oder anders gesagt: Wer ohne dicken Bauch beim Händler aufläuft, muss sich nach dem Kauf mächtig ins Zeug legen, um einen Konzeptionsnachweis vor Ablauf der Frist sicherzustellen.

Spätestens beim Aufziehen der Winterreifen muss sich die Kundin sonst wohlmöglich in ihrer Chrysler-Werkstatt fragen lassen, warum sie immer noch nicht schwanger ist.

So macht Kinderkriegen Spaß. Findet man zumindest bei Dodge. Damit auch der Letzte diesen Fips-Asmussen-Humor versteht, erklärt der Pressetext, dies sei "die erste Incentivierung im Auto-Segment, die man sich im (Bei-)Schlaf verdienen kann".

Es bleibt zu hoffen, dass es auch die letzte ist.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 16 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
01.10.2008 von RogueFive: Oh die Ironie ...

Jetzt hat sich der Autor doch ein richtiges Ei gelegt. Nachdem solche Geschmacksverirrungen ja nur US Firmen passieren, moechte er uns doch bitte die VW Baby Kampagne erklaeren. http://www.youtube.com/watch?v=xDZSxFLcMVg mehr...

30.09.2008 von petertri01: Prüdes Deutschland

Da kann ich meinem Vorredner Dodge nur zu 100% zustimmen. mehr...

30.09.2008 von Dodge: Prüdes Deutschland

Gut geschrieben ja, allerdings muss ich dennoch meinen "Dodge-freundlicheren" Vorrednern zustimmen. Deutschland - das Land der Nörgler Deutschland - das Land der großen Luxuskarossen Deutschland - wir können alles [...] mehr...

30.09.2008 von petertri01: Spießig ?

Ich finde die Werbung Ok. Ich fahre selber einen Dodge. Die Zeiten der Spritschlucker ist bei den normalen Fahrzeugen auch vorbei. Die Sportwagen wie Challenger und Viper verbrauchen auch nicht unbedingt mehr als Porsche und [...] mehr...

29.09.2008 von Celestine: ... im Kleidchen ...

Mich interessieren die Autos nicht, aber ich finde die Werbekampagne einfallsreich - die Idee ist doch lustig ... “Die Damen räkelten sich lasziv auf den Fahrzeugen ...” schreibt der Autor. So „räkeln“ sich Models auf den [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Auto
alles aus der Rubrik Fahrkultur
alles zum Thema Abgewürgt

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


  • Datum: Montag 29.09.2008 | 08:02 Uhr
  • Artikel drucken
  • Artikel versenden
  • Feedback
  • Kommentieren | 16 Kommentare

Mehr auf SPIEGEL ONLINE

TOP



TOP