Aus Dublin berichtet Benjamin Hammer
Bei Irland-Touristen ist eine Postkarte besonders beliebt: Sie zeigt eine Landstraße, die von einer Schafsherde blockiert wird. "Stau in Irland" steht auf der Karte. Doch der Scherz über das beschauliche Agrarland am Westzipfel Europas geht längst an der Realität vorbei. Heute herrscht auf den Straßen Verkehrschaos, und am schlimmsten ist die Lage in der Hauptstadt Dublin.
Tag für Tag quälen sich Tausende Pendler in die Stadt - für eine Strecke von 60 Kilometern brauchen sie bis zu drei Stunden. Die Autobahn M50, die um Dublin herum führt, nennen viele Iren schlicht den "Parkplatz" - so viele Staus gibt es dort.
Der Wirtschaftsboom der letzten 15 Jahre, der Irland den Spitznamen keltischer Tiger verschaffte, verwandelte eines der ärmsten Länder Europas in ein wohlhabendes. Das zeigt sich auch an den Fahrzeugzulassungen. Heute sind die Insulaner begeisterte Autofahrer. In der Zeit von 1985 bis 2007 verdreifachte sich die Anzahl der Wagen, und das Benzin ist günstig. Ein Liter kostete vor kurzem nur 99 Cent. Auf das Wachstum reagierten die Verkehrsplaner zu langsam. Viele Straßen in Irland und Dublin sind den Blechlawinen nicht gewachsen. Sie sind einfach zu eng.
Die Studentin Fiona McKeown, 22, repräsentiert die neue Auto-Generation Irlands. In ihrer Familie, sagt sie, gebe es sieben Autos für sechs Leute. Fiona wohnt rund 100 Kilometer von Dublin entfernt, zweimal in der Woche fährt sie mit dem Auto in die 500.000-Einwohner-Stadt – und braucht oft mehr als drei Stunden dafür. "Ein winziger Unfall, auf irgendeiner Straße", sagt Fiona, "und das ganze System kommt zum Erliegen". Und das passiert häufig: Rund 50 Zwischenfälle registriert die irische Polizei jeden Morgen – allein in Dublin.
Autostadt ohne Zukunft?
James Wickham, Soziologieprofessor am Dubliner Trinity College, vergleicht die Lage in der irischen Hauptstadt mit Städten wie Bologna, Helsinki und Athen. Er übt scharfe Kritik an der Verkehrsplanung. Viele Jahre habe man verstreichen lassen und nicht die richtigen Weichen gestellt. Heute sei Dublin eine "Autostadt", in der man viele Ziele nur mit dem Wagen erreichen könne. Die öffentlichen Verkehrsmittel könnten sich mit den europäischen Standards kaum messen.
So gibt es beispielsweise keine Streckenübersichten für Busse – wer sich in der Stadt nicht auskennt, ist aufgeschmissen. Und wer am Flughafen von Dublin ankommt, der hat bereits Mühe, die Busse in die Innenstadt zu finden. Abgestimmte Fahrtakte, Verbundtickets, Netzfahrpläne – das alles gibt es in Irland noch nicht. Seit 2004 fahren in Dublin zwei Straßenbahnlinien. Sie heißen Luas – irisch für Geschwindigkeit. "Das ist noch viel zu wenig", bemängelt Wickham.
Denn auch in den öffentlichen Verkehrsmitteln bleibt man oft stecken. So braucht der Bus von der Heuston Station in die Innenstadt mitunter 45 Minuten – für 3,5 Kilometer. Abhilfe schaffen soll jetzt ein 34-Milliarden-Euro-Programm für ganz Irland. In Dublin soll nun endlich das gebaut werden, was in vergleichbaren Städten Europas seit Jahrzehnten Standard ist: eine U-Bahn. Doch bis es endlich zur Realisierung der Projekte kommt, können noch viele Jahre verstreichen.
Radeln nur mit Schutzhelm und Warnweste
Unterdessen suchen die Dubliner nach Alternativen. Manche wagen sich aufs Fahrrad. Das ist mutig, denn irische Autofahrer sind nicht gerade für ihre Rücksichtnahme und ihre Fahrkünste bekannt. Der 21-jährige Kevin Sheedy musste das am eigenen Leibe erfahren: Zwei Mal wurde er bereits angefahren, zum Glück trug er außer ein paar Kratzern keinen größeren Schaden davon. Doch unterkriegen lässt er sich davon nicht. Sheedy trägt beim Fahrradfahren jedoch immer einen Helm und eine knallgelbe Warnweste – so wie die meisten hier. Auf Dublins Straßen gibt es viele "L-Fahrer" – "Learner", die zwar nur in Begleitung fahren dürfen, aber noch nie eine Fahrprüfung abgelegt haben. Das macht sich auf den Straßen bemerkbar.
Kevin Sheedy will sich weiter mit seinem Fahrrad durch die Autostadt kämpfen. "Ich muss halt noch mehr aufpassen", sagt er. Wenn auf den Straßen viel Verkehr ist, will Sheedy auf keinen Fall den Bus nehmen. "Da laufe ich lieber", sagt der Ire. "Das ist schneller." Zur Übersicht der bisherigen Artikel
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