Von Andrea Jonischkies
Chromblitzende Raketen rechts und links, Bullenfänger im Disco-Look, Reihen wild pulsierender Lichter, und dazu lautes Getute - wer des nachts auf Japans Straßen unterwegs ist und einem Dekotora-Bus begegnet, der denkt sofort an die "Unheimliche Begegnung der Dritten Art".
Neben der opulenten Beleuchtung sind die Nippon-Lkw meist mit Airbrush-Bildern verziert. Das können böse Geister sein, phantasievolle Drachen, bekannte Anime- oder Disney-Figuren. Vielleicht lächelt auch eine niedliche Geisha mit kokett gesenktem Blick auf den Betrachter herunter oder Maria mit dem Christkind.
Manche dieser Lastwagen sind so grell und überladen mit bunten Lichterreihen, Bildern und seltsamen Aufbauten, dass sie eher an Karussells erinnern oder an überdimensionierte Flipperautomaten aus dem Tokioter Vergnügungsviertel Shibuya. Auf jeden Fall wollen sich Dekotora nicht so recht in unser Bild von der geschmackvoll reduzierten Ästhetik japanischen Designs fügen.
Dekoratives Außenseitertum
Die schrillen Lastwagen demonstrieren Eigensinn. Solange sich die Mehrheit der japanischen Bevölkerung ihr Leben noch an alten Sprichwörtern ausrichtete wie "Auf den Nagel, der hervorsteht, wird solange gehämmert, bis er flach ist", war Individualismus verpönt, wie ihn Dekotora verkörpern. Der Phantasie freien Lauf lassen, Persönlichkeit offen zeigen - das macht Dekotora-Fahrer für japanische Verhältnisse zu so etwas wie Rockern oder Punks.
Die Ursprünge von Nippons Trucker-Kult reichen zurück ins Jahr 1975. In dem Film Torakku Yaro brettert ein Asphalt-Cowboy namens First Star im aufgemotzten Truck kreuz und quer durch Japan. Natürlich wird er auf seinen Lieferfahrten in etliche Abenteuer verwickelt, romantische wie spannende. Die Story kam beim Publikum an, und es wurden neun Fortsetzungen gedreht.
Der eigentliche Star aber war der Filmlaster, dessen futuristische Pracht jeden US-Truck in den Schatten stellte - der Ur-Dekotora. Der rollende Kunstkoloss löste in Japan eine Bastel- und Deko-Welle aus. Viele wollten ihren Truck so umbauen wie den aus dem Film.
Da Ersatzteile für US-Fabrikate nicht einfach im Laden zu kaufen oder zu bestellen waren, bedienten sich die Bastler kurzerhand bei Ausflugsbussen, Militärfahrzeugen oder gar bei Booten. Jedes Fahrzeug ist ein Unikat; in den meisten Fällen haben die Fahrer ihre mobilen Museumsstücke in der Freizeit selbst zusammengebaut - lediglich die Malerei stammt von angeheuerten Airbrush-Künstlern. Die übergroßen Motive ziehen sich von der Führerkabine über den gesamten Anhänger, innen wie außen.
Dekotora-Vermarktung
Über die Jahre zog der Trend immer weitere Kreise. Inzwischen ist aus dem Subkulturphänomen ein richtiger Markt geworden; neben jedem erdenklichen Bauteil wird die Gemeinde von einer Reihe von Zeitschriften mit immer neuen Ideen versorgt. Im Internet zeigen sich Fans die schönsten Fotos und Videos, in denen die bunten Ungetüme möglichst viel Krach machen dürfen. Unlängst brachten die großen Spielehersteller Dekotora-Games auf den Markt, in denen japanische Spieler jeden Alters eigene Trucks dekorieren und dann über die simulierten Landstraßen lenken dürfen.
Ein Bildband (siehe Kasten) vermittelt Einblicke in die Welt der japanischen Dekotora-Szene. Zehn Jahre begleitete der Fotograf Tatsuki Masaru die überwiegend freiberuflich arbeitenden Trucker, die ihn auch ins Innere ihrer rollenden Kunstwerke schauen ließen.
Anders als ihr Filmvorbild aus den siebziger Jahren sind die Trucker keine einsamen Wölfe. Viele haben ihre Familie dabei. Es gibt Treffen, bei denen sich an die 150 Dekotora versammeln. Mehrere von ihnen stellen sich in einer Reihe auf und stimmen ihre Light-Show mit Musik und Sounds aufeinander ab. Das Ergebnis wirkt in etwa so, als kommuniziere eine Schar Spielautomaten miteinander.
Vor einiger Zeit gerieten die Dekotora jedoch in Verruf. Ein zehn Monate alter Junge kam unter die Räder und starb, während seine Mutter lebensgefährlich verletzt wurde. Der Fahrer hatte sie im toten Winkel nicht gesehen. Das japanische Verkehrsministerium verhängte sofort strenge Auflagen für die Deko-Trucks, nun dürfen keinerlei Objekte mehr in und an der Windschutzscheibe angebracht sein.
Sicherheit steht an erster Stelle. Wenn ein solcher Wagen heute im Güterverkehr eingesetzt werden soll, muss der japanische TÜV jede Veränderung genehmigt haben. Immer öfter setzen die rollenden Entertainment-Center deshalb in der Garage Staub an, weil die Einkünfte der Fahrer einfach zu bescheiden sind. So ein Gigant frisst schließlich viel Sprit - und noch viel mehr Strom.
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