Abgewürgt: Die Wahrheit über Miniaudiopelbenz-Piloten

Von Tom Hillenbrand

In einem alten Schlachtschiff von Volvo sitzt immer ein Lehrer, Audi-Fahrer drängeln, und wer einen Opel Vectra fährt, der trägt vermutlich auch einen Tirolerhut. Bei Autos darf man seinen Vorurteilen endlich einmal freien Lauf lassen.

Als ich den tiefgezogenen Kühlergrill des roten Audi A4 im Rückspiegel sehe, ahne ich bereits: Da kommt ein Autobahn-Rüpel. Gleich wird er mir voll auf den Koffer fahren und mich mit seiner Lichthupe malträtieren. Dass ich nicht rüberziehen kann, weil mich ein polnischer Frischfleischlaster fast gegen die Leitplanke drückt, wird ihn nicht kümmern.

Audi A4: Kampflinie auf dem Highway

Audi A4: Kampflinie auf dem Highway

Noch ist der A4 über 200 Meter entfernt, doch sein Fahrer erscheint bereits vor meinem geistigen Auge: Er ist Ende 30, hat lichter werdendes Haupthaar. Er trägt ein Businesshemd und eine bunte Krawatte. Sein Boss-Sakko hängt feinsäuberlich über einem Bügel hinter dem Sitz. Vermutlich bellt er während der Fahrt in seine Freisprechanlage.

Sobald er mich von der Spur geschubst hat, wird er das Gaspedal voll durchtreten, um nach weiteren zehn Drängelmanövern etwas zu spät zu seinem Meeting zu erscheinen. Kopfschüttelnd wird er in den Konferenzraum eilen, auf seine Sport-Armbanduhr schauen und sagen: "Sorry, heute wieder nur Idioten auf der Autobahn".

Change-Consultants im Polo Blue Motion

Ressentiments gegenüber Berufsgruppen oder Vorurteile vis-à-vis einzelnen Nationalitäten zu pflegen, ist erfreulicherweise passé. Wenn es hingegen um Autos geht, lassen wir unseren Vorurteilen oft freien Lauf und stecken die Fahrer bestimmter Modelle flugs in Schubladen. Warum? Vielleicht weil es die letzte Art von Ressentiment ist, die man derart lustvoll pflegen darf.

Neben der Kleidung ist der fahrbare Untersatz der beste Indikator dafür, wer unser Gegenüber ist. Entsprechend sind unsere Köpfe gefüllt mit Auto-Stereotypen. Für viele Menschen ist Porsche 911 ein Synonym für Angebertypen und Midlife-Crisis; in einem alten Volvo 740 sitzt immer ein zauseliger Gemeinschaftskundelehrer; und in einem Opel Vectra hockt stets ein pensionierter Spießer, vermutlich mit Hut.

Das ist natürlich irgendwie unfair - aber die Gegenprobe nährt ja in der Regel das Vorurteil. Lehrer mit Porsche? Architekt im Vectra? Change-Consultants im Polo Blue Motion? Gibt es schlichtweg nicht.

"Wenn ich Mercedes will, ruf' ich ein Taxi."

Mitunter trifft der Bannstrahl auch ganze Automarken. Mercedes etwa wird von vielen jungen Leuten geschmäht. Mittdreißiger wie ich haben ein Faible für ältere Benz-Limousinen - Mittzwanziger kultivieren hingegen zunehmend Vorurteile gegen den Stern aus Stuttgart. Eine junge Frau erklärte mir unlängst, dass ein Mercedes ein in jeder Hinsicht unakzeptables Fahrzeug sei; dass ihrer Ansicht nach nur dickbäuchige alte Männer so etwas führen. Ihre tiefsitzende Verachtung für den Benz im Allgemeinen und die E-Klasse im Besonderen bündelte sie in folgendem Satz: "Wenn ich Mercedes fahren will, dann ruf' ich mir ein Taxi."

Den größten Fluch schleppt seit Urzeiten Opel mit sich herum: "Jeder Popel fährt 'nen Opel." Der Spruch ist schon arg angestaubt, blieb aber bis heute kleben. Die Rüsselsheimer werden wohl bis ans Ende ihrer Tage mit angetrocknetem Nasensekret assoziiert werden. Es ist ein bisschen wie bei der FDP, die dazu verdammt ist, bis zum Jüngsten Gericht die "Partei der Besserverdienenden" zu sein.


Noch mehr Auto-Stereotypen? Klicken Sie hier!

Zumindest Auto-Stereotypen können sich ändern. Es dauert nur ziemlich lange, und in der Regel sind radikale Schritte seitens des Herstellers notwendig. Das beste Beispiel ist Audi. Hätte mich vor 20 Jahren, in der Prä-Piëch-Ära, ein Audi 80 nervös gemacht? Wohl nicht, mein Bild des Fahrers wäre ein anderes gewesen: Mitte 40, Kombination mit grauer Flanellhose und Pepita-Jacket. Vermutlich Abteilungsleiter in niedersächsischen Landesministerium für Inneres. Oder beim Zoll. So jemand hätte nicht gedrängelt. So jemand hätte die empfohlene Höchstgeschwindigkeit von 130 km/h beachtet.

Heute jedoch gilt: Jeder Rowdy fährt 'nen Audi. Als sich Muss-zum-Meeting-Man in seinem A4-Dienstwagen (Businesshemd: ja, Krawatte: nein, Freisprechanlage: aber sicher) an mir vorbeigezwängt hat, überholt mich ein Porsche Cayenne Turbo S. Der könnte den A4 problemlos von der Überholspur putzen - ein Spektakel, das ich jetzt gerne sähe. Aber der Cayenne hält brav den doppelten Sicherheitsabstand ein. Eigentlich kein Wunder: Cayenne eben! In dem Wagen sitzt ganz sicher eine Mutter aus Blankenese, im Ralph-Lauren-Polohemd, mit zwei Kindern an Bord.

Der Autor bedankt sich für die vielen ausgezeichneten Stereotypen-Vorschläge von SPIEGEL-ONLINE-Lesern.

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Die neuesten Beiträge:
27.06.2009 von nixxnuzz: Sozial - Neid

Ich habe am 20. 06. 09 gegen 17:00 Uhr von HH kommend, für etwa 9 km vor und durch Bramsche, ca 4 Stunden gebraucht. In meinem 420er AMG. Wir trottelten allerdings wesentlich bequemer. Und - fast Alle - namüsierten sich: DER [...] mehr...

27.06.2009 von *42*: Urlaub

Vielleicht gelingt es mir ja den "Vorurteilsfred" wieder zu aktivieren: Die Urlaubssaison hat begonnen: -warum gelingt es hauptsächlich älteren Herren und weiblichen Pilotinnen nicht, die rechte Fahrspur zu [...] mehr...

08.05.2009 von *42*: neu

Ich hätte was Neues zu bieten, ein Trend geht dazu, möglichst "umweltfreundlich" den LKW zu überholen. Also, welcher Spardose gelingt es, den Verkehr am effektivsten einzubremsen, welche Fahrweise kann dafür sorgen, [...] mehr...

18.04.2009 von Brasil2: Der ist klasse

Wow - ultimativer Macho-Schlitten! http://www.dodge-challenger.net/ Der hätte auch im Film "Mad Max" über die Bahn röhren könnnen. mehr...

11.03.2009 von saddamatus: klischee?

Kombiniere: Du bist Ingenieur oder sonstwie in einer technikaffinen Branche tätig? Du fährst lieber ein gutes Auto als eine egostützende Fehlkonstruktion? Um die Stereotypen noch zu bereichern: Welches Bild hat man im Ausland [...] mehr...

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  • Datum: Montag 29.12.2008 | 11:16 Uhr
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