Aus Gstaad berichtet Tom Grünweg
Garage Sale bedeutet eigentlich privater Flohmarkt. Doch wenn das Auktionshaus Bonhams zum traditionellen Garagenverkauf ins noble "Palace-Hotel" in Schweizer Promi-Skiort Gstaad einlädt, hat das mit Schnäppchenjagd nichts zu tun. Kurz vor Weihnachten trifft sich dort alljährlich die Haute Volée der Autosammler zum Saisonfinale – und liefert sich im Ballsaal des Schloss-artigen Baus Bietergefechte um seltene Ferraris und andere prestigeträchtige Italo-Sportwagen.
Das Spektakel beginnt schon lange bevor Auktionator James Knight ab dem frühen Nachmittag neben einem riesigen Christbaum den Hammer schwingt. Während die Damen noch Schminke auftragen oder sich mit dem legendären Clubsandwich für 35 Franken stärken, stürmen die Herren bereits in die Hotelgarage, die an diesen Tag klimatisiert und mit weißem Teppich ausgelegt ist.
Dicht an dicht stehen dort fast 50 hochkarätige Klassiker aus Italien, die auf einen neuen Besitzer warten. Das "Do not Touch"-Schild wird von den Interessenten geflissentlich übersehen. Wer bereit ist, ein paar Millionen auf den Tisch zu blättern, der kauft keine Katze im Sack. Also tauchen immer wieder Auto-Afficionados mit Taschenlampe, Digitalkamera oder Lupe in die Tiefe eines Motorraums. Sie streicheln andächtig übers Lenkrad, in das schon Größen wie Phil Hill oder Hans Herrmann gegriffen haben und atmen still und leise den Duft der Geschichte.
Einige Sammler brauchen dringend Geld
Die Mischung aus Technik und Glamour hat auch in Zeiten der Wirtschaftsflaute offenbar nichts von ihrem Reiz verloren. Durchs Palace-Hotel flanieren – stolz wie die Pfauen – jede Menge Bieter, die offenbar zum Jahresende noch genügend Spielgeld in den Taschen haben.
"Natürlich gibt es ein paar Sammler, die jetzt dringend Geld brauchen und ihre Autos verkaufen", sagt Matthieu Lamoure, der für Europa das Autogeschäft von Bonhams leitet. Über zu geringen Nachschub für Auktionen kann er nicht klagen. Das Gros der Fahrzeugbesitzer aber sei so gut situiert, dass die Wirtschaftskrise bislang noch kaum Spuren hinterlassen hat. "Viele verkaufen längst nicht um jeden Preis", sagt Lamoure und schließt einen Radikalausverkauf zu ruinösen Preisen vorerst aus.
Schwieriger wird jedoch die Situation auf der Käuferseite. James Knight aus London, Autochef von Bonhams, der die Auktion in diesem Jahr selbst leitete, sagt: "Da spüren wir schon eine gewisse Zurückhaltung." Zahlreiche Spekulanten und Investoren hätten das Interesse an teuren Autos verloren. Richtig problematisch sei die Lage allerdings noch nicht, erklärt Knight. "Ich sitze seit 25 Jahren auf dem Podium und habe schon viel schlimmere Zeiten erlebt."
Schnäppchenjagd in Gstaad
Knights Zuversicht besteht in Gstaad den Praxistest. Ein paar Ferrari-Bücher für mehrere tausend Franken, ein Michelin-Männchen für den Preis eines Kleinwagens und ein knappes Dutzend Rennwagen zu siebenstelligen Preisen sprechen nicht unbedingt für eine Flaute am Markt.
Doch so bereitwillig die Bieter mit leichtem Schulterzucken, einem kaum sichtbaren Nicken oder dem Emporrecken der Nummerntafel einen Tausender um den anderen locker machen – ganz so freigiebig ist der Geldadel offenbar doch nicht. Viel zu oft, als dass man von einer erfolgreichen Auktion sprechen könnte, wurde in Gstaad nicht einmal der Schätzpreis erreicht. Die Kunden wird es freuen, weil sie ein Schnäppchen ergattert haben. Doch mancher Sammler wird seine Autos künftig wohl noch etwas länger in der Garage reifen lassen.
Nicht alle Erwartungen erfüllt
Selbst die beiden Stars der Show, die nicht in der Garage, sondern direkt im Konferenzsaal präsentiert wurden, blieben unter Wert. Bei dem auf 2,8 bis 3,8 Millionen Franken (1,8 bis 2,5 Millionen Euro) taxierten 212 Export Spyder von 1951, der unter anderem Dritter bei der Mille Miglia wurde, fiel der Hammer bereits bei 2,15 Millionen Franken (1,4 Millionen Euro). Und für den auf 4,7 bis 6,6 Millionen Franken (3,1 bis 4,3 Millionen Euro) geschätzten 4,4-Liter-Ferrari 121 LM Spyder Corsa von 1955, mit dem Phil Hill und Caroll Shelby bei Rennen wie den 24 Stunden von Le Mans oder der Mille Miglia antraten, wurden nur 3,7 Millionen Franken (2,4 Millionen Euro) geboten.
Es gab jedoch auch ein paar Ausschläge in die andere Richtung. Etwa bei der wahren Bieterschlacht um eine alte Ferrari-Broschüre, die auf 1000 Franken (650 Euro) geschätzt und am Ende für 25.000 Franken (16.350 Euro) verkauft wurde. Ohne, dass er überhaupt eingreifen musste, lieferten sich zwei Gäste ein regelrechtes Duell. Auktionator Knight kann das nur recht sein. Schließlich bekommt seine Firma bei jedem Zuschlag satte Prozente.
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