Aus Steinhöfel berichtet Andrea Reidl
Seit Tagen nieselt es. Der Boden in der märkischen Heide, rund 60 Kilometer südöstlich von Berlin, ist weich wie Knete. Kleine Tümpel und knietiefe Gräben durchziehen das acht Hektar große Gelände - das liegt an den zwölf Panzern, die zwischen Tannenwald und Ackerfeld durch den Schlamm heizen. Ihre Ketten verquirlen Ton, Sand, Kies und feine Steine zu waberndem Matsch.
20 Männer und Frauen stehen am Rande des Parcours. Vergnügt beobachten sie die Schlammschlacht. Am Fehlen von Dreckspritzern auf der Kleidung kann man erkennen, wer noch nicht dran war. Unter den Wartenden ist Mathias Dumalsky, 25 Jahre alt, Versicherungskaufmann, gebucht auf einen Bergepanzer. Die Fahrt hat er von seiner Freundin zum Geburtstag geschenkt bekommen. Jetzt hat er Herzklopfen und kommt sich vor "wie ein siebenjähriger Junge vor Weihnachten".
Dumalsky ist kein Draufgänger. Im Gegenteil, er entspricht ziemlich genau dem durchschnittlichen Panzerschule-Kunden: Er ist sportlich, geht klettern und war auch schon einmal Fallschirmspringen. Für ihn ist das alles ein großer Spaß. Seine größte Angst: den Panzer abzuwürgen. Dass er Kriegsgerät bewegt, interessiert ihn wenig. Die Technik, die Größe und die Geländegängigkeit des Gefährts sind es, was ihn fasziniert.
Sechs Liter Diesel je Kilometer
Dann steht das Stahlross endlich vor ihm: Ein Bergepanzer vom Typ T 55-T, rund neun Meter lang, über drei Meter breit, 34 Tonnen schwer und extrem durstig. Etwa sechs Liter Diesel schluckt der Koloss auf einen Kilometer. Eine Helferin vom Heyse-Betreuungsteam lehnt eine kleine silberfarbene Metallleiter an Dumalskys Panzer. Fünf Sprossen später balanciert der 25-Jährige zur Fahrerluke. Dort wartet Fahrlehrer Matti Heyse. Er stülpt Dumalsky die schwarze Panzerfahrer-Haube über, verkabelt ihn mit dem Sprechfunk und schickt ihn in die Tiefe. Dann klappt er die Luke zu.
Für den Versicherungskaufmann wird es eng. Arme ausstrecken geht nicht. Egal, Dumalsky will fahren. Und das ist ungefähr so einfach wie Autofahren, sagen die meisten Laien nach ihrer ersten Fahrt. Die Grundausstattung ist ähnlich: drei Pedale - Gas, Bremse, Kupplung, nur statt des Lenkrads gibt es zwei Hebel, einen für die linke Kette, einen für die rechte. Das Fahren soll ganz einfach sein. "Vorausgesetzt der Fahrschüler hört gut zu und macht, was ich sage", meint Heyse. Denn im Panzer bestimmt nicht der Fahrer, wo es langgeht, sondern der Kommandant.
35 Minuten ist jeder Fun-Fahrschüler im Gelände, dann kommt der nächste. "Unsere Panzerfahrlehrer brauchen gute Nerven und Humor", sagt Axel Heyse. Sie müssen sich auf jeden Fahrer einstellen: auf Männer wie Frauen, auf unerfahrene sowie erfahrene Panzerfahrer und solche, die vor 40 Jahren zuletzt im Schützenpanzer saßen, aber noch genau wissen, wie es geht.
Ausbildung bei der NVA
Bei der Nationalen Volksarmee (NVA) hat Axel Heyse selbst jahrelang Fahrschüler ausgebildet. Nach der Wende war damit Schluss. Heyse ging zur Kripo. Panzerfahren war passé.
Bis vor neun Jahren. Da entdeckte er während eines Wochenendtrips nach Prag mit seinem Bruder Jörg einen alten Bergepanzer auf einem Schrottplatz. Der T-55 T sollte in die Schrottpresse. Kurzerhand plünderten die Heyse-Brüder ihre Urlaubskasse, kauften den Panzer und fuhren zurück nach Beerfelde nahe Berlin. Drei Jahre restaurierten sie das Stahlross in einer Scheune.
"Das sprach sich natürlich herum", sagt Axel Heyse. Freunde kamen vorbei und wollten mitfahren. Irgendwann kam der Bürgermeister und fragte, ob sie beim nächsten Dorffest mit ihrem Panzer einige Runden drehen würden. Panzerfahren statt Ponyreiten - darauf waren so viele Menschen beim Dorffest wie nie zuvor.
Von diesem Tag an stand Heyses Telefon nicht mehr still. Aus Deutschland, England und Österreich meldeten sich Leute und wollten Panzer fahren. Es waren Technikfreaks, Wehrdienstverweigerer, ehemalige Soldaten oder Frauen, die ihre Männer überraschen wollten. "Panzerfahren auf Privatgelände gab es damals noch nicht in Deutschland", sagt Heyse.
"'Leopard' kann jeder fahren"
Eine Marktlücke mit Möglichkeiten. Die Brüder machten sich selbständig. Mittlerweile haben sie zwölf Angestellte und Verträge mit verschiedenen Eventagenturen. "Seit drei Jahren haben wir Panzerfahren im Programm und seitdem zählt es zu unseren Highlights", sagt Rolf Hecker von der Eventagentur Nolimits24. Rund 200 bis 300 Buchungen habe man pro Monat.
Bei den Heyses steht die Technik im Vordergrund. "Einen 'Leopard' kann heute jeder fahren, der läuft automatisch", sagt der Fahrlehrer. Auf seinem Hof steht vor allem russische Technik, die sei exotisch. "Um unsere Panzer fahren zu können, brauchen die Leute Muskelkraft. Die müssen noch richtig ran und an den Schalthebeln ziehen", sagt Heyse.
Das merkt auch Dumalsky. Aber als der Gang erst mal drin ist, geht es ganz leicht. Zunächst geradeaus, das heißt: beide Hebel nach vorn. Als der 25-Jährige losrollt, ist endlich alles so, wie es sein soll. Der Panzer brüllt, der Diesel stinkt, und das tonnenschwere Ungetüm rollt durch das Schlammparadies wie auf Schienen. In dem Meer aus Matsch, metertiefen Gräben und Steigungen zieht er souverän seine Bahnen - wie ein Containerriese bei Windstärke zehn.
Nach zehn Minuten öffnet Matti Heyse die Luke. Dumalsky darf seinen Sitz hochstellen und beim Fahren herausschauen. Als dann der Schlamm dem Kommandanten in zweieinhalb Meter Höhe an die Ohren spritzt, ist der Fahrer glücklich und sein Lehrer auch.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Auto | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Fahrkultur | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH