Es gibt in Deutschland Straßen, deren geografisch vorzügliche Lage das Reisen im Pkw zu einer angenehmen Ausflugsfahrt macht. Die Autobahn von München nach Hamburg ist keine von ihnen. Quälend lange schlängelt sie sich durch das unerfreuliche Unterfranken, windet sich an urbanen Nichtigkeiten wie Bad Hersfeld vorbei, um den Autofahrer zum Schluss mit der Lüneburger Heide zu langweilen.
Bereits kurz vor Ingolstadt bekam ich ob dieser Streckenführung schlechte Laune. "Wir könnten ja zwischendurch irgendwo rausfahren, wo es schön ist", schlug meine Frau vor. "Wo denn das", grummelte ich, "hier ist doch nichts." Sie rollte genervt mit den Augen. "Wart's halt ab. Da kommen doch immer diese Hinweistafeln mit den Sehenswürdigkeiten."
Damit meinte sie jene braun-weißen Schilder, die von Kommunen neben der Fahrbahn aufgepflanzt werden und im Beamtendeutsch "Touristische Unterrichtungstafeln" heißen. Sie sollen den Autofahrer darauf hinweisen, dass er gerade achtlos an einer tollen Attraktion vorbeibrettert.
Bei Reichertshofen erreichten wir die erste touristische Ballungszone. Binnen hundert Metern standen gleich drei der braunen Schilder. Das erste warb für die Umweltbegegnungsstätte "Haus im Moos". Die zweite pries ein Städtchen namens Neuburg an und versprach eine "Renaissance an der Donau". Das dritte wies, sprachlich etwas ungelenk, das "Kelten Römer Museum Manching" aus.
"Naaa?", frotzelte ich. "Möchtest Du lieber in die Begegnungsstätte für Althippies oder ins Renaissance-Kaff?". Bevor meine Beifahrerin etwas erwidern konnte, schossen wir bereits an den Unterrichtungstafeln für das "Audi Forum Museum mobile" sowie "Ingolstadt: Historische Altstadt" vorbei.
Man lernt eben nie aus. Dass Ingolstadt die Heimat einer Automarke ist, war mir von Berufs wegen geläufig. Aber dass der 1200 Jahre alte Universitätssitz auch eine Altstadt besitzt - wer konnte so etwas ahnen? Fachwerkhäuser - mitten in Bayern!
Die Sache mit den Touri-Schildern mag einmal eine gute Idee gewesen sein. Inzwischen ist das Ganze jedoch außer Kontrolle geraten. Gab es früher lediglich vereinzelt Tafeln, strebt inzwischen jeder Dorfvorsteher danach, seinem namenlosen Flecken eines dieser repräsentativen Schilder zu beschaffen.
Naturpark Nuthe-Nieplitz, Töpferstadt Bürgel, Baumschulgebiet Kreis Pinneberg - insgesamt zählte ich auf meiner Fahrt über 65 Schilder. Das ist eigentlich unmöglich, denn laut Straßenverkehrsordnung darf nur alle 15 Kilometer eine Tafel stehen. Damit sollte vermieden werden, dass jede verfallene Bauernscheune ausgeschildert wird. Aber genau das passiert gerade.
Wie viele Unterrichtungstafeln es insgesamt gibt und wie epidemisch ihre Zahl angestiegen ist, darüber kann man nur mutmaßen. Weder das Bundesamt für Straßenverkehr noch das Verkehrsministerium verfügen über belastbare Zahlen. Da sich Landespolitiker wie der brandenburgische Infrastrukturminister Rainer Dellmann aber damit brüsten, die Zahl der Schilder in ihrer Region "von heute rund 120 auf etwa 270 mehr als verdoppeln" zu wollen, muss man für die nähere Zukunft das Schlimmste befürchten.
Meine Frau wurde unterdessen plötzlich hibbelig. "Das ist doch interessant!", rief sie und zeigte auf das nächste Schild, das vor uns auftauchte: "Arche Nebra Himmelscheibe". "Würde mich tatsächlich interessieren", pflichtete ich ihr bei. "Aber der Tank ist fast leer. Und deshalb fahren wir jetzt erstmal zur Arche Aral."
Die nächsten 500 Kilometer sagte sie nichts mehr, am folgenden Tag war sie ebenfalls recht wortkarg. Im Nachhinein bin ich allerdings ganz froh, keinen Abstecher nach Nebra gemacht zu haben - denn die himmlische Scheibe kann man sich dort überhaupt nicht angucken. Sie liegt nämlich im über 50 Kilometer von Nebra entfernten Halle.
Haben Sie eine besonders randseitige Hinweistafel fotografiert? Dann schicken Sie Ihr Foto an abgewuergt@spiegel.de
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Ach, kommt man nicht? Selten so einen Blödsinn gelesen. Versuchen Sie doch mal folgendes: Rausfahren, den Schildern folgen, auf dem Parkplatz parken, und? Richtig: Reingehen. Täglich (außer Montags) von 10 bis 18 Uhr. Wenn [...] mehr...
Wer schon einmal durch das Nachbarland Frankreich gefahren ist, wird wissen, dass dort auf eine Vielzahl jenseits der Straße gelegener Sehenswürdigkeiten hingewisen wird. Das fängt auf der Natioanlstraße bei dem Ortseingangsschild [...] mehr...
...vielleicht ist das von Bundesland zu Bundesland verschieden. Im Süden der Republik geht's wirklich nach Kilometerabständen. Vielleicht stammt das im Nordosten noch aus der Nachwendezeit (Aufbau-Ost etc.)? mehr...
Doch! Fahren Sie mal auf der A 20 Lübeck - Szczecin/Stettin. Besonders östlich Rostock hat man den Eindruck, durch eine der bedeutendsten Kulturlandschaften unseres Kontinents zu reisen, so viele braune Tafeln weisen da auf [...] mehr...
[QUOTE=sysop;3798448]- bald hat vermutlich jede Scheune ihr Schild, meint Thomas Hillenbrand. ...zumindest bisher war es ein großer Kampf, bis solche Schilder genehmigt wurden. Und es gibt auch Vorgaben, in welchen [...] mehr...
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