Auf dem Weg zur Arbeit lauern mir täglich Punker auf und erbitten Hartgeld. Sie gehören zu einer größeren Gruppe, die nahe der S-Bahn biwakiert. Ihrem Altglasvorrat nach zu urteilen, werden die eingeworbenen Gelder vornehmlich in Bier der Marke Oettinger investiert.
Ich gebe ihnen nie etwas.
Anders verhält es sich, wenn ich mit dem Auto zur Arbeit fahre. Auch hier gibt es buntbehaarte Wegelagerer. In ihren Dead-Kennedys-Shirts stehen sie an der Ausfallstraße. Sobald es Rot wird, stürmen sie die Kreuzung und bieten eine Scheibenpolitur an.
Ich gebe ihnen immer Geld.
Dabei ist meine Scheibe eigentlich sauber - zumindest sauber genug, um den grinsenden Punk mit seinem schmuddeligen Lappen prima sehen zu können. Noch nie habe ich an einer Ampel gestanden und gedacht: "Mensch, wenn jetzt jemand meine Scheibe wienern würde". Dennoch lasse ich die Punks stets putzen.
Anderen geht das Gefeudel hingegen mordsmäßig auf den Zeiger. Zum Beispiel Tanja Trültzsch: Sie verkauft Anti-Putz-Aufkleber, die man sich auf die Windschutzscheibe pappen kann. Darauf ist ein Mensch mit einem Wischer zu sehen, der durchgestrichen ist.
Wer in einer Großstadt wie Berlin oder Hamburg wohnt, der wird täglich ungefähr zehnmal wegen irgendetwas angegangen - und es bleibt wohl nicht aus, dass man angesichts all der Schnorrerei etwas abweisend wird.
Aber der Selberputzer-Aufkleber erscheint mir ungewöhnlich hartherzig. Die meisten Bagaluten halten uns einfach die Hand unter die Nase, was einem nach zehn Stunden auf der Arbeit mitunter sauer aufstößt. Die Wischer hingegen versuchen wenigstens, etwas für ihr Geld zu tun. Natürlich ist die Putzofferte weder sonderlich originell, noch ist sie allzu hilfreich. Aber es ist der gute Wille, der zählt.
Punks putzen nicht gerne
Neulich, an einem nieselig-kalten Hamburger Morgen, tauchte vor meinem Kühler ein Mann mit grünlichen Haaren auf. Auf seinem Pulli stand "Blitzkrieg Bop", in der Hand hielt er einen Putzeimer. Er legte fragend den Kopf schief und malte mir mit seinem Wischer ein kleines Herz auf die Windschutzscheibe.
Vermutlich hätte der arme Kerl auch lieber in einem warmen, trockenen Automobil gesessen. Wer sich diesen Anti-Putz-Sticker auf die Scheibe pappt, der kann fürs Heck gleich noch einen weiteren bestellen. Er ist bereits seit mehren Jahren in Umlauf. Auf ihm steht: "Eure Armut kotzt mich an".
Auf anderen Social Networks posten:
Nach meiner Erfahrung verschmiert ein Oetti die Scheiben nur. Das geklaute Zeugs von den Rumaenen tuts eigentlich ganz gut. Das Beste ist, schoen sauber putzen lassen und dann einen Kavaliersstart hinlegen. mehr...
Und da sage noch einer, Deutschland sei eine Servicewüste... Habe seit neustem, um die Sache etwas abzukürzen und auf den Punkt zu bringen, immer ein, zwei Fläschen Oettinger dabei. Kam schon einige Male sehr gut an. Habe [...] mehr...
Wo es natürlich sehr viel besser als in Deutschland ist. Die Menschen in Südamerika sind einfach gutherziger und das soziale Netz, dass hier die Ärmsten der Armen auffängt, ist ebenfalls besser. Nur so nebenbei, Menschen, [...] mehr...
---Zitat--- Sie fahre einen 69er MG-Roadster und wolle ihren Oldtimer lieber eigenhändig waschen und abledern. Deshalb sind putzbeflissene Punks oder Obdachlose für sie ein "Ärgernis". ---Zitatende--- Spontan [...] mehr...
Warum sind sie so angriffslustig? Ich habe nirgends von "arbeitsscheuem Gesindel" geredet, oder? Ich finde es sogar gut, wenn Leute sich was dazuverdienen möchten, ich habe nur gesagt, dass ein Nein auch akzeptiert [...] mehr...
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