Von Tom Hillenbrand
Wie immer, wenn Behörden im Spiel sind, gilt: Die Zahl der Reglements nimmt stetig zu. Der Verkehrsminister der letzten Bundesregierung wollte 22 Schildertypen einmotten. Passiert ist bisher in dieser Richtung freilich nichts, stattdessen ist ein neues Schild zur Warnung vor Pferdekutschen im Gespräch. Und auch wenn sich ein ganz bestimmtes Schild an einer bestimmten Dorfkreuzung als sinnlos, unverständlich oder widersinnig erweist, heißt das noch lange nicht, dass es abgebaut wird. Deshalb gibt es Spielplätze, in deren Nähe man höchstens 70 km/h fahren darf; Radwege, auf denen striktes Radelverbot herrscht; und Wegweiser zu Behindertentoiletten, die am Fuß einer 30-stufigen Freitreppe stehen.
Das alles ist mitunter ziemlich komisch - obwohl oder vielleicht gerade weil die Verkehrstafel als solche eine bierernste Angelegenheit ist. Ein vom Staat aufgepflanztes Schild ist nämlich nicht nur ein Stück Blech - juristisch gesehen ist es ein "Verwaltungsakt in der Form einer Allgemeinverfügung mit Dauerwirkung". Auch viele Privatpersonen und Unternehmen haben deshalb erkannt: Ein Schild wirkt offiziell und schindet mächtig Eindruck - egal, wer es aufgestellt hat.
Das vielleicht größte Schilderarchiv der Welt
Und so bepflastern auch Schrebergärtner, Parkhausbetreiber oder Restaurantbesitzer die Welt ungefragt mit selbst getexteten Hinweistafeln. Das ist kein großer Aufwand, und man dokumentiert, dass man Vorsorge getroffen und den Rest der Menschheit gewarnt hat - vor was auch immer. Das geht soweit, dass neben einer bodenlosen Schlucht ein Schild mit der Aufschrift "Bitte nicht hinunterspringen" steht.
Diesen alltäglichen Schilder-Wahnwitz wollte SPIEGEL ONLINE 2006 in einer Fotoserie dokumentieren - und forderte die Leser auf, besonders ungewöhnliche Verkehrstafeln einzusenden. An den folgenden Tagen quoll die Mailbox über, und es war klar, dass wir einen Nerv getroffen hatten: Seit der ersten Veröffentlichung der Schrägen Schilder sind über 500 Fotos publiziert worden - und der Strom der Einsendungen hält bis heute an. Fast täglich kommen weitere Schnappschüsse dazu, per Mail und neuerdings auf Facebook.
Was macht den Reiz der schrägen Schilder aus? Vielleicht der Umstand, dass sich jeder von uns schon einmal im Schilderwald verlaufen hat. Unsere Städte sind vollgepflastert mit Verboten, Wegweisern und Anzeigetafeln. Der ADAC schätzt, dass es allein in Deutschland über 20 Millionen Verkehrsschilder gibt, ein Drittel davon überflüssig. Auch außerhalb der Stadt, auf Autobahnen oder Landstraßen, kann man kaum einen Kilometer zurücklegen, ohne mit allerlei verzichtbaren Hinweisen konfrontiert zu werden. Wer möchte etwa auf der A 40 schon darauf hingewiesen werden, dass er gerade eine touristische Sehenswürdigkeit namens "Ruhrgebiet" passiert?
Aus den bisher veröffentlichten Bildern und den Hunderten weiterer Einsendungen, die noch im Archiv von SPIEGEL ONLINE liegen, haben wir nun die 170 besten ausgewählt. Etliche der im Buch "Schräge Schilder" enthaltenen Fotos wurden noch nie gezeigt. Neben widersinnigen Verboten ("Oder-Neiße-Radweg. Radfahrer bitte absteigen") und etwas zu forschen Anweisungen ("Pflicht zur Kotaufnahme!") finden sich viele Schilder, die so aussehen, als ob sie mit Fotoshop erstellt worden wären: Etwa die Warntafel einer Reptilienfarm in Südafrika, die Rollstuhlfahrer vor einem abschüssigen Weg warnt, der am Alligatorenbecken endet.
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