Von Tom Grünweg
Die freundlichen Rentner am Kiosk am Rande Rüsselsheims amüsieren sich köstlich. "Der sieht aus wie eine biedere Familienkutsche und kann jeden Porsche erschrecken", sagt einer und nickt anerkennend. Die anderen pflichten ihm bei. Dann nippen sie synchron an ihrem Äppler und lassen die Augen noch mal über die Karosserie gleiten. Der Wagen verfügt über alle Attribute amtlichen Tunings: gewaltiger Heckspoiler, exorbitanter Doppelauspuff, Kühlrippen in der Motorhaube und weit ausgestellte Kotflügel, gefüllt mit wuchtigen 17-Zöllern, auf denen vorn 235er- und hinten 265er-Reifen aufgezogen sind.
Der Blick der Rüsselsheimer PS-Veteranen gilt nicht dem neuen Opel Insignia OPC mit 325 PS, den die Marke offiziell gerade zum stärksten Serienmodell der Firmengeschichte erklärt hat. Sondern ihre Aufmerksamkeit gebührt dem eigentlichen Stürmerstar der Hessen: dem Lotus Omega von 1989. Die in Großbritannien veredelte Sonderserie des einstigen Opel-Flaggschiffs hat mittlerweile 20 Jahre auf dem Buckel und sieht aus mancher Perspektive aus wie eine unscheinbare Familienkutsche. Doch steckt der Wagen selbst heute noch alle OPC-Modelle in die Tasche. Der Sechszylinder-Motor unter der Haube leistet nämlich 377 PS.
So gerüstet, sprintet der Oldie in 5,4 Sekunden von 0 auf Tempo 100 (Opel Insignia OPC: 6,0 Sekunden), und wo die Elektronik dem aktuellen Aushängeschild des Opel Performance Centers (OPC) bei 250 km/h den Saft abdreht, stürmt der Omega überraschend spurstabil weiter bis 283 km/h. So schnell war damals kein anderer Viertürer weltweit. "Selbst die meisten Sportwagen mussten die linke Spur räumen, wenn dieser Omega sich im Rückspiegel breit machte", erinnern sich die kundigen Zeugen am Kiosk. Dass diese Schwärmerei mehr ist als historische Verklärung, belegt der Blick in die Archive der Fachpresse. In deren Tests hat Opel mit dem Modell Lotus Omega zum wahrscheinlich ersten und einzigen Mal sogar einen Ferrari geschlagen: Dem Testarossa war die Limousine bei der 200-km/h-Marke um mehr als zwei Sekunden voraus.
Ein Blitz, der seinen Namen wirklich ernst nimmt
Dass dieser Opel wirklich ein Blitz ist, sieht man ihm kaum an. Ja, es gibt die schon erwähnten Insignien großsprecherischen Tunings. Doch bei flüchtiger Betrachtung würde der Lotus Omega auch als im Hinterhof getunte Vierzylinder-Limousine durchgehen. Und wer einsteigt, wähnt sich erst einmal in einer noblen Familienkutsche. In waschechten Sportwagen kauert man meist in engen Sitzschalen, hier thront man auf bequemen Sesseln mit Bezügen aus feinem Conolly-Leder, im Fond ist reichlich Platz für den Nachwuchs, und während man bei Porsche & Co. sparsam packen muss, darf man im Omega ordentlich einladen.
Die kleine Plakette auf dem Deckel des Handschuhfachs enttarnt den Wolf im Schafspelz. Mit dem Logo von Lotus und einer dreistelligen Seriennummer macht das Schildchen klar, dass dieser Omega nicht aus Rüsselsheim, sondern aus englischen Hethel kommt und dort getunt wurde. Der britische Sportwagenhersteller war von 1986 bis 1993 Teil des General-Motors-Konzerns und damit der ideale Partner für die Hessen.
Bei Lotus in Hethel wurde der Reihensechszylinder auf 377 PS getunt
Die britischen Ingenieure bohrten den drei Liter großen Reihensechszylindermotor des Omega auf 3,6 Liter Hubraum auf und fügten zwei Turbolader hinzu. Resultat: Das Triebwerk wird zum Kraftwerk und leistet 377 statt 177 PS. Gleichzeitig klettert das maximale Drehmoment auf 557 Nm, und die Maschine macht infernalischen Krach. Um die Kraft in Zaum zu halten, bekam der Omega das Sechsgang-Getriebe der Corvette ZR1, das auch heute noch einen festen Tritt und einen starken Arm erfordert.
Allerdings blieb von den 907 gebauten Exemplaren nicht nur den Rentnern am Kiosk kaum mehr als die Erinnerung. Das Auto war ein Turbo im Tarnkleid. Die Chance, heute noch an einen Lotus Omega zu kommen, ist minimal: Nur 400 Autos wurden nach Deutschland geliefert und den Kunden bei einer kleinen Zeremonie auf dem Opel-Testgelände in Dudenhofen übergeben. Nach einer Schätzung des Fachblatts "Motor Klassik" haben davon allenfalls ein Viertel die vergangenen 20 Jahre überlebt. Entsprechend rar sind die Kraftmeier in den einschlägigen Gebrauchtwagenportalen, wo man selbst bei Autos mit hoher Laufleistung kaum unter 30.000 Euro fündig wird. Gemessen am ursprünglichen Preis ist das allerdings ein Schnäppchen. Denn der Lotus Omega war nicht nur der stärkste, sondern mit 125.000 Mark auch der bislang teuerste Opel aller Zeiten.
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