Von Tom Hillenbrand
Paradoxerweise könnte gerade die gestiegene Mobilität einer der wichtigsten Gründe für den Niedergang des Autos als Statussymbol sein. Wer privat oder geschäftlich viel unterwegs ist, gewinnt eine völlig neue Mobilitätserfahrung. Er möchte zügig von A nach B gelangen - das "Wie" ist zweitrangig. Das Auto wird für den globalen Nomaden zu einem Glied in einer Kette austauschbarer Verkehrsmittel, die man zwar benötigt, die einem aber nichts bedeuten.
Gleichzeitig sind die vorherrschenden Objekte der Begierde heute schlichtweg andere. Noch bis in die neunziger Jahre galt, dass es für einen jungen Menschen im Wesentlichen zwei Möglichkeiten gab, sich abzugrenzen oder auf sich aufmerksam zu machen: Klamotten und Autos. Heute stehen Pkw bei Jugendlichen - wenn überhaupt - ziemlich weit hinten auf der Wunschliste, lange nach iPods, Playstations und anderen Gadgets.
Entscheidend mag ferner der Trend sein, Dinge nicht mehr zu erwerben. Musikstücke, Software, Zimmerpflanzen - alles lässt sich mieten. Wer mit diesem Konzept aufgewachsen ist, dem muss es relativ absurd erscheinen, 50.000 Euro für einen Gebrauchsgegenstand zu zahlen. Ironischerweise war es gerade die Autoindustrie, die mit Leasing-Angeboten einer der Pioniere jenes Miettrends war, der nun zur Entwertung ihres eigenen Produkts beiträgt.
Aufgebläht und fratzenhaft
In der Rückschau kann man an Modellpolitik und Designs der vergangenen Jahre ablesen, dass Autofahrern und -herstellern das Problem der schwindenden Strahlkraft zumindest unterschwellig bewusst gewesen sein muss.
Es ist wohl kein Zufall, dass die sogenannten Sport Utility Vehicles, jene grotesk aufgeblähten Pseudo-Geländewagen, gerade in dem Jahrzehnt beliebt wurden, in dem der Nimbus des Automobils zu schwinden begann. Weil herkömmliche Autos ihren Fahrern nicht mehr so viel Anerkennung eintrugen, versuchten die Besitzer, das entstandene Defizit durch noch größere Fahrzeuge zu kompensieren. Wagen wie der Hummer, die selbst auf US-Highways zwei Spuren blockierten, waren dazu ideal, schindeten sie doch durch ihre schiere physische Präsenz Eindruck.
Am anderen Ende der Skala, bei den Kleinwagen, änderte sich etwa zur gleichen Zeit die Optik. Die Designer betonten nun das "Gesicht", jenes Triptychon aus Scheinwerfern, Schürze und Kühlergrill und übersteigerten die Fahrzeugfront ins Fratzenhafte. Autos schauten nun grimmig, bleckten die Zähne und rissen das Maul auf. Hinzu kamen gewellte und gebeulte Seitenbleche - hier sprach man von Muskeln. In der Retrospektive erinnert das alles an eine verblassende Schönheit, die verzweifelt versucht, dem eigenen Verfall mit immer dicker aufgetragenem und immer grellerem Make-up Einhalt zu gebieten.
Als wichtigste zeitliche Zäsur, nach der sich das Auto in das Spalier gesichtsloser Gebrauchsgegenstände wie Toaster, Rasenmäher und Kühlschrank einreihte, könnte eines Tages die Abwrackprämie gelten. Sie war in der Retrospektive nicht nur ein Konjunkturprogramm. Sie war das größte automobile Downgrading der Geschichte.
Zuvor hatten wir ein halbes Jahrhundert lang nach dem nächsten, größeren, schnelleren Auto gestrebt. Nun bot uns der Staat eine Handvoll Euro, wenn wir unseren hart erarbeiteten Mercedes oder BMW gegen einen seelenlosen, unprätentiösen Kleinwagen eintauschten - und wir griffen bereitwillig zu.
Die Stimmung bei den meisten Autohändlern glich in der Hochphase der Abwrackprämie der bei einem Elektro-Discounter. Hier ging es nicht mehr um Motorenträume, um Freiheit, Sex oder Macht - sondern um Schnäppchen auf dem Grabbeltisch. Mit dem abgewrackten Auto landete für viele das letzte bisschen automobile Emotion in der Schrottpresse.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Auto | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Fahrkultur | RSS |
| alles zum Thema Die 2000er | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH