Von Tom Hillenbrand
Großunternehmen sind wunderliche Organisationen. Sie verfügen über Scheffel von Geld und beschäftigen Bataillone hervorragender Gehirne. Derart gut ausgestattet können sie bemerkenswerte Wunderwerke schaffen - Jumbojets, hundertstöckige Hochhäuser oder winzige Taschencomputer.
Manchmal jedoch steht diesen Leviathanen ihre eigene Größe im Weg.
Dann kreist ein Konzern und gebiert nach Hunderten kick offs, inter-department workshops und brainstorm meetings etwas, das vielleicht besser nie das Licht der Welt erblickt hätte.
General Motors gilt als Spezialist für so was. Lange hat das Unternehmen bizarre Entscheidungen in Serie produziert. Nach dem zwischenzeitlichen Bankrott soll das nun besser werden - und das Symbol dafür ist der Chevrolet Volt, ein Elektroauto, mit dem GM den Massenmarkt erobern will. Der Volt soll zeigen, dass "The General" wieder Vehikel bauen kann, die technologisch ganz weit vorne sind und bei den Kunden ankommen.
Spiel mir das Lied vom Volt
Über Letzteres macht sich Maria Rohrer Gedanken, die Volt-Marketing-Verantwortliche. Sie soll Konsumenten das Elektroauto nahebringen. Rohrer hat sich dafür entschieden, einen Sesamstraßen-Ansatz zu wählen. "Wir wollen in einer familienfreundlichen Weise informieren, um ein komplexes Produkt unterhaltsam verständlich zu machen", sagte sie dem Blog GM-Volt.com.
GM hat deshalb "Chevy Volt and me" komponieren lassen, einen Song nebst Tanznummer.
Es ist der weltweit wohl erste Versuch, eine mit Techniktermini vollgestopfte Pressemitteilung zu vertonen. Das Ergebnis ist (und in diesem Fall müssen abgedroschene Sprachbilder einfach mal erlaubt sein) ein Totalausfall, ein Kurzschluss, ein Blackout, bei dem in der PR-Abteilung alle Sicherungen durchgeschmort sein müssen.
Der Refrain "E for Electricity, V for Chevy Volt an me" ist zwar recht eingängig. Dennoch würde das Lied wohl selbst einem leidgeprüften Profi-Caster wie Dieter Bohlen Ohrenbluten bescheren.
Die länglichen, wenig schmissigen Textzeilen ("You get up to 40 miles of emission free clean energy") wurden von einem arrhythmischen Werbetexter ohne Rücksicht auf Tempi und Tonleitern verfasst, so dass es übel holpert. Man muss der namenlosen Sängerin zugestehen, dass sie ihre Aufgabe, sich durch die PR-Lyrik zu leiern, tapfer absolviert - sie piepst und trällert, was ihr Stimmchen hergibt.
Tanzschul-Breakdance und Shakira-Glissaden
Die öffentliche Erstaufführung des Strom-Schlagers fand zunächst weitgehend unbemerkt auf der Los Angeles Autoshow 2009 statt und wurde von einem Amateurfilmer festgehalten (siehe Video oben). Zum Glück, denn ansonsten wäre der Weltöffentlichkeit verborgen geblieben, dass die GM-Marketing-Abteilung zur Aufführung seiner Hymne auch eine Vierertanzgruppe engagiert hat.
Diese bewegt sich so anmutig wie die Laientanzgruppe Detroit-Süd bei der jährlichen Schulaufführung. Der Stil, eine Melange aus Tanzschul-Breakdance, Dauerwellen-Geschüttel und verunglückten Glissaden, ist schwer zu verorten. Er lässt sich vielleicht am besten als Mashup aus Shakira-Video und Village-People-Auftritt beschreiben.
Im Internet hat das Filmchen bereits Kultstatus. Ein Kommentator schlug vor, die misslungene Performance ließe sich dadurch aufpeppen, dass GM-Präsident Ed Whitacre "im Tanga mittanzt". Unwahrscheinlich, dass GM dem extravaganten Verbesserungsvorschlag folgt.
Allerdings: Bei einer Marketing-Abteilung, die eine Tanznummer wie den Volt-Song durchwinkt, scheint eigentlich alles möglich.
Auf anderen Social Networks posten:
Von Strategie kann keine Rede sein - was GM anfasst wird zu Scheisse. Ist ein Lehrstück wie Soziopathen Ihre Dysfunktion auf eine Firma übertragen. mehr...
....ist doch ganz pfiffig und hat Ohrwurm-Potential. Die Art der Präsentation legt jedoch nahe, daß dort jemand seine Handykamera bei einer Probe draufgehalten hat. mehr...
....Sie alten Tanzexperten Sie, was ist denn eine Glissade???? mehr...
Vielen, vielen Dank für diese url-Sammlung mit absolut grotesken Musikstücken. insbesondere das Deutz-Fahr Lied ist ein Genuß. mehr...
e for electricity, c for chevy volt and me...^^ ein ohrwurm ohne ende. und eine durchweg clevere kampagne. einer der seltsamsten, realitäts-und zeitgeistfernsten artikel, die ich jemals auf SPON gelesen habe... was wäre [...] mehr...
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