Aus Hanstedt II berichtet Jochen Vorfelder
Der Rennabbruch nach nur zwei Stunden ist abzusehen. Es hat den ganzen Freitag geregnet und es kübelt immer noch. Das Technische Hilfswerk und die lokale Feuerwehr sind nervös; in Osnabrück hat es Katastrophenalarm gegeben. Auch in Hanstedt II bei Uelzen, auf dem Acker unter den Rotoren des lokalen Windparks, ist die Lage Ende August verheerend. Die Strecke quer durch die Furchen und Weizenstoppel ist nach den ersten Runden knietief verschlammt. Die Fahrzeuge sind für ein solches Terrain nicht ausgelegt; sie stecken fest. Eine Handvoll PS und Automatik haben gegen Schlick und Schmodder keine Chance.
Klar auch, in Hanstedt II sind keine Cross-Geräte oder Werksmaschinen am Start, sondern ausgemusterte Roller: von achtzehn Hobby-Teams aus der Umgebung zusammengebaut, beim TÜV aus dem Giftschrank geklaut, teilweise auf Ebay ersteigert, mit Klebeband und Blumendraht getunt. Flott gemacht zu dem einzigen Zweck, 24 Stunden lang mit an Phlegma grenzendem Starrsinn und Ehrgeiz im Kreis zu fahren und das Rollerrennen zu gewinnen. Darauf haben die Teams zwölf lange Monate gefiebert; und jetzt? Im improvisierten Fahrerlager, wo unter den Planen vom Baumarkt rund 180 Mann drauf brennen, Runden zu drehen, macht sich Frust breit. Soll es das schon gewesen sein? Bloß am Grill rumlümmeln und erbarmungslos Bier trinken?
Axel Wortmann kennt solche Momente der drohenden Katastrophe. Der Computer-Fachmann organisiert das Rennen seit einigen Jahren, er bleibt ruhig. "Letztes Jahr hatten wir Staubalarm. Da war es so trocken, dass wir mehr oder weniger in einer großen gelben Wolke verschwunden sind. Das war viel schlimmer. Schlamm? Kein Problem." Wortmann hängt sich ans Telefon und verhandelt mit dem Bauern. "Alles klar, Tschö", ruft Wortmann. Der Bauer kommt, mit dem großen Trecker und der Schiebkufe am Geschirr. Stoisch pflügt er seine Runden unter der Flutlichtanlage. Nach einer Stunde ist es geschafft. Jetzt liegt die Rennstrecke zwar einen halben Meter tiefer, aber ist halbwegs trocken. "Sach ich doch", sagt Wortmann und fährt mit seinem Quad von Team zu Team. Neustart ist um halb elf; das Rennen geht weiter.
Folklore im Niedersächsischen
In der niedersächsischen Provinz sind kulturellen Höhepunkte selten. In Hanstedt II gibt es kein Schützenfest. Die Männer vom Land sind entweder bei der Feuerwehr oder beim Technischen Hilfswerk. Oder sie organisieren sich in Rennteams für das 24-Stunden-Spektakel: Die Hanstedter Windhunde sind dabei, das Dreckige Dutzend, die Rennschnecken, die Black Devils. Oder Motorrad-Technik Melzingen, die im Vorjahr gewonnen haben, und FeuerHeuer, die von einem Motorradhandel in Uelzen gesponsert werden.
Unterstützen und Mitmachen tun so ziemlich alle in der näheren Umgebung. Renntage sind Ehrentage. Die Bauern, denen ein Teil des Windparks gehört, stellen die Strecke und liefern die Strohballen. Sie richten auch den Flurschaden. Meyers Gasthaus stellt die Getränkelage sicher; die Freiwilligen von der Wehr bleiben bei ihrem Kerngeschäft, dem Feuer. Sie grillen, traditionell. Wortmann und seine Frau Sandra sind zusammen mit den beiden Eickhoffs der harte Kern, die das Ganze organisatorisch zusammen halten. "Na ja, unterm Strich kostet uns das Rennen immer noch so um die 6.000 Euro, die wir irgendwie aufbringen müssen," rechnet Wortmann vor. "Bisher hat immer noch irgendjemand was in die Kasse getan." Wenn etwas übrig bleibt, wird es gespendet.
Die Fahrer selbst zahlen nur ein kleines Startgeld; für einen Zehner ist man dabei in einer illustren Runde aus Dorfjugend und bitteren Konkurrenten aus dem Landkreis. Manche Teams rüsten neuerdings gar mit Gastfahrern auf. Beispiel FeuerHeuer: Neben Feuerheuer - der wirklich so heißt - haben Bekannte von Bekannten sowie zwei schnelle Kuttenjungs von den Coyoten - einem Motorrad-Club aus Lüneburg - und einige vom MC Hägger Germany angeheuert. Gefahren muss bei dem Rennen im steten Wechsel. Denn nach ein paar Runden auf dem Ackergrund sind auch die stärksten Biker platt und das regelmäßige, hochprozentige Flüssigdoping am Abend ist der Kondition eher abträglich.
Schlaf ist überbewertet
Die Nacht ist hart, das Morgengrauen noch härter. Kräfte einteilen; die beiden Coyoten haben sich zwischenzeitlich auf ein Mütze Schlaf in einen Kombi zurückgezogen. Bei manchen anderen Teams ging es nicht so kommod zu, ein Campingstuhl musste reichen. Doch jetzt kommen ein paar Sonnenstrahlen durch; Zeit, die Wunden zu lecken. Die Rennschnecken sind ausgefallen, die Black Devils auch. Motorschaden nach 51 Runden. Die Bordsteinschwalben schrauben an ihrer Schwalbe, doch es sieht nach einem hoffnungslosen Fall aus. An der Spitze ist man schon weiter: Als gegen Mittag die Gulaschkanone zur allgemeinen Stärkung auffährt, hat sich Motorrad-Technik Melzingen einen Vorsprung vor FeuerHeuer und Sam-Buca erarbeitet.
Ob das bis 18 Uhr, bis zur Zieleinfahrt reicht? Ja, es reicht, der Sieg geht wie im letzten Jahr an die Melzinger. Denn FeuerHeuer fährt in den letzten der 24 Stunden entscheidend geschwächt: Der Roller läuft wie ein Uhrwerk, obwohl das Teil bereits einige überflüssige Teile wie Rücklicht und Verkleidung verloren hat. Aber das Team bröselt. Einer der schnellen Coyoten muss los, seine Schwester hat ihn zu ihrer Geburtstags-Party beordert. Da werden selbst die ganz harten Biker-Boys schwach.
Aber nächstes Jahr gibt ja wieder eine Chance auf den Sieg: "Ist doch 'ne Spitzensache, sind wir mit Sicherheit wieder bei, ne?" Klar. Gibt ja sonst nicht viel zum allgemeinen Amüsement, rund um Hanstedt II auf dem platten Land.
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Das ist so bekloppt, dass es schon wieder gut ist. mehr...
Geilomat! Bin mal durchs Netz gestöbert, aber nix gefunden. Vielleicht weiß ja hier jemand mehr: Gibt´s soetwas auch am Niederrhein? mehr...
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