Von Jürgen Pander
Alfa-Wetter sieht anders aus. Alfa-Wetter - das bedeutet Sonnenschein und milde Temperaturen. Doch ausgerechnet jetzt schüttet es wie aus Kübeln und der Himmel sieht nicht so aus, als wolle er den Hahn gleich wieder zudrehen.
Zum Glück hat Detlev Segger ein Frotteehandtuch dabei, um die Pfütze, die sich im Fußraum seines Alfa Romeo Giulia Spider 1600 aus dem Baujahr 1965 bildet, gleich wieder trockenzulegen. Segger, Rechtsanwalt aus Münster, ist seit zwei Jahren 1. Vorsitzender des "Clubs klassischer Alfa Romeo Fahrzeuge e.V." und damit Oberhaupt von rund 200 Alfisti aus ganz Deutschland, Italien und der Schweiz. "Ganz dicht ist das Auto nicht", sagt Segger über sein top-restauriertes Cabrio, ein Importmodell aus Kalifornien, auf dessen schwarzes Stoffdach der Regen prasselt.
Mit kleinen Wassereinbrüchen halten sich Alfa-Fans wie Segger nicht lange auf. Der 50-Jährige fährt seit 32 Jahren Modelle der Marke aus Mailand, außer dem betagten Spider derzeit noch einen Alfa 166. Gleich sein erstes Auto, das er nach dem Führerschein erwarb, war ein Alfa Spider Fastback. "Den Nimbus der Marke, die Form der Autos - ich fand das schon immer klasse", sagt Segger. Und die ewige Alfa-Unzuverlässigkeit? Die kapriziöse Technik? Die mangelhafte Qualität? "Ich weiß, davon ist ständig die Rede", sagt Segger, "und mir geht das ein bisschen auf die Nerven." Schließlich sei er in 32 Jahren nur ein Mal mit einem Alfa liegen geblieben - mit gerissenem Keilriemen.
"Wenn Alfa-Modelle zicken, liegt das oft daran, dass sie falsch behandelt werden", sagt der Club-Vorstand. "Ein klassischer Doppelnockenwellenmotor von Alfa hat zum Beispiel sieben Liter Öl. Und das kommt eben erst allmählich auf Betriebstemperatur. Wenn ich mich da ins Auto setze und gleich wild aufs Gas trete, weil der Motor dann so schön klingt - dann krieg' ich natürlich Probleme." Behutsames Warmfahren lautet daher Seggers Tipp für alle Alfa-Oldie-Einsteiger.
Dem zweiten Vorsitzenden des Clubs, Detlef Nussbaum, muss er das natürlich nicht sagen. Der ist ebenfalls durchs Regenwetter zum Treffen mit SPIEGEL ONLINE gekommen - mit einem Alfa Romeo 6C 2500 SS Pininfarina Cabriolet aus dem Jahr 1949. Das ebenso elegante wie monumentale Auto gehörte damals zur Crème des Fahrzeugbaus. Die Motorhaube ist zweigeteilt und sieht geöffnet aus wie ein blecherner Schmetterling. Drunter sitzt ein Reihensechszylinder mit zwei obenliegenden Nockenwellen, zweieinhalb Liter Hubraum und 110 PS Leistung.
Der Kutter, der mal einer der begehrtesten Sportwagen der Welt war
Der Wagen fährt sich wie ein Kutter - das ist jedenfalls die erste Assoziation, wenn man sonst fast ausschließlich moderne Autos kennt. Ungewohnt ist das große, spindeldürre Lenkrad, die Handschaltung sowieso und auch die Kraft, mit der man die Pedale treten muss. Dann setzt sich das wuchtige Gefährt in Bewegung und man denkt an Nussbaums Einschätzung, das Auto sei rund 250.000 Euro wert, blickt durch den prasselnden Regen nach vorne und gibt sich alle Mühe, das Schmuckstück auf Kurs zu halten. So also fühlte sich vor 60 Jahren ein Luxussportwagen an.
Irgendwann hört der Regen dann doch auf, und drei Alfa-Romeo-Generationen - der 6C, der Spider und das jüngste Modell der Marke, der Kompaktwagen Giulietta, schnüren über abgelegene Landstraßen. Eigentlich könne man mit Oldtimern, erklären Segger und Nussbaum übereinstimmend, heute nur noch auf Nebenstraßen entspannt unterwegs sein. "Ungefähr seit Mitte der neunziger Jahre hat sich die Verkehrssituation in Deutschland derart verändert, dass das Fahren mit alten Autos auf den Hauptstrecken einfach keinen Spaß mehr macht, ganz zu schweigen von der Autobahn", sagt Segger.
Mit dem an sich genialen Alfasud begann die Tragik von Alfa Romeo
Der "Club klassischer Alfa Romeo Fahrzeuge e.V." kümmert sich um Alfa-Modelle bis ungefähr Baujahr 1970, jüngere Typen werden eher skeptisch betrachtet. Die Zäsur fällt in etwa zusammen mit dem Debüt des Modells Alfasud. Das 1971 vorgestellte Auto - eine Art Mutter aller späteren Kompaktwagen - war das erste Modell der Marke mit Frontantrieb, es wurde von einem Boxermotor angetrieben und in der damals neuen Alfa-Fabrik nahe Neapel gebaut. "Die Verarbeitung des an sich genialen Wagens war katastrophal. Die Bleche stammten angeblich aus Russland, und bearbeitet wurden sie von ehemaligen Tagelöhnern aus der Landwirtschaft", sagt Segger. Selbst vom damaligen Alfa-Chef Gaetano Cortesi sind Spötteleien über die unzureichende Qualität überliefert.
Vergangenheit. 1986 übernahm Fiat die Mailänder Marke, die zu diesem Zeitpunkt eher dahin siechte und von der Erinnerung an einstigen Glamour und ehemalige Erfolge lebte. Unter anderem gewann Alfa die klassische Mille Miglia (11 Siege in 24 Rennen) so oft wie keine andere Marke. Heute wird zumindest das Design - von jeher eine Alfa-Paradedisziplin - wieder stark gepflegt. Die Optik der neuen Giulietta? Das Expertenurteil von Seggers und Nussbaum: "Mit den Klassikern nicht zu vergleichen, aber doch unverkennbar ein Alfa Romeo."
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