100 Jahre Bugatti Auto-Extremismus im Zeichen des Hufeisens

Warum die offizielle 100-Jahr-Feier von Bugatti ausgerechnet jetzt stattfindet, kann wohl niemand so genau sagen - doch dem eigensinnigen Firmengründer Ettore Bugatti hätte das rätselhafte Datum wohl gut gefallen. In Molsheim, am neuen alten Firmensitz, wird jedenfalls exquisit gefeiert.

AFP

Von Jürgen Pander


Rund 200 Gäste sind geladen, etwa 40 Bugatti-Fahrzeuge werden erwartet - und dann wird das 100-Jährige zelebriert. Es laufen alte Stummfilme von frühen Autorennen, die von einem Pianisten live vertont werden; es ist eine Kunstausstellung mit Werken von Ettore Bugattis Vater Carlo und seinem Bruder Rembrandt zu sehen; der Luxusuhrenhersteller Parmigiani Fleurier und der Juwelier Freiesleben demonstrieren ihre Handwerke. Und im Merchandise-Geschäft gegenüber des Schlosses wird unter anderem der Herrenduft "Bugatti pour Homme" von Jacques Bogart vorgestellt. Schon daran merkt man, dass hier keine normale Automarke einen runden Geburtstag feiert.

Bugatti ist eine der schillerndsten Marken in der Welt der motorisierten Fortbewegung. Der Gründer Ettore Bugatti, Spross einer Künstlerfamilie aus Mailand, baute während seiner Lehrzeit mit 18 Jahren sein erstes Motorfahrzeug - ein Dreirad mit Einzylindermotor. Das Vehikel gilt in der fortlaufenden Zählung der Bugatti-Schöpfungen als Typ 1. Typ 2 entstand kurz darauf, hatte bereits vier Räder, und mit diesem Wagen gewann Ettore Bugatti 1901 den Grand Prix in Mailand. Prompt war der junge Mann mit dem außergewöhnlichen Talent in der Mobilistenszene berühmt.

Es folgten ereignisreiche Jahre, die Bugatti zur elsässischen Firma de Dietrich, zur Société Alsacienne de Construction Méchanique und schließlich zur Deutz AG nach Köln führten. Nach kaum zwei Jahren jedoch, am 15. Dezember 1909, trennte sich die Gasmotorenfabrik von dem Konstrukteur, der als eigensinnig und schwierig galt, und zahlte ihm eine hohe Abfindung. Mit dem Geld kaufte Bugatti die leerstehenden Gebäude einer ehemaligen Färberei im elsässischen Molsheim. Er zog mit seiner Familie dort hin, um eine eigene Autoproduktion zu beginnen.

1910 kam die Fabrikation in Gang, die erste Baureihe aus Molsheim war der Bugatti Typ 13 - das Ur-Modell der Serie hatte Bugatti bereits während seiner Zeit bei Deutz in Köln im Keller seines Hauses konstruiert. Das Auto wurde zum Erfolg, Bugatti entwickelte im Auftrag von Peugeot eine Version (Bébé-Peugeot) für den französischen Hersteller und verkaufte Lizenzen auch an die deutsche Firma Rabag, den italienischen Hersteller Diatto und das englische Unternehmen Crossley.

Als der Erste Weltkrieg begann, werkelten bei Bugatti rund 200 Mitarbeiter, und es entstanden pro Monat 75 Autos. Nach Kriegsausbruch floh Bugatti mit seiner Familie erst nach Mailand, später nach Paris und konstruierte Flugzeugmotoren. 1919 wurde die Fabrik in Molsheim, das nun nicht mehr in Deutschland, sondern in Frankreich lag, wiedereröffnet. Die Autoproduktion lief an, 1922 erschien der Typ 22, den es unter anderem mit 100-PS-Motor und Stromlinienform-Karosserie gab.

Der Bugatti Royale - das maßlose Auto

Für Bugatti waren die zwanziger Jahre golden. Mit dem Typ 35 führte das Unternehmen den bis heute typischen, hufeisenförmigen Kühlergrill ein. Außerdem feierten Bugatti-Rennwagen zahlreiche Siege, unter anderem fünfmal bei der Targa Florio auf Sizilien sowie etliche Grand-Prix-Triumphe. Je nach Zählung ist der Typ 35 mit mehr als 2000 Siegen bis heute der erfolgreichste Rennwagen der Motorsportgeschichte. Vielleicht war es etwas zu viel des Guten. 1926 nämlich begann Bugatti mit der Konstruktion des Über-Autos Royale (Typ 41), unter dessen riesenhaften Bug ein 8-Zylinder-Motor mit 12,7 Liter und 300 PS Leistung steckte. Der Wagen kam ausgerechnet in einer Zeit auf den Markt, als die Wirtschaft lahmte; er wurde ein Flop, lediglich sechs Modelle wurden gebaut.

Das meistverkaufte Modell der Firmengeschichte folgte 1934; vom Bugatti Typ 57, der in unterschiedlichsten Karosserievarianten gebaut wurde, entstanden knapp 800 Modelle. Entworfen hatte das elegante Auto Jean Bugatti. In einem der Wagen verunglückte der Sohn und designierte Nachfolger des Firmenchefs am 11. August 1939 tödlich bei einer Testfahrt nahe des Fabrikgeländes. Der Unfall war wie ein Fanal und der kurz darauf beginnende Zweite Weltkrieg die Katastrophe - auch für Bugatti.

Nach dem Krieg kam Bugatti nicht wieder auf Touren

Die Fabrik in Molsheim wurde zerstört, und der Neubeginn gestaltete sich schwierig. 1947 verstarb Ettore Bugatti, sein zweiter Sohn Roland übernahm die Geschäftsführung. Doch die Nachkriegsmodelle - Bugatti baute noch bis 1956 einige Limousinen und Rennwagen - erreichten weder die Eleganz früherer Modelle, noch stießen sie auf Interesse bei der Kundschaft. Bis 1963 erledigte Bugatti noch Reparaturen und Umbauten, dann fusionierte die Firma mit Hispano-Suiza.

Erst Ende der achtziger Jahre kam wieder Leben in die Marke, nachdem der italienische Unternehmer Romano Artioli die Rechte erworben hatte. Es entstanden etwa 120 Supersportwagen und einige Prototypen, ehe die Bugatti-Rechte 1998 von Volkswagen gekauft wurden. Nach einigen Studien und enormen technischen Hürden debütierte 2005 der Extremsportwagen Veyron: 16 Zylinder, 1001 PS, 407 km/h schnell und gut eine Million Euro teuer. Circa 250 des auf 300 Exemplare limitierten Modells sind nach Bugatti-Angaben bereits verkauft. Eventuell entscheidet sich ja auch ein Gast der Jubelfeier im frisch restaurierten Firmensitz Chateau St. Jean für den Erwerb eines der rasanten Autos mit dem großen Namen.



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