30 Jahre BMW GS-Motorräder Brot und Butter für die Bayern

Seit 1980 haben die Motorrad-Bauer von BMW über 550.000 GS-Motorräder ausgeliefert. Ohne diesen Dauerbrenner hätte die letzte große deutsche Zweirad-Marke wohl kaum überlebt. Zum Jubiläum war SPIEGEL ONLINE mit dem Original unterwegs.

Von

Jochen Vorfelder

Knut Gerken wohnt in Rethwisch bei Bad Oldesloe auf einem Fachwerkhof und betreibt dort die Werkstatt "Strauß & Gerken". Rethwisch ist eines dieser norddeutschen Dörfer, in denen Detlev Buck Flens-Werbung oder eine Fortsetzung von "Wir können auch anders ..." drehen könnte. Vor Gerkens Werkstatt steht eine Bank, auf der drei schweigsame Männer ihre Bierflaschen ploppen lassen könnten. Gerken könnte in diesem Heimatfilm selber mitspielen. Er redet auch eher wenig und begrüßt alle Besucher mit "Min Jung".

Der Mann hat viele Besucher, denn er ist in Norddeutschland der Experte für alte BMW-Motorräder. Bei Gerken ploppt nichts, es boxt. Wenn die Vertragshändler nicht mehr weiter wissen mit den Oldtimern, schicken sie die verzweifelnden Kunden zu Gerken. "Trink erst ein Tass Kaffe, min Jung", sagt Gerken zu Begrüßung. Nach zwei Tassen geht's dann ans Eingemachte: Hinter seiner Werkstatt erstreckt sich ein Abenteuerland für Freunde der BMW GS. Gerken hat von den Maschinen, mit denen BMW Motorrad seit 1980 sein Auskommen sichert, wohl ein Dutzend gebunkert. So genau weiß er das auch nicht, in welchem Zustand sich welche GS oder frühe G/S befindet. Sei's drum, an einer seiner Schätze hat mir Gerken eine rote Nummer geschraubt. Eine R 80 G/S, Baujahr 1984, Dakar-Ausführung soll es werden: "Sieh dich vor, min Jung. Fährt sich anders als die Maschinchen von heute."

Historisches Schweinetreiben

Rethwisch liegt auf dem platten Land. Das hat Vorteile. Man braucht keine guten Bremsen wie bergab in den Alpen. Das hat aber auch Nachteile. Am Ende des Waldwegs kommt meisten eine enge, rechtwinklige Kurve. Da muss man bremsen und runterschalten. Das sollte man, wenn man moderne Bremsanlagen gewöhnt ist, bei der originalen G/S mit Vorsicht tun: Der beherzte Griff in die Hebelei für die einsame vordere Scheibe als auch der Tritt, der die hintere Trommel bedient, erinnern ans sonntägliche Kuchenbacken - langsames, träges Rühren im dicken Teig.

Das Schalten ist auch nicht viel besser. BMW hat die R 80 G/S 1980 mit einer technischen Sensation auf dem Markt gebracht: die Monolever-Einarmschwinge mit innenliegendem Kardan-Antrieb. Die ersten Jahrgänge wie meine Dakar hatten noch kein Kardan-Gelenk. Mit katastrophalen Folgen: Jeder Gangwechsel hebelt das gesamte Fahrzeug aus - ein überhasteter Schaltvorgang mit gefühlloser Gasgabe an die beiden riesigen Bing-Vergaser fühlt sich an, als reite man einen spuckenden, röchelnden Eber eine Wendeltreppe hoch.

Mein Gott, was haben sich die Ingenieur bei diesem Kampfschwein damals bloß gedacht? BMW hatte es eilig mit der G/S, die 1980 auf den Markt geworfen wurde. Denn 1976 hatte der japanische Motorradhersteller Yamaha einen überraschenden Coup gelandet: die XT 500 - das ideale Motorrad für den damaligen Zeitgeist. Schluss mit den schweren Tourenschiffen. Rein ins Gelände, auf in die Freiheit! Wer damals XT fuhr, galt als harter Hund und war ultracool.

BMW war nicht cool zu dieser Zeit. Die Marke litt unter dem damaligen Boxer-Stallgeruch: altvordern, überholt, für die Biker auf dem Altenteil, wenig innovativ. Die Verkäufe gingen kontinuierlich zurück. In dieser Situation entwickelte und präsentierte BMW das Motorrad, das der Marke die Haut rettete und den Markt nicht nur in Deutschland von Grund auf veränderte: die BMW R 80 G/S.

Sie war die erste Enduro mit Mehrzylindermotor und die Mutter eines weltweit völlig neuen Markt-Segments - der großen Reise-Enduro. Die G/S sollte von alpinem Schotter über schlammige Pfade und afrikanischem Sand bis hin zur niederdeutschen Landstraße alle Terrains meistern. Die Kunden waren begeistert und sahen über die Unzulänglichkeiten der Maschine gerne hinweg - oder kannten es nicht besser.

Beherztes Sportmarketing

Aber alle Kunden kannten die Rallye Paris-Dakar. Die härteste Offroad-Herausforderung war die Bühne, auf der sich die G/S - als Kürzel für Gelände/Straße - beweisen sollte. 1980 belegte ein Privatteam den fünften Platz, 1981 fuhr der Franzose Hubert Auriol mit weitem Abstand als Erster über die Ziellinie. Der Beleg, dass die schweren Boxer tatsächlich fliegen konnten, machte sich bezahlt. Ende 1981 waren 6.631 Maschinen - mehr als das Doppelte des Solls - im BMW-Werk in Spandau ausgeliefert - damit war 1981 jede fünfte verkaufte BMW eine G/S.

"Ja, die Maschine, die Du grad gefahren bist, das ist die 84er Version der G/S. Sonderausführung Dakar. Großer 32 Liter-Tank, Einzelsitz mit Gepäckträger dahinter. Find ich ja immer noch einer der Schönsten aus der ganzen Baureihe." Mehr lässt sich Knut Gerken nicht entlocken.

Er fährt inzwischen eine R 1150 GS. Die hat ebenso wie die aktuellen R 1200 GS, R 1200 GS Adventure und die wassergekühlten F 800 GS mit dem Original - bzw. dessen Fahrverhalten - nichts mehr gemein. Nach 30 Jahren unaufhörlicher Hubraumerhöhung, Verästelungen im Stammbau und rund 550.000 verkauften Exemplaren ist das Motorrad, das BMW vor dem Bankrott rettete, technisch so ausgereift, dass es kaum noch zu verbessert ist. Seine Fahrer und Fahrerinnen lieben es, weil es die perfekte Fahrmaschine ist - der zweirädrige Käfer für Betuchte. BMW feiert seinen Heilsbringer am kommenden Wochenende, vom 2. bis 4. Juli 2010, auf den Zehnten BMW Motorrad Days in Garmisch. Hubert Auriol, der erste Dakar-Sieger auf einer GS, wird kommen.

Knut Gerken will nicht nach Garmisch. Er bleibt in Rethwisch. Gibt ja immer einen, der ein Problem hat mit einer alten BMW. Neuerdings kommen auch die Skandinavier zum ihm.

Und außerdem muss er mal seine alten G/S-Bestände durchsortieren. "Die waren doch die Besten, min Jung."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
PeteLustig, 30.06.2010
1. Gs
Wissen Sie, was an der GS wirklich schlimm ist? Das dieses grauselige Schnabeltier-Design mittlerweile sogar italienische Motorradkonstrukteure inspiriert.
Pinarello, 30.06.2010
2. Nee, BMW ist nur für Leute, die glauben was Besseres zu sein!
Zitat von sysopSeit 1980 haben die Motorrad-Bauer von BMW über 550.000 GS-Motorräder ausgeliefert. Ohne diesen Dauerbrenner hätte die letzte große deutsche Zweirad-Marke wohl kaum überlebt. Zum Jubiläum war SPIEGEL ONLINE mit dem Original unterwegs. http://www.spiegel.de/auto/fahrkultur/0,1518,703558,00.html
Na ja, ich fahre seit 21 Jahren eine richtige Enduro, nämlich Suzuki DR 750 Big, bulliger, solider Einzylinder gepaart mit japanischer Gründlichkeit, also genau das, was BMW seit 10 Jahren einfach nur noch nachbaut, am deutlichsten erkennbar am Spioler über dem Vorderrad, wer hat´s erfunden, richtig Suzuki. Übrigens, normalerweise grüßen sich ja Motorradfahrer bei Begegnungen auf der Straße, es sei denn man ist BMW-Fahrer, denn die fahren ja nicht Motorrad, die fahren BMW.
Knütterer, 30.06.2010
3. 1983...
Zitat von sysopSeit 1980 haben die Motorrad-Bauer von BMW über 550.000 GS-Motorräder ausgeliefert. Ohne diesen Dauerbrenner hätte die letzte große deutsche Zweirad-Marke wohl kaum überlebt. Zum Jubiläum war SPIEGEL ONLINE mit dem Original unterwegs. http://www.spiegel.de/auto/fahrkultur/0,1518,703558,00.html
.. habe ich mir, direkt nach dem 1. BMW-Offroadtag im fränkischen Alzenau und der kurz danach abgelegten Führerscheinprüfung zur Kl. 1, eine flamm neue R 80GS gekauft. Danke noch heute an Ubbo Borgesius von BMW, der dies ganz schnell möglich gemacht hat, dann damals waren die 80er ein rares Gut! Gut im Handling, fix unterwegs und der einzige Nachteil waren die METZLER-Reifen, deren Profil sich anfangs häufig stollenweise verabschiedete... Würde ich heute an eine Ur-80er in gutem Zustand kommen, der Deal wäre schnell perfekt ;-)
muckenflugplatz 30.06.2010
4. Hä?
Zitat von PinarelloNa ja, ich fahre seit 21 Jahren eine richtige Enduro, nämlich Suzuki DR 750 Big, bulliger, solider Einzylinder gepaart mit japanischer Gründlichkeit, also genau das, was BMW seit 10 Jahren einfach nur noch nachbaut, am deutlichsten erkennbar am Spioler über dem Vorderrad, wer hat´s erfunden, richtig Suzuki. Übrigens, normalerweise grüßen sich ja Motorradfahrer bei Begegnungen auf der Straße, es sei denn man ist BMW-Fahrer, denn die fahren ja nicht Motorrad, die fahren BMW.
Also ich fahre eine GS und ich grüße auch Suzuki DR Fahrer
waltinho 30.06.2010
5. Lehrgeld
Bin letztes Jahr mit meiner Softail im Sueden von Brasilien hinter einer GS 1200 hinterhergefahren und dachte mir wie der so sanft und schnell durch diese Kurven fuhr das kannst du auch!!!! Ich wurde dann aber schnell eines Besseren belehrt als ich in einer Linkskurve dann geradeaus fuhr und nur hoffte nicht in einem loch zu stuerzen. Seitdem betrachte ich die GS mit anderen Augen - Respekt -
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