40 Jahre NSU Ro80 Seiner Zeit voraus

Er war ein Avantgarde-Auto: Der Ro80 wurde von Fachleuten gefeiert, von den Kunden jedoch verschmäht. 40 Jahre nach seiner Premiere gilt die Limousine des Pkw-Herstellers NSU mit ihrem exotischen Wankelmotor als Meilenstein der Ingenieurskunst.


Wenn Rupert Stadler über den A4 spricht, platzt er fast vor Stolz. Der sei das "Rückgrat der Marke", sagt der Audi-Chef über das neue Modell. In den vergangenen 35 Jahren, doziert Stadler, seien 8,5 Millionen Exemplare der Mitttelklasse-Limousine und ihrem Vorgängermodell Audi 80 verkauft worden. Es hätte auch anders kommen können. Denn schon 1967 hatte der Hersteller NSU auf der Internationalen Automobilausstellung (IAA) mit dem Ro80 eine Limousine enthüllt, die das Zeug zu einer ähnlich erfolgreichen Karriere gehabt hätte. Doch daraus wurde nichts, denn der 4,87 Meter lange Luxusliner war für die eher preisbewusste NSU-Kundschaft mit einem Grundpreis von 14.150 Mark viel zu teuer. Und er war seiner Zeit um mindestens zehn Jahre voraus. Während die Konkurrenz noch im Blechbarock schwelgte, ließ NSU die Karosserie erstmals im Windkanal glätten. So entstand eine flache Front, eine stark geneigte Windschutzscheibe, eine aufsteigende Gürtellinie und eine schlanke Silhouette.

Fachleute lobten die von Designer Claus Luthe gestaltete Form und wählten den Ro80 zum Auto des Jahres, doch den Kunden muss der Wagen seinerzeit vorgekommen sein wie ein Ufo. Heute noch wirkt der Ro80 im Straßenbild, als sei er erst vor ein paar Monaten vom Band gelaufen. Doch vor 40 Jahren, zwischen Ford Taunus, VW Käfer und Opel Kapitän, war er ein schräger Exot.

Die unkonventionelle Form war nicht die einzige Extravaganz. Auch beim Antrieb wählten die NSU-Ingenieure einen Sonderweg. Sie setzten auf das 13 Jahre zuvor von Felix Wankel entwickelte Prinzip der rotierenden Kolben. Ein solcher Rotationskolbenmotor ist leichter, besteht aus weniger Teilen und braucht weniger Platz - was die flache Karosserieform erst ermöglichte. Außerdem galt die Maschine als kultivierter. "In der Theorie war das keine schlechte Idee," sagt Jürgen Kolle vom Zeithaus der VW-Autostadt. "Während ein Hubkolbenmotor auf dem Prüfstand unter Volllast 300 bis 400 Stunden hielt, lief der Wankel 1000 Stunden ohne Störung."

Wankelmütige Technik ruinierte den Ruf

Allerdings hatten die Ingenieure die Rechnung ohne die Fahrer und die größtenteils überforderten NSU-Werkstätten gemacht. Wechselnde Einsatzbedingungen, schlampige Ölkontrollen und diffizile Einstellprozeduren für Vergaser und Zündung machten den Ro80 zum Dauergast auf dem Pannenstreifen.

Die Kunden erhielten Austauschmotoren wie andere neue Zündkerzen. Und wenn ein Ro80-Fahrer den anderen grüßte, so zeigte die Zahl der ausgestreckten Finger einem damals kursierenden Witz zufolge, wie viele Aggregate das jeweilige Auto schon verschlissen hatte. Kein Wunder also, dass der Ruf trotz kulanter Ersatzteilversorgung und schneller Nachbesserung dauerhaft ruiniert war.

Als NSU und Auto Union 1969 zu Audi fusionierten, war für die Verantwortlichen deshalb schnell klar, dass der Wankelmotor eine Totgeburt war. Für das Aggregat wurden teure Lizenzen fällig. Zudem verbrannte der Motor in der Praxis mehr als 20 Liter Benzin. Die Zukunft gehörte dem Audi 80. Der Ro80 hingegen wurde nach zehn Jahren Bauzeit und nicht einmal 40.000 Exemplaren 1977 eingestellt - mit ihm verschwand auch der Markennamen NSU.

Jürgen Kolle aber hat den Wagen nicht vergessen. Denn erstens gehört auch ein NSU zur Geschichte des VW-Konzerns, und zweitens stehen im Zeithaus nicht nur Volkswagen. Doch auch wenn der Ro80 aus seinem Fuhrpark zu den letzten Autos aus der Produktion zählt, 1977 nur drei Monate lang zugelassen war und gerade mal 17.000 Kilometer gelaufen ist, machte ihm der Wagen bislang keine große Freude.

"An Fahren war nicht zu denken", schimpft der Museumsmann über seine Kollegen, die den Ro80 20 Jahre lang nicht bewegt und nur von einer Ausstellung zu nächsten geschoben haben. "Davon geht jedes Auto kaputt", klagt der Experte und freut sich umso mehr über den runden Geburtstag. Denn der war Grund genug, den einzigen Ro80 des Wolfsburger Fuhrparks wieder flott machen zu lassen.

Fahren auf Polstersesseln und mit Turbinenklang

Jetzt erfreut sich Kolle am dezenten Klang der zwei Kreiskolben, die vorn unter der Haube in knapp einem Liter Brennraum rotieren wie am ersten Tag. Wer einsteigt, fühlt sich auf Anhieb wie zu Hause. Man gleitet wie von selbst auf bequeme Polstersessel im Wohnzimmer-Format und genießt vorn wie hinten – dem Radstand von 2,86 Metern sei dank – überraschend viel Beinfreiheit. Der Blick schweift über ein hübsches, mit dickem Kunstleder bezogenes Armaturenbrett. Die Fenster, deren Chromrahmen heute manche Luxuslimousine erblassen ließen, haben ein Format, das den Beinamen Panorama tatsächlich verdient.

Wer zum spindeldürren Lenkrad greift und den Zündschlüssel dreht, lernt eine weitere Eigenart des Ro80 kennen. Sein halbautomatisches Getriebe. Zwar ragt zwischen den Sitzen ein schlanker Schaltknüppel aus dem Boden, doch ein Kupplungspedal sucht man neben Gas und Bremse vergebens. Die Kupplung öffnet elektrohydraulisch und wird von einem im Schaltknauf verborgenen Kontakt gesteuert. Sobald man Hand an den Griff legt, ist der Weg frei für einen der drei Gänge. Lässt man den Knauf wieder los, schließt sich der Kraftfluss und der Ro80 schnurrt munter voran.

"210 oder 220 km/h waren immer drin"

Flüsterleise und ohne lästige Vibrationen nimmt der Oldtimer Fahrt auf. Wo andere Autos dieses Alters knattern oder nageln, hört man hier nur ein Surren. An Kraft mangelt es dem Wagen nicht. 12,8 Sekunden für den Spurt von 0 auf 100 stehen im Datenblatt, und die Höchstgeschwindigkeit von 180 km/h hält Kolles Restaurator Klaus Behrens aus Braunschweig für untertrieben. "Tacho 210, 220 km/h waren immer drin", sagt der Fachmann, der von 1947 bis 1977 eine NSU-Werkstatt besaß, zwischenzeitlich 400 alte Ro80 als Ersatzteillager hortete und in Niedersachsen noch immer eine wichtige Adresse für die schwindende Zahl der fahrfähigen Oldies ist.

Der Ro80 lässt sich dank Servolenkung mit dem kleinen Finger steuern und ist dank eines aufwändigen Fahrwerks etwas stramm, aber überraschend komfortabel unterwegs. Und das ohne jegliche elektronische Helfer. Kolle wird in nächster Zeit noch öfter das Vergnügen haben, den Ro80 zu fahren. Denn erstens geht es ob des Geburtstags buchstäblich rund mit dem Wankelmotor. Und zweitens soll das seltene Auto nicht noch einmal zum Stillstand verdammt werden.

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.