50 Jahre Karmann Typ 34 Der verkannte Große

Der Karmann Ghia als elegante Ableitung des VW Käfers war der Gigolo unter den Wirtschaftswunderautos. Nach dem gleichen Rezept sollte der Karmann Typ 34 den VW 1500 flankieren. Doch der eigenwillige Zweitürer, der vor 50 Jahren debütierte, wird bis heute verkannt.

Tom Grünweg

Ende der fünfziger Jahre läuft die Wirtschaft rund in Deutschland, die Kassen sind voll, und der VW Käfer ist vielen Autofahrern schon zu mickrig geworden. Um die Abwanderung der Kunden zu Konkurrenten wie dem Ford 17 M oder dem Opel Rekord zu stoppen, drängt der damalige VW-Chef Heinrich Nordhoff deshalb in die Mittelklasse. Auf der Frankfurter Automobilausstellung stellen die Wolfsburger 1961 also den Typ 3 vor, der als VW 1500 bekannt wird. Auf der Messe feiert aber noch ein zweites Modell mit VW-Wurzeln Premiere: der Karmann Typ 34.

Dieser "große Karmann" war nie als Nachfolger für den Käfer-Ableger Typ 14, also den "normalen" Karmann Ghia, geplant. Durchaus aber sollte das Auto den Kunden den Aufstieg in eine neue Klasse und eine neue Zeit ermöglichen. Die bisherige Form hielten Ghia-Designchef Luigi Segre und schließlich auch Firmenchef Wilhelm Karmann für überholt. Das neue Auto sollte größer und kantiger werden, und so wuchs der Typ 34 allein in der Länge um 14 Zentimeter gegenüber dem Typ 14.

Wohin Ghia-Designer Sergio Sartorelli bei der Arbeit am Projekt "Lyon" schielte, erkennt man auf den ersten Blick: In die USA, wo Chevrolet mit dem Corvair zu dieser Zeit ein für amerikanische Verhältnisse fast schon revolutionär kleinen, sportlichen Traumwagen auf die Räder gestellt hatte. Während die anderen US-Hersteller noch der Heckflosse huldigten, trug dieses Auto eine klar gezeichnete, kantige Karosse mit einer markanten Sicke, die auf Höhe der Gürtellinie einmal komplett ums Fahrzeug lief. Diesen Falz übernahm Sartorelli für den Typ 34, legte ihn über die Flanke und führte die Linien an der Frontpartie in einem ausdrucksstarken Gesicht zusammen. Wie Augenbrauen sitzen die Blechkanten über den kreisrunden, weit nach innen gesetzten Nebelscheinwerfern - und formen dann noch eine Stupsnase.

Mit diesem Auto begibt man sich immer auf eine Zeitreise

Wie es bei Karmann Sitte war, wollten es die Niedersachsen nicht nur beim Coupé belassen. Sondern natürlich wurde auch ein Cabrio entworfen, von dem allerdings nur wenige Exemplare gebaut wurden. "Wie viele es genau waren, darüber streiten sich die Experten", sagt Klaus Ulrich, der für VW im unlängst von Karmann übernommenen Werk Osnabrück die Klassiker betreut. "Die meisten Quellen nennen zwölf Autos, von denen drei überlebt haben." Ganz sicher ein Einzelstück geblieben ist der feuerrote Karmann Ghia 1600 TL von 1965, den Ulrich für den Fotografen auch noch ins Bild fährt. Denn dieses Auto wurde parallel zur Wolfsburger Fließheck-Limousine 1600 TL entwickelt, wäre aber im Vergleich zum VW das praktischere Auto geworden: Schließlich verfügte er damals schon über eine große Heckklappe und umklappbare Rücksitzlehnen. Dieses Karmann-Unikat ist damit die Vorlage für alle neuen Sportback-Modelle von Audi.

Seinen Charme hat der große Karmann Ghia bis heute nicht verloren. Wenn man mit ihm von Osnabrück durch die Bauernschaften in Richtung Teutoburger Wald rollt, wähnt man sich auf einer Zeitreise in die fünfziger Jahre: Aus dem nostalgischen Radio mit dem fast hypnotischen Lautsprecherdesign schallen je nach Gusto Rudi Schuricke und Lale Andersen oder Dean Martin und der frühe Sinatra, in den Türtaschen stecken ein paar Flaschen Bluna oder Sinalco Cola und draußen zieht eine Frühlingslandschaft vorbei, die sich in 50 Jahren kaum verändert hat.

Dass man das riesig große, aber spindeldürre Lenkrad ohne Servounterstützung kaum bewegen kann, auf den schmalen Landstraßen nur mit Mühe die Ideallinie trifft und beim Bremsen viel Gottvertrauen braucht, ist nicht weiter schlimm. Viel mehr als 80 Sachen mag man dem Oldtimer ohnehin nicht zumuten - obwohl der anfangs 1,5 Liter große und 45 PS starke, später auf 1,6 Liter und 54 PS aufgebohrte Boxermotor, in besseren Tagen auf Tempo 150 kam.

Ein schönes Auto, das aber nicht den Massengeschmack traf

Heute dagegen genießt man auf den kurzen Ledersitzen, die so tief einfedern wie Omas Federkernmatratze, die automobile Entschleunigung. In diesem Auto reicht eine butterweiche Dreigang-Automatik, aus dem Heck rasselt der Boxermotor, dessen Klang von den weichen Polstern der Rückbank kaum gedämpft den Innenraum füllt. Dass er den Passagieren auch kräftig einheizt und bereits im frühen Frühling für hochsommerliche Temperaturen im Innenraum sorgt, ist ebenfalls zu verschmerzen. Nicht umsonst hatte der Typ 34 damals neben Ausstellfenstern auch schon ein elektrisches Stahldach.

Zwar ist das Coupé eigentlich ein traumhaft schönes Auto, das noch heute jeden Blick fängt, doch so richtig erfolgreich war der große Wagen aus Osnabrück nicht. Während Karmann vom kleinen Ghia zwischen 1955 und 1974 mehr als 440.000 Exemplare baute, war beim großen Modell bereits am 30. Juni 1969 nach exakt 42.505 Fahrzeugen schon wieder Schluss. Das Design war wohl doch etwas zu modern und eigenwillig, um eine weitreichende Anziehungskraft zu entfalten.

Die Bürde der verkannten Größe trägt der Typ 34 bis heute. Karmann-Kenner Ulrich klagt: "Die Gebrauchtwagenpreise für das Modell sind eigentlich viel zu niedrig." Obwohl mittlerweile nur noch selten angeboten, könne man ein Fahrzeug im Top-Zustand bereits für 15.000 Euro kaufen. "Dabei müsste dieses Auto doch viel teurer sein", sagt Ulrich mit Blick auf die Preise des kleinen Bruders. Obwohl zehnmal so oft gebaut, seien ordentliche Modelle des Typs 14 kaum für weniger als 20.000 Euro zu bekommen.

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insgesamt 19 Beiträge
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settembrini. 03.04.2011
1. Meine erste Abreibung 1955
Zitat von sysopDer Karmann Ghia als elegante Ableitung des VW Käfers war der Gigolo unter den Wirtschaftswunderautos. Nach dem gleichen Rezept sollte der Karmann Typ 34 den VW 1500 flankieren. Doch der eigenwillige Zweitürer, der vor 50 Jahren debütierte, wird bis heute verkannt. http://www.spiegel.de/auto/fahrkultur/0,1518,754511,00.html
In meiner Heimatstadt Köln schwärmten die älteren Schüler auf dem Schulhof (ich war Viertklässler), - vom neuen "Karmann Ghia". In einem etwa eine Stunde Fußweg entfernten Stadtteil Kölns sollte auf dem Hof des größten VW-Händler der Stadt, das "Luxusauto" zu bestaunen sein. Tatsächlich - da stand er, mit gewölbten Scheiben, ganz anders als Vaters "Brezelfenster-Käfer" und entsprechenden Scheibenwischern, die mehrgelenkig, die Wölbung beim Wischen, berücksichtigen konnten. Das waren meine Ersten Eindrücke und natürlich der Geruch des nagelneuen- und nach Lack und Gummi duftenden Prachtautos. Auch die anschließende Trachtprügel, weil heimlich direkt von der Schule und nicht rechtzeitig nachhause gekommen vom Vater empfangen, konnte mir nicht nehmen, einer der Ersten gewesen zu sein. Alle Nachfolger dieses Modells blieben mit Abstand zurück und auch heute noch ging der Wagen mit etwas stämmiger wirkendem Fahrwerk, jedem Autonarren unter die Haut.
Ölprinz 03.04.2011
2. Neuwagenpsychose?
Zitat von sysopDer Karmann Ghia als elegante Ableitung des VW Käfers war der Gigolo unter den Wirtschaftswunderautos. Nach dem gleichen Rezept sollte der Karmann Typ 34 den VW 1500 flankieren. Doch der eigenwillige Zweitürer, der vor 50 Jahren debütierte, wird bis heute verkannt. http://www.spiegel.de/auto/fahrkultur/0,1518,754511,00.html
Lieber Herr Grünweg, bitte bleiben Sie bei Ihrer Kernkompetenz und schreiben nur noch über Neuwagen. Oder erklären Sie, warum ein Auto mit leichter Vorderachse (dank Heckmotor) und dünnen Reifen trotz eines riesigen Lenkrades (Hebelwirkung?) sich kaum lenken lassen soll? Und wieso man bei Geschwindigkeiten über 80 km/h dem Tod ins Auge blickt? Nein, früher war nicht alles besser und die Fahrzeugtechnik hat enorme Fortschritte gemacht. Dennoch suchen viele Menschen, denen der automobile Einheitsbrei des 21. Jahrhunderts zu langweilig ist, solche ECHTEN Fahrzeuge, die ohne elektronische Helferlein bewegt werden können - und durchaus engagierter als mit 80 km/h.
A-Schindler, 03.04.2011
3. Schönes Auto
Leider Baut VW nur noch optischen Müll der nur zum schnellen Autowaschen taugt. Auch scheint der Innenraum besser zu sein vor allem "Übersichtlicher". Würde VW wieder solche Autos bauen würde ich mir vielleicht auch ein Deutsches Auto kaufen. Die damalige Motorleistung reicht auch völlig, da mein jetziges Auto auch nur ein 660ccm³ Motor hat mit 68PS die mein kleinen Copen auf max 170km/h Beschleunigt.
Froh mit ALG Zwo 03.04.2011
4. Auf Thema antworten
Zitat von ÖlprinzLieber Herr Grünweg, bitte bleiben Sie bei Ihrer Kernkompetenz und schreiben nur noch über Neuwagen. Oder erklären Sie, warum ein Auto mit leichter Vorderachse (dank Heckmotor) und dünnen Reifen trotz eines riesigen Lenkrades (Hebelwirkung?) sich kaum lenken lassen soll? Und wieso man bei Geschwindigkeiten über 80 km/h dem Tod ins Auge blickt? Nein, früher war nicht alles besser und die Fahrzeugtechnik hat enorme Fortschritte gemacht. Dennoch suchen viele Menschen, denen der automobile Einheitsbrei des 21. Jahrhunderts zu langweilig ist, solche ECHTEN Fahrzeuge, die ohne elektronische Helferlein bewegt werden können - und durchaus engagierter als mit 80 km/h.
Nun, das passiert bei servolenkungsgestählten Oberarmen schon mal. Und wenn der Autor dann noch sein Urlaubsgepäck dabei hatte ... Btw, bei den innenliegenden Scheinwerfern unter den "Augenbrauen" handelt es sich nicht um Nebel- sondern um Fernscheinwerfer. Erstere hängen - zumindest bei dem hier gezeigten Coupé - unter der Stoßstange.
kapitaen1 03.04.2011
5. Karman Ghia...
da kommt man wieder ins traeumen. Ich hatte den Typ 34 als gebrauchten mit 54 PS. Es war herlich, das Auto. Leider gibt es so etwas schoenes nicht megr.
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